1. Ort der Hoffnung 2018

Ein Museum als #OrtDerHoffnung für Menschen mit und ohne Demenz

„Es ist schon eine eigene Atmosphäre hier, wir sind umfangen von Kunst“, staunt Theresia Adam, als sie mit Aloisia Huber und Begleiterin Monika Ziegerhofer vom Diakoniewerk den Prunkraum im Palais Herberstein in der Grazer Sackstraße betritt. „Hier fanden prächtige Tanzveranstaltungen statt“, erklärt Kunstvermittler Christian Pomberer, und sofort entspinnt sich ein launiges Gespräch über die Tanzschulzeit, rauschende Bälle und die Damenwahl. „Das war mir immer lieber, ich habe mir nur die sympathischen Herren ausgesucht“, rundet Frau Adam ihre Erzählung ab.

01.12.2018
  • "Einfach schauen"-Im Universalmuseum Joanneum führen speziell geschulte VermittlerInnen Menschen mit und ohne Demenz durch die Ausstellungen. Foto Diakoniewerk
    "Einfach schauen"-Im Universalmuseum Joanneum führen speziell geschulte VermittlerInnen Menschen mit und ohne Demenz durch die Ausstellungen. Foto Diakoniewerk
  • "Einfach schauen"-Im Universalmuseum Joanneum führen speziell geschulte VermittlerInnen Menschen mit und ohne Demenz durch die Ausstellungen. Foto Diakoniewerk
    "Einfach schauen"-Im Universalmuseum Joanneum führen speziell geschulte VermittlerInnen Menschen mit und ohne Demenz durch die Ausstellungen. Foto Diakoniewerk
  • "Einfach schauen"-Im Universalmuseum Joanneum führen speziell geschulte VermittlerInnen Menschen mit und ohne Demenz durch die Ausstellungen. Foto Diakoniewerk
    "Einfach schauen"-Im Universalmuseum Joanneum führen speziell geschulte VermittlerInnen Menschen mit und ohne Demenz durch die Ausstellungen. Foto Diakoniewerk

Die Gruppe besucht das Museum für Geschichte des Universal Museums Joanneum im Rahmen des Formats „Einfach schauen“. In Führungen mit speziell geschulten Vermittlerinnen und Vermittlern besuchen Menschen mit und ohne Demenz Ausstellungen an verschiedenen Standorten des Universal Museums.

Die Gäste der Tagesbetreuung und BewohnerInnen des Pflegeheims Haus am Ruckerlberg des Diakoniewerks sind mittlerweile Stammgäste des monatlichen Formats, das allen interessierten Personen aus Tages- und Pflegeeinrichtungen und ihren BegleiterInnen offen steht.

Initiatorin Angelika Vauti-Scheucher von der Stabsstelle Inklusion und Partizipation des Joanneums erklärt das Konzept von „Einfach schauen“: „Wir sehen das Museum als Ort der kulturellen Begegnung und der sozialen Inklusion. Im Museum sollen Menschen mit und ohne Demenz ihr Potential ausschöpfen und sich entfalten können.“

Konzipiert wurde das Format in Zusammenarbeit mit dem Diakoniewerk Steiermark. In der Pilotphase ging es um ganz konkrete Fragen: Wie lange soll eine Führung dauern? Welche Sitzmöglichkeiten braucht es? Wie geht es den BesucherInnen mit der Akustik im Museum? Es folgten mehrere Probebesuche mit einer Gruppe aus der Tagesbetreuung des Diakoniewerks.

„Aus den Beobachtungen und Rückmeldungen der TeilnehmerInnen heraus haben wir das Angebot immer weiter adaptiert, sodass das Projekt nun bestens auf die Bedürfnisse von Menschen mit Demenz abgestimmt ist“, erzählt Ingrid Ferstl, Leiterin der Tagesbetreuung.

Die VermittlerInnen sprechen durch ihre Angebote die Sinne der BesucherInnen an. Betrachten, Besprechen und Anfassen von ausgesuchten Objekten wecken Erinnerungen, Gefühle und Assoziationen. Da werden Porzellantassen herumgereicht, historische Ansichtskarten angesehen oder den Klängen alter Musikinstrumente gelauscht.

Christian Pomberer schlüpft für seine Gäste sogar in historische Kleidung. „Der Reifrock und die Perücke kommen immer gut an!“ Auch Ingrid Ferstl ist vom multisensorischen Zugang begeistert: „Schätze aus der Vergangenheit, wie Lieder, Gedichte oder Geschichten, werden gehoben“. „Wir wollen mit „Einfach schauen“ Erinnerungen wecken und Erinnerungen wachhalten“, ergänzt Angelika Vauti-Scheucher.

