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Leben mit Demenz – auch für Angehörige

Frau A. ist seit mehr als drei Jahren zu Gast in der Tagesbetreuung im Haus für Senioren Wels. Sie lebt mit Demenz. Ihr Sohn Peter begleitet sie in dieser Lebensphase.

19.09.2017
Frau A. mit ihrem Sohn
lebt mit Demenz. Ihr Sohn Peter begleitet sie in dieser Lebensphase. (Foto: Diakoniewerk)

Eine strahlende alte Frau mit Witz und Charme im Gesicht blickt mich an. Sie sitzt gemeinsam mit anderen bei Kaffee und selbstgebackenem Kuchen an einem mit Primeln dekorierten großen Tisch. Es ist Kaffeezeit in der Tagesbetreuung Wels und die dortigen Tagesgäste genießen ihre Kaffeejause -die einen mit mehr, die anderen mit weniger Unterstützung, den individuellen Bedürfnissen entsprechend. Ganz gemäß der Devise der professionellen Begleitung, die an das „normale“ Leben und an die einzelnen Biografien anzuschließen versucht.

Frau A. ist eine von mehr als 130.000 Menschen in Österreich, die an Demenz erkrankt sind. Prognosen zeigen, dass sich diese Anzahl bis zum Jahr 2050 verdreifachen wird. Da Frauen tendenziell ein höheres Lebensalter erreichen, sind sie auch stärker von Demenz betroffen als Männer. Betroffen von der Situation sind jedoch auch vor allem die Angehörigen, die nun mit dem Verlust bestimmter Fähigkeiten ihrer Mutter/ihres Vaters/Partners zurechtkommen müssen und sich oft sehr früh in einer Betreuungssituation finden.

Sohn sein und pflegen

Auch im Gespräch mit Peter A. wird deutlich, welch kompetente und verantwortungsvolle Rolle Angehörige wahrzunehmen haben, wenn Mutter oder Vater an Demenz erkranken. Mit dem Tod ihres Mannes im Jahr 2010 veränderte sich vieles für Frau A. Ihr Sohn beschreibt diesen Verlust, der sie sehr mitnahm und überforderte, auch als Auslöser für ihre Demenz, die schleichend, doch von da an sehr rapide fortschritt. Peter A., selbst Sozialarbeiter, merkte sehr früh, dass er seine Mutter nun stärker begleiten muss. Diese Zeit des Wachsam-Seins wurde immer intensiver und das Gefühl, seine Mutter ein Stück weit „leider“ auch vor sich selbst zu beschützen – und dies einzugestehen – wurde immer deutlicher. Gemeinsam mit der Schwägerin schafften sie es anfangs zuhause sehr gut, doch sehr bald wurde die Begleitung der Mutter zur „Rund-um-die-Uhr“-Aufgabe, die mit seiner Berufstätigkeit nicht mehr zu vereinbaren war.

Mit dem Besuch der Tagesbetreuung an einem Tag pro Woche und der Mobilen Hilfe begann Peter A. die Situation zu entspannen und die Begleitung seiner Mutter zusätzlich in professionelle Hände zu legen. Er selbst kann sich erinnern, dass gerade dieser Schritt für ihn ein sehr großer war – nämlich sich einzugestehen, dass es alleine nicht klappt. Der Wunsch als Professionist und Sohn, die Mutter so lange wie möglich begleiten zu können, wich der Erkenntnis, dass es etwas völlig anderes ist, die eigene Mutter zu pflegen, und dass damit die so wichtige Abgrenzung und Distanz nicht gelingen.

Heute, sagt er, geht es seiner Mutter (86) wirklich sehr gut. Sie besucht mittlerweile an 4 Tagen die Woche die Einrichtung für Menschen mit Demenz des Diakoniewerks in Wels, wird vom Roten Kreuz gefahren und verbringt dort ihren Tag.

Kompetenzen im Vordergrund

Übungen zur Mobilisierung und andere Alltagsaktivitäten geben Sinn, stärken das Selbstbewusstsein und aktivieren geistige und körperliche Fähigkeiten. Allesamt konzentrieren sie sich auf die Kompetenzen seiner Mutter und versuchen damit, ihre Lebensqualität in dieser Phase des Lebens zu erhalten.

Mit einer Gehhilfe und im Beisein einer Begleitung ist Frau A. nach wie vor mobil und ihr Sohn merkt auch, wie sehr ihr die Turnübungen, die Teil der Tagesstruktur sind, helfen, ihre Mobilität zu erhalten. Selbst essen und kurze Strecken gehen zu können und das zu erhalten, was sie gut kann, ist ihm sehr wichtig. Diese Kompetenz und vieles Weitere im Sinne ihres Wohlergehens, wie das Erleben von Gemeinschaft, sieht er in der Tagesbetreuung, davon ist er überzeugt.

Seit kurzem nutzt Peter A. auch einen „Zu-Bett-geh-Dienst“ einmal pro Woche. Sich freispielen, wieder rauskönnen, auch spontan, ist ihm nun einfach wieder wichtig. Die laufende, doch jahrelange Begleitung ging natürlich auf Kosten seiner sozialen Kontakte, die braucht er nun wieder, das ist ihm klar.

Peter A. erzählt uns hier eine Geschichte, eine von vielen vermutlich ähnlichen Lebensgeschichten, die durch die Diagnose Demenz sowohl für die/den Betroffenen wie auch Angehörigen einen besonderen Verlauf nahm. Doch sie zeigt auch auf, dass Leben mit Demenz lebenswert ist und, gut begleitet, auch Normalität im Alltag und soziale Teilhabe ermöglicht.

Durch Angebote wie die Tagesbetreuung Wels bekommen Menschen, die in ihrer Lebensgestaltung Unterstützung benötigen, jedoch weiterhin zu Hause oder bei den Angehörigen leben möchten, die nötige Begleitung – bei unterschiedlichsten Aktivitäten der Tagesgestaltung und in der Pflege. Für Peter A. war es rückblickend die richtige Entscheidung. Seiner Mutter geht es gut und für ihn selbst galt es, auch wieder auf sich zu schauen.

Gesellschaftlicher Umgang

30.000 Neuerkrankungen pro Jahr in Österreich – diese Anzahl erscheint hoch. Trotz dieser Entwicklung soll und darf diese Krankheit nicht nur als Verlust von Fähigkeiten gesehen werden, denn auch wenn im Verlauf ein Teil der kognitiven Fähigkeiten verloren gehen: die emotionalen Erinnerungen und Fähigkeiten bleiben umfassend erhalten.

Auch Peter A. bestätigt, dass es anfangs schwierig war, vor allem mit jenen kleinen Dingen, die einfach so passieren, wie Herd nicht abschalten, Unterschiedliches vergessen, Verständigungsprobleme mit den Nachbarn und vielerlei Kleinigkeiten, die unsicher machten.

Mit der Diagnose Demenz war es dann klar, warum das alles geschah, und ihr soziales Umfeld stellte sich darauf ein. Dabei konnten die einen mehr, die anderen weniger mit dem veränderten Verhalten seiner Mutter umgehen.

Auch wenn sich die kognitiven Fähigkeiten seiner Mutter verändert haben, die Gefühlsebene ist nach wie vor da, mehr denn je – sie ist ein Stück weit nun ihre Form der Kommunikation und Nähe.