Vision Inklusion

Spüren kann er ihn, den See

Im Alter von sieben Wochen erkannte Philipp Sladkys Mutter, dass ihr Sohn sie nicht sehen konnte. Mit neun Monaten wurde der heute 24-Jährige am Sehnerv operiert und trug ein schweres OP-Trauma davon. Mittlerweile hat der Kärntner in der Diakonie de La Tour ein neues Zuhause gefunden. Mit seinem Trainer Jonas Seebacher kann er regelmäßig seiner großen Leidenschaft nachgehen – dem Sport, unter anderem dem Kajakfahren.

27.07.2016
  • Philipp und sein Trainer beim Kajakfahren (Foto: Gerhard Maurer)
    Philipp Sladkys große Leidenschaft ist der Sport. Obwohl er nicht sehen kann, trainiert er regelmäßig Kajakfahren. (Foto: Gerhard Maurer)
  • Frau Sladky mit ihrem blinden Sohn Philipp
    Als ihr Sohn sieben Wochen alt war, bemerkte Alexandra Sladky, dass er sie nicht sehen konnte.
  • Philipp Sladky und seine Mutter in Schwimmwesten
    Durch rege Förderung konnte Philipp sich dennoch rasch und gut entwickeln. (Foto: Gerhard Maurer)

"Rechts zweimal zurück! Links einmal vor!" In beachtlichem Tempo gleiten zwei Kajaks über das bewegte Wasser des Ossiacher Sees. Philipp Sladky und sein Trainer Jonas Seebacher steuern die beiden Sportboote. Das Besondere: Sladky spürt den See zwar, sehen kann er ihn jedoch nicht. Aufgrund einer Verkümmerung seines Sehnervs ist der 24-Jährige von Geburt an blind.

Das Kajakfahren klappt dennoch erstaunlich gut.

"Es ist eine schöne Bewegung am Boot", meint der Bewohner des Wohnhauses de La Tour Straße, einer Einrichtung der Diakonie de La Tour. Normalerweise paddelt er mit seinem Trainer und ein paar Kollegen über den See, diesmal ist seine Mutter mit von der Partie. Sie wagt sich zum ersten Mal überhaupt in ein Kajak. Das Mutter-Sohn-Duo wirkt glücklich und ausgelassen.

Das war nicht immer so, erzählt Alexandra Sladky: "Als Philipp sieben Wochen alt war, habe ich bemerkt, dass er mich nicht sehen kann. Ich leuchtete in seine Augen und sah, dass sich die Pupillen nicht zusammenzogen. Von da an ging unsere Odyssee los. Ein Arzt machte uns Hoffnungen, dass wir Philipps Sehnerv durch eine Operation retten könnten. Als er neun Monate alt war, entschieden wir uns, den Eingriff durchführen zu lassen. Leider, denn das stellte sich als fataler Fehler heraus. Es machte alles noch schlimmer und Philipp trug ein schweres OP-Trauma davon."

Hoffnung spenden

Mit Ihrer Spende können Sie die sportliche Leidenschaft von Menschen wie Philipp Sladky fördern! Derzeit ist das Kajaktraining mit Jonas Seebacher auf maximal vier Teilnehmer beschränkt. Die Kapazität für einen weiteren Teilnehmer wäre gegeben, es fehlt jedoch ein Kajak.

Unser Spendenkonto Sparkasse Feldkirchen/Kärnten, Diakonie de La Tour gemeinnützige Betriebsges.m.b.H.
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Mit Hilfe von Physiotherapie und durch die rege Förderung seiner Eltern konnte sich Philipp dennoch rasch und gut entwickeln: "Mir war nicht bewusst, dass blinde Kinder ohne entsprechende Förderung nicht gehen oder sprechen lernen würden", erzählt Sladky. "Üblicherweise schauen sich Kinder ja alles ab. Mit Hilfe der Physiotherapie konnte er mit 14 Monaten frei gehen. Wie man spricht zeigte ich ihm, indem ich ihm meine Hand auf den Mund legte und seine Hand auf meinen Mund, damit er spüren konnte, wie sich die Lippen beim Sprechen bewegen." Um ihm die sehende Welt begreiflich zu machen, arbeitete Philipps Mutter auch Kinderbücher um: "Zum Beispiel die 'Raupe Nimmersatt'. Da gab es Äpfel, Kuchen und ähnliches aus Kunststoff, das habe ich durchgeschnitten und auf ein Blatt geklebt, den Cocoon der Raupe machte ich aus Taschentücher, die Raupe selbst aus Wollbällchen. Nach und nach habe ich bemerkt, dass seine Welt gar nicht so anders ist als die, die wir Sehenden kennen. Nur die Größe kann er nicht so richtig begreifen – alles, was wir auf den ersten Blick erfassen, hat er in seinen zehn Fingern – deswegen ist unsere Welt oft viel zu schnell für ihn." Als sogenanntes "Integrationskind" sei es ihm im Kindergarten noch gut ergangen: "Die Kindergärtnerinnen waren sehr engagiert und lieb zu ihm."

