Obdachlosenhilfe in Zeiten von Corona

"Wir haben auf Notbetrieb umgestellt"

Georg Wagner, Geschäftsführer der Stadt-Diakonie Linz, im Interview

20.03.2020
Georg Wagner: "Der aktuelle Maßnahmenplan oder Forderungen wie #StayTheFuckHome können nur funktionieren, wenn es ein "home" gibt." (Foto: © Nadja Meister)
Georg Wagner: "Der aktuelle Maßnahmenplan oder Forderungen wie #StayTheFuckHome können nur funktionieren, wenn es ein "home" gibt." (Foto: © Nadja Meister)

Was bedeutet die Coronakrise für den Alltag im Of(f)’n-Stüberl*?

Wir haben auf Notbetrieb umgestellt. Es geht jetzt auch bei uns darum, dass nicht mehr viele Menschen an einem Ort zusammenkommen. Das bedeutet: Alle Menschen, die wohnversorgt sind – die also in einer kleinen Wohnung oder Wohngemeinschaft bleiben können, sollen nicht mehr kommen. Nur, wer tagsüber keinen Platz hat und zum Beispiel in einer Parkgarage, am Busbahnhof, im Park oder in einer öffentlichen Toilette schläft, soll jetzt zu uns kommen.

Was ist im Of(f)’n-Stüberl anders als sonst?

Wir schauen, dass jeder beim Frühstück ausreichend Platz und Abstand zu anderen hat. Wir achten sehr genau auf die Hygiene, auf Sicherheitsabstände beim Reden. Wir sperren eine Stunde später auf, haben also nicht mehr so lange geöffnet. Und wir haben Lunchpakete zum Abholen.

Ein völlig anderes Arbeiten also…

Ja. Wir müssen jetzt sehr genau schauen, wer uns nun besonders braucht. Es gilt auch: Eher mehr als weniger reden. Und gemeinsam mit anderen Einrichtungen arbeiten wir daran, das ganze Hilfssystem zu adaptieren. Menschen, die in der Notschlafstelle übernachten, können sich dort jetzt auch am Tag aufhalten.

Die Menschen kommen aber nicht nur zu euch, um zu essen…

Wir müssen gut darauf achten, mit den Menschen, die uns brauchen, in Kontakt zu bleiben. Viele hatten die meisten ihrer Kontakte mit anderen hier im Of(f)’n-Stüberl. Das ist eine neue Herausforderung: Wer ist wie erreichbar? Wie können wir alle informieren, ob und wann sie kommen dürfen und wann und wie sie sich melden können? Für viele Menschen war das informelle Vorbeikommen und Beziehunghalten im  Of(f)’n-Stüberl bisher ihre "Lifeline".

Was ist aktuell die größte Herausforderung?

Ganz klar die Hygiene und die Sicherheitsabstände. Die Menschen, die zu uns kommen, schlafen auf der Straße. Damit wird das zu einer großen Herausforderung. Das bedeutet auch: Wir müssen Menschen wegschicken – zum Schutz der anderen, die die  Hygienevorschriften ganz selbstverständlich einhalten.

Sie selbst waren heute den ganzen Vormittag im Einsatz.

Wir alle machen jetzt viel ehrenamtliche Arbeit mit, weil wir Ehrenamtliche wegen ihres Alters oder aufgrund von Vorerkrankungen gebeten haben, nicht mehr zu kommen.

Wie blicken Sie in die nächsten Tage?

Zuversichtlich. Weil wir merken, dass das soziale Netz, der Zusammenhalt zwischen angestellten Mitarbeiterinnen, freiwilligen Mitarbeiterinnen und Gästen hält. Wir alle schauen aufeinander, sind guten Mutes – und haben unseren Humor nicht verloren. Zuversichtlich auch, weil jetzt so manche verdeckte Not ganz offen zu Tage tritt.

Wie meinen Sie das?

Für manche ist die Krise auch die Chance, jetzt zuzugeben: Ich habe gar keine Wohnung, sondern eigentlich nur eine Garage, die ich angemietet und zum Schlafplatz umfunktioniert habe. Aber mir ist schon auch wichtig, zu sagen: Der aktuelle Maßnahmenplan oder Forderungen wie #StayTheFuckHome können nur funktionieren, wenn es ein "home" gibt, wenn "housing" existiert.

Wer kein Zuhause hat, kann nicht zuhause bleiben.

Wir brauchen eine Realisierung des Rechts auf Wohnen. Dann wäre die Herausforderung nur mehr, wie unsere KlientInnen an Lebensmittel kommen. Das lösen wir gerade. Und dann muss sichergestellt werden, dass es eine psychosoziale Betreuung übers Telefon gibt – oder über eine kurze Meldung bei uns während eines erlaubten Spaziergangs.

Sie blicken nicht nur zuversichtlich in die Zukunft, sondern auch mit vielen Fragen…

Wir stehen vor der Herausforderung, dass wir möglichst viel, was ein Tageszentrum im Normalbetrieb bietet, jetzt anpassen müssen und irgendwie weiter bieten müssen. Es geht hier um Menschen, die weder persönlich noch materiell die Möglichkeiten anderer haben, mit dieser Krise umzugehen. Ich sage es offen: Ich fürchte, dass jetzt viele Hilfeschreie nicht gehört werden. Vereinsamung und die Eskalation psychischer Erkrankungen. Materielle Not und die gesundheitlichen Folgen. Eine Riesenfrage ist auch, ob wir ausreichend Spenden bekommen werden, um die Überbrückungshilfen, die jetzt einfach für viele Menschen nötig sind, bedienen zu können. Im bisherigen, normalen Betrieb werden wir so phantastisch durch Sachspenden für unseren Of(f)’n-Stüberl Betrieb getragen, jetzt hoffen wir, dass entsprechend der besonderen Herausforderungen mehr Geldspenden reinkommen, um die Situation zu meistern.

* Das Of(f)'n-Stüberl der Diakonie in Linz bietet einen geschützten, warmen Raum ohne Konsumationszwang, wo Menschen angenommen werden, wie sie sind und bietet unter anderem Frühstück für jeden.

Corona Hilfsfonds

Die #Diakonie hat einen Corona Hilfsfonds eingerichtet und bittet um Spenden: https://diakonie.at/coronavirus-hilfsfonds

Passen wir aufeinander auf und lassen wir niemanden allein!

#TeamHoffnungsträger