Von Gott und der Welt

Am Buckel

Mein Vater hatte mir zu Beginn des Theologiestudiums ein kleines goldenes Kreuz geschenkt. Ich trug es in Dankbarkeit.
Es hat mir aber auch zu einer Erfahrung verholfen, die mich im ersten Moment unangenehm berührt hat.

28.04.2018
Christus trägt das Kreuz

Hans war auf einem Bergbauernhof aufgewachsen, Sohn einer zutiefst protestantischen Familie, die seit den Zeiten der Reformation ihren Glauben bewahrt hatte.

Hans stand vor mir, sah mein Kreuz und hat nur einen Satz gesagt, der sich mir tief eingeprägt hat: „Sein Kreuz tragt man am Buckel, nicht auf der Brust!“

Das Kreuz ist für Christinnen und Christen das Zeichen der Erinnerung an das Leiden Jesu, das Zeichen der Erlösung.

Das Kreuz, das ein Folter- und Marterinstrument ist, wird durch Jesus zum Zeichen der Auferstehung.

Das Kreuz Jesu ist für Gläubige kein beliebiges Zeichen. Es erinnert daran, dass Gott selbst Mensch geworden ist und sich mit den Schwachen und Leidenden soweit solidarisiert hat, dass er selbst gelitten hat und gestorben ist, aber am „dritten Tage auferstanden von den Toten“ ist, wie es im Glaubensbekenntnis heißt.

Hans hat gemeint: Das Kreuz verlangt Demut und Respekt. Niemand sollte das Kreuz als Schmuck, als Herrschaftssymbol oder als kulturelles Abzeichen, das einen über andere stellt, missbrauchen.

Seit damals trage ich das Kreuz am Buckel. Manchmal spüre ich auch seine Last. Doch ich weiß, ein anderer hat sie schon für mich getragen.

„Von Gott und der Welt“, die Kolumne von Michael Chalupka, erscheint jeden Samstag in der „Krone".