Trainer Jonas Seebacher und Philipp Sladky beim Kajatraining (Foto: Gerhard Maurer)
Philipp Sladkys große Leidenschaft ist der Sport. Obwohl er nicht sehen kann, trainiert er regelmäßig Kajakfahren. (Foto: Gerhard Maurer)

Fehlgeschlagene Integration

Sobald er in die Volksschule kam, habe sich jedoch alles verändert: "Er bekam eine Stützlehrerin zur Seite gestellt. Damit beachtete die Klassenlehrerin ihn gar nicht mehr. Ich kann mich noch sehr gut erinnern: Als ich einmal zum Elternsprechtag ging, meinte sie nur, was ich überhaupt hier wolle, mit meinem Kind hätte sie ja nichts zu tun! Das war schon ein harter Schlag für mich, dass sich die Lehrerin überhaupt nicht für meinen Sohn interessierte. Seine Stützlehrerin meinte wiederum,das Integrationskind müsse das beste von allen sein. Von ihr gab es nur Drill, Philipp war dadurch vollkommen überfordert."

Für die Schule bekam er einen Computer zur Verfügung gestellt. "Damit er zu Hause auch arbeiten konnte, mussten wir einen speziellen Rechner mit Sprachausgabe kaufen. 240.000 Schilling (mehr als 17.000 Euro, Anm. d. Red.) kostete er – ein Vermögen!"

Der Schulfrust sei jedoch so groß geworden, dass das teure Gerät von ihrem Sohn eher verhasst als geliebt wurde, erzählt die Mutter. In der Hauptschule, so mit 13 Jahren etwa, sei es dann noch schlimmer geworden. "Da lief es dann leider mit den Mitschülern gar nicht gut. Philipp kam oft weinend nach Hause und irgendwann meinte er zu mir: 'Warum kann ich nicht unter Blinden sein?' Da  hab ich die Konsequenz gezogen und ihn im Bundesblindeninstitut in Wien angemeldet."

Nach und nach habe ich bemerkt, dass seine Welt gar nicht so anders ist als die, die wir Sehenden kennen.
Alexandra Sladky

In Kärnten habe es zwar Einrichtungen für blinde Erwachsene gegeben, nicht jedoch für Kinder und Jugendliche. Für die Familie sei das kein leichter Schritt gewesen: "Ich musste ihn am Wochenende hinbringen und wieder abholen – das war nicht so einfach, ich hatte ja zwei weitere Söhne, um die ich mich kümmern musste." In Wien habe es ihm aber gut gefallen, erzählt Philipp. "Ich schreibe manchmal noch Briefe an eine Mitarbeiterin, die ich sehr gerne hatte."

Eine Landesbeamtin unterstützte die Sladkys bei der Rückkehr nach Kärnten. "Für uns ist das schon einfacher, nicht mehr dauernd nach Wien fahren zu müssen",  meint Alexandra Sladky.

In der Diakonie de La Tour hat Philipp ein neues Zuhause gefunden, in dem er sich gut aufgehoben fühlt. "Ich arbeite in der Keramikwerkstatt, das gefällt mir sehr", erzählt er. Auch Handtaschen webt der 24-Jährige mit großer Leidenschaft.

Trainer Jonas Seebacher und Philipp Sladky beim Kajatraining (Foto: Gerhard Maurer)
Für Jonas Seebacher ist das Training mit Philipp Sladky eine persönliche Bereicherung. „Man muss vieles neu wahrnehmen und umdenken lernen.“ (Foto: Gerhard Maurer / Diakonie de La Tour)

Leidenschaftlicher Sportler

Und der Sport darf nicht zu kurz kommen: So zählen etwa Laufen, Schneeschuhwandern, Langlaufen, Tandemfahren und Boldern zu Sladkys favorisierten Sportarten – und natürlich das Kajaken. "Ich mag es, das Gleiten am See zu spüren", meint er.

Und auch sein Trainer genießt die gemeinsame sportliche Betätigung: "Es ist für mich ein besonderes Erlebnis, mit Philipp zu fahren. Er kann sich sehr gut durch Zurufe orientieren, aber ich musste auch vieles neu wahrnehmen und umdenken lernen: Wie bläst der Wind, in welche Richtung muss ich rufen, damit Philipp mich hört?" Das Ruder hat der Trainer für Philipp extra mit einer erhöhten Stelle versehen, damit er ertasten kann, wie die Ruderschaufel stehen muss. Die farbigen Markierungen auf beiden Seiten sind für manche von Philipps Kollegen gedacht: "Der eine oder andere unserer Klienten kann nichts mit den Begriffen 'rechts' oder 'links' anfangen – wenn ich also 'orange' rufe, dann wissen sie, dass ich die rechte Seite meine, denn die orangen Markierungen sind rechts."

Man muss vieles neu wahrnehmen und umdenken lernen.
Jonas Seebacher, Kajak-Trainer

Auch Probekentern gehört zum sportlichen Training. "Es ist wichtig, dass die Klienten wissen, wie sie auf ein mögliches Kentern reagieren, also ist es auch notwendig das zu üben." Schön sei für den Trainer vor allem das soziale Miteinander.

Wie fühlt sich der See an?

Blau ist der See, das weiß Philipp Sladky, "so wie das Meer", sagt er. "Für mich spielen Farben zwar keine Rolle, für die anderen aber schon." Und auch wenn er ihn nicht sieht, spüren kann er ihn schon, den See. Wie er sich heute anfühlt? "Wellig!"

Titelseite des Magazin "MITMENSCHEN" - Vision Inklusion - Wie viel Gehör schenkt die Gesellschaft Menschen mit Behinderungen

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