Von Gott und der Welt

Die Stunde des Propheten

Ein Buch revolutioniert die Sicht auf die Welt. Der französische Ökonom Thomas Piketty hat eine 1000 Seiten starke wissenschaftliche Studie über die Geschichte der Vermögensverteilung geschrieben.

03.05.2014
Thomas Piketty, Autor des Buches "Das Kapital im 21.Jahrhundert"
Die Schere zwischen den wenigen Reichen und der Mehrheit der Habenichtse wird immer größer.

Von einer Bibel der Wirtschaftswissenschaft wird gesprochen, vom wichtigsten Buch des Jahrzehnts, wie der Nobelpreisträger Paul Krugman meint. Thomas Piketty weist nach, dass Einkommen aus Kapital in der Regel höher waren, als das gesamte Wirtschaftswachstum, so dass die Schere zwischen wenigen Vermögenden und der Mehrheit der Habenichtse immer größer wird. Dieses Auseinanderklaffen von Superreichen auf der einen und Armen auf der anderen Seite, reguliere sich nicht von selbst. Exzessive Ungleichheit bedrohe die Demokratie und die Wirtschaft. Schon der Prophet Jesaja mahnte:

Weh euch, die ihr Haus an Haus reiht und Feld an Feld fügt, bis kein Platz mehr da ist und ihr allein im Land ansässig seid.
Prophet Jesaja

Doch zu Zeiten des Propheten gab es auch politische Lösungen, wie das Jubeljahr, dass alle 50 Jahre eine Rückgabe der Ländereien vorsah und so zum sozialen Ausgleich beitrug. Thomas Piketty hat das Zeug zum Propheten, doch die politischen Lösungen, wie die Ungleichverteilung in den Griff zu bekommen ist, sind noch nicht politischer Konsens. Bislang haben immer wieder Revolutionen, Kriege oder Naturkatastrophen die Verteilung der Vermögen durcheinandergewirbelt. Dazu darf die Welt es diesmal nicht kommen lassen.

„Von Gott und der Welt", die Kolumne von Michael Chalupka, erscheint jeden Samstag in der Kronenzeitung.