Es braucht nicht nur "Pflege", es braucht neue Lebens- und Wohnkonzepte

„Wohnen im Alter? Darum kümmere ich mich später.“

Veränderten Ansprüchen begegnet die Sozialpolitik immer noch mit  Konzepten aus dem vorigen Jahrhundert. Es braucht neue Lebens- und Wohnkonzepte für Menschen höheren Alters und die damit verbundene Pflege.

02.08.2017
Frau Urban lebt in einer Hausgemeinschaft der Diakonie in Graz.
Frau Urban lebt in einer Hausgemeinschaft der Diakonie in Graz.

Es braucht neue Ansätze in Pflege und Betreuung. Wir müssen diesen Bereich in der Sozialpolitik neu gestalten, brauchen eine neue Perspektive, müssen einen neuen Blick einnehmen. Die Gesellschaft verändert sich, und das tun auch die Ansprüche alter Menschen. Sie sind individueller und heterogener geworden. Mittlerweile leben in Pflegeheimen immer mehr Menschen mit fortgeschrittener Demenz und die Betreuung dieser Menschen an ihrem Lebensende wird immer intensiver in zeitlicher und emotionaler Hinsicht.

Noch immer große "Sonderwohnformen"

Diesen veränderten Ansprüchen begegnet unsere Gesellschaft aber immer noch mit Konzepten, die teilweise mehr als 25 Jahre alt sind. Das Pflegegeld wurde 1993 eingeführt, Pflegeheimstruktur und bauliche Konzepte der meisten Häuser stammen aus den 80er-Jahren des vorigen Jahrhunderts. Keine andere Personengruppe würde sich einen so trägen Wandel, eine so verzögerte Anpassung der Angebote an aktuelle Bedürfnisse gefallen lassen. Alte pflegebedürftige Menschen sind die einzige Personengruppe, die noch in derart großen Institutionen und Sonderwohnformen leben muss.

Für diese neuen Anforderungen braucht es dringend passende Antworten – und die sozialpolitischen Rahmenbedingungen dazu. Internationale Beispiele gibt es bereits zahlreiche: Quartiersentwicklung, Sozialräume, ambulant betreute Wohngemeinschaften für Menschen mit Demenz, Community Care usw.

„Cure“ und „Care“ verbinden

Es braucht neue Wohnkonzepte für für alte Menschen, die gepflegt werden müssen: Wohnen, das ins Gemeinwesen integriert ist, das alltags- und bürgernäher organisiert ist. Deswegen ist die Kernfrage, bevor wir über Pflege reden: Wie kann ich Grätzel, Sozialräume und Wohnformen so gestalten, dass ältere Menschen auch mit Handicap oder Demenz dort leben können? Die Pflege, die dazu nötig ist, ist eine zusätzliche Dienstleistung. Und natürlich gehören Pflegeheime als hochspezialisierte Einrichtungen auch weiterhin zu den Angeboten dazu, aber eben mit zeitgemäßen Konzepten und ausreichenden Ressourcen, um diesem hochprofessionellen Auftrag und Anspruch auch mit der gebotenen Qualität nachkommen zu können.

Dabei muss der Blick auch auf die derzeit unterschiedliche Ressourcenausstattung von „stationärer Altenarbeit“ in den Bundesländern gerichtet werden. Wir müssen uns von der isolierten Pflege verabschieden und einen genaueren Blick auf die Bedürfnisse älterer Menschen werfen – nicht nur aus medizinisch-pflegerischer („Cure“), sondern aus allgemein sorgender Sicht („Care“). In Zukunft geht es darum, „Cure“ und „Care“ zu verbinden.

Gesellschaft des langen Lebens

Alter darf nicht weiter am Rand der Gesellschaft stehen. Alter und Wohnen gehören in die Mitte. Wir haben uns auf politischer Ebene dringend darüber zu unterhalten, wie wir die Gesellschaft des langen Lebens gut gestalten wollen – und wie wir ein Altern in Würde sicherstellen können.