Betroffene berichten

Zur Untätigkeit gezwungen

Das Aus der Zugangsmöglichkeit zu Lehrstellen für Asylwerber bringt Jugendliche in eine aussichtslose Situation. Sie sind zur Untätigkeit gezwungen, nicht nur für Monate sondern über Jahre. Es macht ihre Integrationsbemühungen zunichte. Der 19-jährige Ali verzweifelt in dieser Warteposition. Er ist es seit seiner Kindheit gewohnt, zu arbeiten und aktiv zu sein.

02.10.2018
Zur Untätigkeit gezwungen Photo pixabay

„Ich bin im Iran geboren und aufgewachsen, meine Eltern sind aus Afghanistan geflohen. Im Iran konnte ich keine Schule besuchen. Ich habe seit meinem 7. Lebensjahr gearbeitet “ erzählt der sportliche junge Mann mit leiser Stimme in gutem Deutsch.

Sein älterer Bruder wurde im Iran eines Tages von der Polizei festgenommen. Seine Familie hat nie mehr etwas von ihm gehört. Seitdem ist die Angst um die Kinder groß. Ali (Name geändert) wurde mit 14 Jahren von seinen Eltern auf die Flucht nach Österreich geschickt – in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Mit den Eltern und den drei Schwestern hat Ali seitdem nur noch telefonisch Kontakt.

Nach Monaten des Wartens in überfüllten Erstaufnahmezentren wurde Ali in einem Wohnprojekt für jugendliche Asylwerber des Diakonie Zentrums Spattstraße in Linz untergebracht. Von dort aus hat er 2016 erstmals in seinem Leben eine Schule und Kurse besucht.

Einrichtungsleiterin Mag. Christine Stöckler beschreibt: „Ich habe viele Asylwerber begleitet in meinem Leben, aber Ali ragt da heraus. Ich kenne niemanden, der die neue Sprache so unglaublich schnell und engagiert gelernt hat. Er hat jede Gelegenheit genutzt, um ins Gespräch zu kommen, in der Freizeit und bei ehrenamtlichen Arbeiten.“ Stöckler leitet die Wohngruppe seit 2016 und blickt auf insgesamt 15 Jahre Erfahrung im Asylbereich zurück.

Das viele Warten ist zermürbend

Ali lächelt nur kurz, als er die anerkennenden Worte der Betreuerin hört. Das viele Warten ist für ihn zermürbend. 2017 kam dann der negative Asylbescheid in erster Instanz. Er hat Berufung eingelegt. Ali hatte damals bereits eine Lehrstelle als Restaurantfachmann. Sechs Monate hat er auf die Beschäftigungsbewilligung dafür gewartet. Nach vier Monaten Lehrzeit, die ihm sehr gefallen haben, kam das Aus. Der Betreiber hat erfahren, dass er den Lehrling nicht weiter ausbilden darf, da er keine österreichische Küche anbietet. Die Enttäuschung war für beide bitter.

„Ich möchte arbeiten“

Der Lehrherr hat sich daraufhin für Ali eingesetzt und eine neue Lehrstelle gefunden. Die Arbeitgeber, die ihn kennengelernt haben, sagten: „Den nehmen wir!“ Aber ein neuer Betrieb musste wieder eine Beschäftigungsbewilligung beantragen. Für Ali hieß es wieder zwei Monate warten. In diese Zeit fiel die Entscheidung der Bundesregierung, den Zugang zu Lehrstellen für Asylwerber zu beenden. „Ich möchte arbeiten.“ sagt Ali leise, während er den Blick senkt und mit den Tränen kämpft.

„Diese Regelungen sind unfair, unverständlich und furchtbar“ sagt Christine Stöckler. „Ali darf nicht arbeiten, obwohl er seit seinem 7. Lebensjahr gewohnt ist, genau das zu tun.“ Stöckler hofft, dass es dem mittlerweile in einer Übergangswohnung für Erwachsene lebenden Mann gelingt, die triste lange Wartezeit zu überstehen und sich seine Motivation zu erhalten. „Ali ist hilfsbereit, verlässlich, offen und hat sich trotz all der Schwierigkeiten seine positive Haltung immer wieder zurückholen und bewahren können.“ Er seufzt tief und nickt kaum merkbar.

Die Asylverfahren dauern derzeit allein in erster Instanz im Durchschnitt 16,5 Monate, insgesamt bis zu 3 Jahre.