Von Gott und der Welt

Unaussprechliches Seufzen

Passiert das Unbegreifliche, wird versucht, das Unbegreifliche verstehbar zu machen. Psychologen und Gerichtspsychiaterinnen werden gerufen, und die Besten unter ihnen erklären uns wortreich, dass noch nichts gesagt werden kann angesichts der monströsen Tat. Es ist wichtig, dass gesagt wird, dass nichts gesagt werden kann. Das beruhigt. Es ist der kollektive Versuch, das Unfassbare in Worte zu fassen.

19.05.2018
Traumgesicht, Albrecht Dürer 1525
Traumgesicht, Albrecht Dürer, Aquarell 1525

Nichts sagen zu können, es nicht verstehen zu können, ist schwer. Wir wollen die Welt verstehen. Wie kann so etwas passieren? Wer hat versagt? Wäre es zu verhindern gewesen? Keine Antworten zu haben, ist schwer zu ertragen. Es ist wie ein kalter Schatten, der alles Sonnenlicht des Tages in graue Töne verwandelt, der uns frösteln lässt, auch wenn wir zuvor die Wärme des Lebens gespürt haben.

Gläubigen Menschen stellt sich auch die Frage: Wie kann Gott das zulassen? Wo ist Gott?

Gläubigen Menschen stellt sich auch die Frage: Wie kann Gott das zulassen? Wo ist Gott? Das Unbegreifliche stellt sich wie eine schwarze Wolke zwischen uns und Gott. Gott wird verdunkelt und bleibt verborgen. Wir wissen nicht, was wir sagen können, haben keine Erklärungen. Wissen nichts zu sagen, wissen nicht einmal, was wir beten sollen.

Die Erfahrung des dunklen verborgenen Gottes hat auch der Apostel Paulus gemacht, als er im Römerbrief schreibt: „Wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich's gebührt, sondern der Geist selbst tritt für uns ein mit unaussprechlichem Seufzen.“

„Von Gott und der Welt“, die Kolumne von Michael Chalupka, erscheint jeden Samstag in der „Krone".