Die Jahrhundert-Flut in Südosteuropa steckt den Menschen noch immer in den Knochen

Das Wasser ist mitten in der Nacht gekommen

Dusica Zeljic sieht man die Mühsal der letzten Monate nicht an. Für den Besuch aus Österreich hat sie eine weiße Bluse angezogen. Diese täuscht aber nicht darüber hinweg, dass sie genau weiß, was sich in Krupanj in den Maitagen des vergangenen Jahres zugetragen hat, ..

13.05.2015
2 Frauen aus dem Dorf im Gespräch
Dusica Zeljic weiß genau, was sich in Krupanj in den Maitagen des vergangenen Jahres zugetragen hat

..., und welches Leid die Flut, die drei Tage angehalten hat, den Menschen im Dorf zugefügt hat. Frau Zeljic ist eigentlich Schulinspektorin von Krupanj, einem Dorf im äußersten Westen Serbiens, mitten in den Hügeln der Jagodnja. Seit 15.Mai 2015 hat sich ihre Aufgabe verändert: sie ist gemeinsam mit dem Polizeichef und den Gemeindevorständen von Krupanj für die Koordination der Hilfsmaßnahmen zuständig, die das Dorf, unterstützt von Hilfsorganisationen durchgeführt hat.

„Wir sind sehr dankbar, dass wir Hilfe von vielen Seiten bekommen haben. Ohne Lebensmittel-Hilfe, ohne Wiederaufbauhilfe unter anderem von der Diakonie aus Österreich wäre die Situation über den Winter noch schwieriger geworden. Aber auch ein Jahr nach der furchtbaren Flut sind wir noch lange nicht soweit, wieder von Normalität sprechen zu können“, erzählt Dusica Zeljic. Besonders schlimm waren die Regenfälle in Krupanj, weil zwei kleine Bäche in wenigen Stunden das ganze Dorf samt Umland überschwemmt haben und Hangrutschungen große Teile der Ackerfläche vermurt haben.

Wir haben Sicherheitswälle die auf die doppelte Wassermenge des Flusses ausgerichtet sind. An diesem Tag war es aber die sechsfache Menge. Niemand war in der Lage irgendetwas dagegen zu unternehmen

schildert Frau Zeljic die Situation von damals.

Frau Slobodanka ist 74 Jahre alt und gehbehindert. „Es war schrecklich“, erzählt sie. „Ich habe es mit Hilfe meiner Tochter geschafft, um drei Uhr früh das Haus zu verlassen. Dabei konnten wir noch sehen, wie ein Nachbar von den Fluten mitgerissen wurde. Er ist in seinem Auto ertrunken.“ Ein Jahr nach der Flut ist Frau Slobodanka wieder zurück in ihrem Haus. Aber ihr steckt der Schreck noch immer in den Knochen. Sie ist glücklich mit dem Leben davongekommen zu sein.

Krupanj liegt sehr abgelegen und hat deshalb einige Tage lang keine Medienaufmerksamkeit bekommen. Erst spät sind die großen Schäden in der Gemeinde bemerkt worden, die die Vermurungen angerichtet haben. Die Familie von Rosa Gosic ist von einer solchen Hangrutschung bis heute betroffen, da all ihre Wiesen, auf denen das Futter für ihre Tiere wächst, nicht mehr benutzbar sind. „Auf dem Boden liegen ein Meter tief Schutt, Schlamm und Steine. Wir haben keine Ahnung wie wir das entfernen sollen“.

Außerdem hat der landwirtschaftliche Boden rund um Krupanj die Prüfungen des Gesundheitsbehörden nicht bestanden: Er ist schwer verseucht von Schwermetallen, die die Flut aus dem Antimon-Bergbau herausgeschwemmt hat. Niemand weiß, wie diese Verseuchung in den Griff zu bekommen ist. Niemand weiß, wann die Menschen wieder giftfreie Feld- und Gartenfrüchte produzieren werden können. „Manche versuchen heuer wieder, etwas anzubauen, aber der Boden ist hart und die Behörden sagen, dass unser Boden giftig ist“, erzählt Rosa, die nicht weiß, woher sie und ihre Tochter das Geld nehmen sollen, das ihre Kinder für Schulsachen und Kleidung brauchen.

Rosas Familie hat von den Diakonie Partnern Gutscheine im Wert von 260 Euro bekommen „Wir sind froh über diese Hilfe, denn damit können wir hier im Ort die Dinge einkaufen kann, die uns im Haushalt am meisten fehlen.“ Wenn sie aber jemand fragen würde, was sie jetzt, ein Jahr noch am meisten in Unruhe versetzt, dann ist es „dass ich für unsere Tiere kein Futter habe, und auch nicht weiß, woher ich eines nehmen soll“, klagt Frau Rosa. Auch Dusica Zeljic kann nur die Schultern zucken. Verzweifelt? Vielleicht. Jedenfalls wird sie morgen die weiße Bluse wieder im Schrank lassen und die Ärmel aufkrempeln, um den Menschen wenigstens ein bisschen zu helfen.