Medienstudie über Kinderarmut

Was Kinder sagen, können und brauchen

Eine Medienstudie über sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche und Kinderarmut in österreichischen Massenmedien

23.02.2018
Ein junger Bub, der Fußball spielt (Foto: Pixabay)
Je früher,je schutzloser und je länger Kinder der Armutssituation ausgesetzt sind, desto stärker die Auswirkungen. (Foto: Pixabay)

In nur drei Prozent der Fälle berichten Medien über die Potentiale und Talente von Kinder und Jugendlichen. Die Betroffenen selbst kommen kaum zu Wort. Zu zwei Drittel geht es um Burschen, nur ein Drittel sind Mädchen im Fokus.

Die Agentur MediaAffairs untersuchte gemeinsam mit der Armutskonferenz im Zeitraum von Juni bis August im Auftrag der Volksanwaltschaft die mediale Berichterstattung und Darstellung von sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen in den reichweitenstärksten, überregionalen Medien des Landes: Kurier, Standard, Presse, Krone, Österreich, Heute – inklusive der Facebook-Kanäle der genannten Medien.

Da geht es um Kinder, die in Haushalten unter der Einkommensarmutsgrenze leben .Das sind immerhin 289.000 Burschen und Mädchen. Neben einem geringen Einkommen des Haushalts, in dem die Kinder leben, treten schwierigste Lebensbedingungen auf, wie: die Wohnung nicht warm halten können, keine unerwarteten Ausgaben wie kaputte Waschmaschine oder Boiler tätigen können, mehr Einsamkeit, gesundheitliche Probleme oder feuchte schimmlige Wände. Je früher,je schutzloser und je länger Kinder der Armutssituation ausgesetzt sind, desto stärker die Auswirkungen.

Darüber wird aber weniger berichtet. Die betroffenen Kinder kommen meist als Kriminelle oder als Spendenobjekt vor. Täter oder Opfer. Andere Themen wie etwa Kinder in der Jugendhilfe, solche die Angehörige pflegen oder Jugendarbeitslosigkeit werden kaum beleuchtet, obwohl der Anteil der Kinder mit sozioökonomischer Benachteiligung in der Bevölkerung ein großer ist. So werden in der Berichterstattung die Auswirkungen der Kürzung der Mindestsicherung auf Familien und Kinder nur punktuell oder gar nicht thematisiert. Die beiden Top-Themen – Charity und Jugendkriminalität – polarisieren stark – und vermitteln ein einseitiges, oft verzerrendes Bild, das Kinder/Jugendliche in „arme Opfer“ oder „brutale Täter“ trennt. Die Alltagsrealität, die echte Lebenssituation und die Perspektive der Kinder haben da keinen Platz. In den untersuchten Medien lässt sich auch ein starkes Geschlechtergefälle feststellen. Wenn über Kinder/Jugendliche berichtet wird, sind es in 65 Prozent der Fälle Buben – nur etwa zu einem Drittel geht es um Mädchen.

Es ist insgesamt ziemlich schockierend, wie mit einer Bevölkerungsgruppe, nur weil sie ärmer und weniger Macht hat, in der medialen Öffentlichkeit verfahren wird. Die Mindestsicherungsdebatte gibt es ja auch schon zwei Jahre ohne dass Betroffene vorkommen. Und niemand fällt es auf. Kinder können was, sie sind keine Defizitpakete auf zwei Beinen. Kinder haben was zu sagen, sie sind keine stummen Objekte. Kinder brauchen was, sie wachsen mit Auseinandersetzung und Unterstützung.

Es ist insgesamt ziemlich schockierend, wie mit einer Bevölkerungsgruppe, nur weil sie ärmer und weniger Macht hat, in der medialen Öffentlichkeit verfahren wird.
Martin Schenk, Diakonie-Sozialexperte

Die Studie zeigt uns, dass wir Kinder in ihrer Alltagsrealität in den Blick bekommen müssen. Wie es ihnen dabei geht, den kranken Papa zu pflegen. Was es bedeutet, in feuchten Wohnungen zu wohnen. Wie das ist mit Freunden. Wie die Mama es schafft mit drei Jobs. Oder was es heißt, mit Mindestsicherung zu leben. Es geht um eine andere Perspektive: es geht darum, was Kinder können, was Kinder sagen und was Kinder brauchen.