Interview mit Inge Pinzker

„Ressourcen auf die Spuren kommen“

Inge Pinzker arbeitet als Psychotherapeutin in der Einrichtung JEFIRA des Diakonie Flüchtlingsdienstes. Im Interview erzählt sie über die Herausforderungen und Chancen ihrer Arbeit.

23.07.2017
Fingerpuppen (Nadja Meister)
Interkulturelle Psychotherapie bei JEFIRA in Niederösterreich (Foto: Nadja Meister/Diakonie Flüchtlingsdienst)

Was kann Psychotherapie leisten?

Inge Pinzker: Die geflüchteten Menschen haben wirklich so viel Furchtbares erlebt. Wenn sie dann endlich Asyl bekommen, beginnt ein steiniger Weg. Daher geht es zu Beginn der Therapie oft um die aktuelle Lebenssituation, wie ein unerträgliches Flüchtlingsquartier, mangelnde medizinische Versorgung oder die Sorge um die Angehörigen, die nicht in Österreich sind. Ein wichtiger Teil von Traumatherapie ist aus diesen Gründen Stabilisierungs- und Ressourcenarbeit.

Porträt von Inge Pinzker
„Psychotherapie wirkt sich positiv auf die Integration aus“, Inge Pinzker

Wirkt sich Psychotherapie auf die Integration aus?

Ja, auf jeden Fall. Viele Flüchtlinge haben aufgrund der Traumatisierungen massive Konzentrationsschwierigkeiten, Ängste und Probleme mit dem Gedächtnis. Das macht zum Beispiel beim Deutschlernen Schwierigkeiten. Psychotherapie kann helfen, wieder besser zu lernen. Ein depressiver Patient von mir hat durch die Therapie geschafft, wieder in Kontakt mit anderen Menschen zu treten. Er hat Freunde gefunden, mit denen er etwas unternimmt. Auch das ist sehr wichtig für die Integration.

Wie grenzt du dich von furchtbaren Erzählungen ab?

Ich habe so einen inneren Beobachter mit dabei, der eine gewisse Distanz herstellt. Das ist auch etwas, das wir in der Traumatherapie zu entwickeln versuchen. Es geht darum, wahrzunehmen, was in einem ist, aber immer dazu zu sagen „Aber ich bin mehr als das.“ Es gibt natürlich immer Momente, wo es einem auch die Tränen in die Augen drückt. Wichtig ist dazuzusagen: Ihre Erzählung berührt mich/uns, die Psychotherapeutin/die Dolmetscherin, auch. Aber wir halten es aus. Die Person darf weitererzählen.

Viele Flüchtlinge haben aufgrund der Traumatisierungen massive Konzentrationsschwierigkeiten, Ängste und Probleme mit dem Gedächtnis. (...) Psychotherapie kann helfen, wieder besser zu lernen.
Inge Pinzker

Welchen Einfluss hat die Situation mit Dolmetsch?

Man muss die dolmetschunterstützte Therapie als etwas Eigenständiges sehen. Die DolmetscherInnen sind die Vertrauensbrücke von den KlientInnen zu mir. Außerdem spielen sie für das interkulturelle Verständnis eine große Rolle. Sie helfen dabei, etwas vor dem jeweiligen kulturellen Hintergrund einzuordnen.

Was bedeutet für dich eine erfolgreiche Therapie?

Einer Klientin ist einmal eine Blume im Raum aufgefallen. Ich fragte sie, was diese für sie bedeutet. Sie antwortete: „Die Blume ist lebendig.“ In diesem Moment habe ich gespürt, da ist so viel Ressource drinnen. Wenn wir Ressourcen auf die Spuren kommen, oder Menschen wieder etwas wahrnehmen, von dem sie gedacht haben, sie können das gar nicht mehr - das sind Erfolge!

Brücke zum Leben

JEFIRA – Interkulturelles Psychotherapiezentrum Niederösterreich bietet seit über zehn Jahren traumaspezifische, kultursensible und dolmetschunterstützte Psychotherapie für Geflüchtete an.

Der Bedarf an geeigneten Therapieplätzen für Flüchtlinge ist groß. Derzeit stehen zirka 300 Menschen auf der Warteliste für einen Therapieplatz bei JEFIRA. Das bedeutet eine Wartezeit von rund sechs bis zwölf Monaten. Dabei ist die frühzeitige psychotherapeutische Behandlung eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen der Integration in der neuen Heimat.

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