Menschen mit Demenz sind mit vielen Verlusten konfrontiert. „Aber die Fähigkeit, Genuss zu empfinden und sich an Kunst zu erfreuen, bleibt trotz Demenz bestehen“, betont Ingrid Ferstl.

Die Führungen bieten die Möglichkeit, Erfolgserlebnisse zu spüren und Augenblicke der Freude in einem ungewohnten Rahmen zu verbringen. Kunsterleben soll Spaß machen, soll Spielräume und Interpretationen zulassen. Ästhetisch-sinnliches Erleben kenne keine Altersgrenze, ist Angelika Vauti-Scheucher überzeugt.

Die Gruppe rund um Frau Adam schlendert weiter durch die Prunkräume mit den vielen Ausstellungsstücken quer durch die Geschichte. Die Gespräche reißen nicht ab, die Assoziationen sprudeln, ein Thema ergibt das andere. „Hut ab vor diesem handwerklichen Geschick“, merkt Frau Adam beim Betrachten zweier Thonet-Stühle an, „solche habe ich auch“. Vermittler Pomberer nickt anerkennend: „Da haben Sie ja richtige Schätze zuhause.“ Szenen wie diese zeigen, dass kulturelle Teilhabe Kommunikation und Beziehung ist: Mit dem Objekt, mit den anderen und mit dem Kunstvermittler.

Die Führungen sind bewusst interaktiv angelegt. Dem Teilen von Erinnerungen wird viel Zeit gewidmet. „Einfach schauen“ ist eine Erzählrunde im Ausstellungsraum. Die Objekte schlagen eine Brücke von der Vergangenheit in die Gegenwart. Im Austausch entstehen neue, gleichberechtigte Erzählräume zwischen Menschen mit und ohne Demenz, zwischen VermittlerInnen und BesucherInnen. Im Erzählen heben sich Grenzen auf: Die Fragen „Wer ist Expertin?“ und „Wer ist Betroffener?“ spielen im gemeinsamen Erleben und Erzählen keine Rolle mehr.

„Das Format ist eine neue Erfahrung für uns alle. Keine Führung war bisher wie die andere. Es erfordert immer ein Einlassen auf neue Situationen und Charaktere“, zieht Christian Pomberer erste Bilanz und freut sich, dass bisher fast alle Termine von „Einfach schauen“ ausgebucht waren.

Was bewegt eine Einrichtung wie das Universal Museum zu diesem Engagement? „Wir verstehen uns als offenes und niederschwelliges Museum, das aktive Teilhabe fördert und in alle gesellschaftlichen Bereiche hineinwirkt“, so Angelika Vauti-Scheucher. Sie ist sich sicher, dass das Projekt einen wesentlichen Beitrag zum kulturellen Leben in der Kulturhauptstadt Graz leistet. „In einer Stadt“, ergänzt Ingrid Festl vom Diakoniewerk, „die sich auf den Weg zu einer demenzfreundlichen Gemeinde macht.“

Die Gruppe hat den Rundgang durch den Prunksaal mittlerweile beendet. Eineinhalb Stunden sind schnell vergangen. „Sie haben uns eine schöne Zeit beschert, bis bald!“, freut sich Frau Adam auf den nächsten Besuch im Museum.

Das Diakoniewerk Steiermark bietet Tagesbetreuung für Menschen mit Demenz an. Sie findet im Haus am Ruckerlberg statt, in dem es auch neun Hausgemeinschaften für jeweils 12 bis 14 Bewohner gibt. Besonders Menschen mit hohem Pflegebedarf genießen die familiäre Atmosphäre in dieser Wohnform.

Hier geht es zum Projekt „Einfach schauen“ Universal Museum Joanneum"

 

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Über die Serie #OrtDerHoffnung

Angst, Neid, Wut und Misstrauen sind die Schlüsselbegriffe, die die derzeitigen öffentlichen Debatten regieren. Wir brauchen eine gesellschaftliche Kraftanstrengung, die den Zusammenhalt in den Vordergrund stellt und nicht den Neid und das gegenseitige Ausspielen von ohnehin benachteiligten Gruppen in der Gesellschaft.

Die Arbeit der Diakonie besteht darin, Angst zu nehmen und Hoffnung zu geben; der Abwertung von Menschen entgegen zu treten und ihre Würde zu bewahren. Mit der Social-Media-Serie #OrtDerHoffnung macht die Diakonie auf Menschen und Projekte aufmerksam, die Lebensqualität, sozialen Zusammenhalt und Solidarität fördern und weiterentwickeln.