Begegnung auf Augenhöhe

Zeit zum Heimkommen - der ehemalige Barackenbau in Neu Albern ist wieder mit Leben gefüllt

Nach einer längeren Umbauphase sind wir zurück im Haus Neu Albern - Grundversorgungsquartier für erwachsene Männer. Unser Kollege Christian gibt uns Einblick in seine Arbeit als psychologischer Berater und erzählt, wie es den Bewohnern mit zunehmenden Anfeindungen geht.

08.06.2018
  • Gartengestaltung schafft Tagesstruktur © Nadja Meister | Diakonie Flüchtlingsdienst
    Der Garten wird von Bewohnern gestaltet und gepflegt© Nadja Meister | Diakonie Flüchtlingsdienst
  • Deutschkurse und Ausbildungsangebote © Nadja Meister | Diakonie Flüchtlingsdienst
    Deutschkurse und Ausbildungsangebote © Nadja Meister | Diakonie Flüchtlingsdienst

Das Haus Neu Albern bietet Platz für erwachsene Männer in der Grundversorgung. Viele von ihnen müssen traumatische Erlebnisse verarbeiten, einige leiden unter psychischen Folgeerscheinungen der Belastungen. Neu Albern ist oft ihr letzter Zufluchtsort. Hier finden sie Hoffnung und ein Team, das an sie und ihre Zukunft glaubt und gemeinsam mit ihnen daran arbeitet. Wie haben mit Christian Eder, Mitarbeiter im Haus Neu Albern, über seine Arbeit und darüber gesprochen, wie Bewohner mit zunehmenden Anfeindungen und drohenden Abschiebungen umgehen.

Welcher Klient wird dir ewig in Erinnerung bleiben?

Christian Eder: Es sind viele Geschichten und Menschen, die mir einfallen. Vielleicht Nadifa* aus Somalia, der in einem sehr schlechten Zustand war, als er vor drei Jahren zu uns kam. Er war traumatisiert, durch eine Schusswunde am Bein ist er gehbehindert und er hört nur sehr eingeschränkt. Es hat eine Weile gedauert, bis wir ihn stabilisieren konnten. Doch mittlerweile – auch durch die Zusammenarbeit mit anderen Einrichtungen – ist Nadifa in der Lage, seinen Alltag recht selbstständig zu organisieren. Er besucht den Deutschkurs für Hörbehinderte und lernt die internationale Gebärdensprache. Wir hoffen sehr, dass Nadifa hier in Wien, wo auch sein Bruder wohnt, bleiben kann.

Was motiviert dich für die Arbeit?

Es ist die Abwechslung durch die vielen unterschiedlichen Leute, mit denen ich hier arbeite – verschiedenste Nationalitäten, Persönlichkeiten und Kulturen. Es ist auch die unglaublich große Toleranz, mit der sich KollegInnen aber auch Klienten hier im Haus begegnen. Und dann die große Freude und Dankbarkeit, die einem – oftmals wegen Kleinigkeiten – entgegengebracht wird.

Was zeichnet eure Arbeit mit Klienten aus?

Es sind einerseits die Begegnungen auf Augenhöhe und der sehr herzliche und warme Umgang mit den Leuten die hier wohnen. Andererseits ist es die Zeit die wir haben, um auf Besonderheiten und Bedürfnisse einzugehen – kurz, die individuelle Betreuung der Bewohner. Das Betreuungsverhältnis ist sehr persönlich und durch sehr viel Nähe gekennzeichnet. Wir begegnen ihnen als Menschen, weniger als Klienten. Es ist die menschliche Basis, auf der wir uns hier verständigen und treffen – und das ist extrem wirkungsvoll. Und natürlich der Humor als dritte, sehr wichtige Säule im Arbeitsalltag und im Umgang miteinander.

Wie kannst du dich – trotz engem Betreuungsverhältnis – von der Arbeit abgrenzen?

Ganz klar durch die Gespräche und Reflexion mit KollegInnen. Es arbeiten sehr gut ausgebildete Leute hier, ihre Erfahrung und ihre Expertise geben mir Rückhalt. Und es ist ein Lernprozess zu akzeptieren, dass wir nicht alles und alle retten können. Oft reicht es als Mensch, weniger als Psychologe für die Bewohner da zu sein.

Wir gestalten hier unseren Mikrokosmos und schaffen Rahmenbedingungen für ein menschliches Miteinander. Es ist ein Ort, wo sich Klienten zurückziehen, zuhause sein können und willkommen sind.
Christian Eder, psychologischer Berater Haus Neu Albern

Macht sich die verschärfte Rhetorik über geflüchtete Menschen bei euren Bewohnern bemerkbar?

Ja. Die pauschalen Verurteilungen von Nationalitäten, Religionen oder Kulturen, etwa in Gratis-Zeitungen, lösen teils große Ängste aus. Die Bewohner empfinden die Diffamierungen oft als große Ungerechtigkeit und fragen sich: „Wie kann man so denken?“ Und schließlich im Hinblick auf die eigne Zukunft fragen sie sich: „Kann ich hier jemals eine Wohnung finden? Bekomme ich überhaupt einen Job?“

Bei Ängsten um die Zukunft stützen sich die Bewohner gegenseitig © Nadja Meister | Diakonie Flüchtlingsdienst
Wie umgehen, mit Anfeindungen und drohenden Abschiebungen? © Nadja Meister | Diakonie Flüchtlingsdienst

Die Kampagne #sichersein setzte sich gegen Abschiebungen nach Afghanistan ein. Sind auch Bewohner von Abschiebungen nach Afghanistan bedroht?

Ja, unter anderem auch nach Afghanistan. Die Afghanische Community ist stark verunsichert, jeder kennt jemanden, der abgeschoben wird. Bei Klienten kann das sehr destabilisierend wirken. Sie haben große Angst davor, was ihnen bei einer Abschiebung in ein Land, aus dem sie geflüchtet sind, bevorsteht.

Wie geht ihr und die Bewohner damit um?

Wir versuchen zu stabilisieren. Sehr schön zu sehen ist aber, dass sich die Bewohner gegenseitig eine Stütze sind und sich Trost und Mut zusprechen und sich motivieren, weiterhin den Deutschkurs oder die Schule zu besuchen.

*Name geändert

Vorübergehend Ankommen – die Geschichte des Hauses und seiner Bewohner

Nach über 15 Jahren Flüchtlingsarbeit im Haus Neu Albern wurde der ehemalige Barackenbau generalsaniert und im Juni 2018 vom Fördergeber FSW an den Diakonie Flüchtlingsdienst übergeben. Eine Baracke ist eine „behelfsmäßige Unterkunft für den vorübergehenden Verbleib.“ Nicht nur für die derzeitigen Bewohner bietet das Haus eine Bleibe auf Zeit. Das Haus selbst hat schon viele verschiedene Personen – immer für eine bestimmte Zeit – beherbergt. Das Innenministerium als ursprünglicher Eigentümer stellte das Haus Polizist*innen zur Verfügung, die kurzfristig einen Wohnraum benötigten. Danach wurde das Gebäude eine Zeit lang als Obdachlosenheim genutzt.

2002 wurden die Türen erstmals für Menschen die vor Krieg und Folter geflüchtet sind, geöffnet. Damals noch als Notquartier geführt, wurde es zwei Jahre später zum offiziellen Grundversorgungquartier für geflüchtete Menschen. Mittlerweile hat sich das Haus als spezialisierte Einrichtung für Menschen mit erhöhtem Betreuungsbedarf etabliert.

 

Grundversorgungsquartier für Menschen mit erhöhtem Betreuungsbedarf

Insgesamt bietet das Haus Neu Albern 126 Plätze für geflüchtete Männer, davon 40 Plätze für Menschen mit erhöhtem Betreuungsbedarf. Diese Zielgruppe erfordert hohe Standards in der Betreuung durch ein multiprofessionelles Team. Im Haus Neu Albern steht den Bewohnern daher ein Team aus sechs PsychologInnen und weiteren SozialarbeiterInnen sowie ein psychiatrischer Konsiliardienst zur Seite. An oberster Stelle in der täglichen Arbeit stehen die soziale Integration der Bewohner und ihre psychische Stabilisierung. Die Schaffung einer Tagesstruktur spielt dabei eine wesentliche Rolle. Daher vermitteln und ermöglichen unsere KollegInnen die Teilnahme an Deutschkursen, halten Bewerbungstrainings und unterstützen bei der Arbeitssuche. Auch nach dem Auszug stehen die KollegInnen den Bewohnern als AnsprechpartnerInnen zur Seite und begleiten sie so weiterhin auf ihrem Weg in ein selbstständiges Leben.

Factbox - Haus Neu Albern im Überblick

  • 86 Reguläre Betreuungsplätze
  • 40 Plätze für Menschen mit erhöhtem Betreuungsbedarf
  • Ausbildungsstätte Klinische Psychologie
  • Eingetragene Ausbildungsstätte für das 6-wöchige Praktikum von Psychologie StudentInnen, die ihren Masterstudiengang an der Fakultät für Psychologie (Uni Wien) absolvieren
  • FH-PraktikantInnen
  • Freiwilliges Soziales Jahr und Integrationsjahr