Familienberatung

Zuhören, mitaushalten, gemeinsam Lösungswege suchen

Familienberatung in Zeiten von Corona.

28.04.2020
Carina Zweiner ist klinische Psychologin am Diakonie Zentrum Spattstraße in Linz.
Carina Zweiner ist klinische Psychologin am Diakonie Zentrum Spattstraße in Linz.

Ganz verzweifelt ruft Frau Meier in der Familienberatung an und schildert das aktuelle Chaos bei ihr zu Hause. In den ersten zehn Minuten komme ich dabei gar nicht zu Wort, denn der Redefluss und die Belastung sind offensichtlich groß. "Alles ist so schlimm und nichts funktioniert mehr, dieses blöde Corona-Virus zerstört die ganze Familie." Die Ausführungen von Frau Meier enden mit einer Entschuldigung. "Es tut mir so Leid, dass ich Sie nun vollgetextet habe, aber ich weiß nicht, mit wem ich sonst reden soll." – Doch diese Entschuldigung ist unnötig, denn genau dafür bin ich da – zuzuhören, da zu sein, mitauszuhalten und erst dann gemeinsam nach möglichen Lösungswegen zu suchen.

Durchschnaufen? Ein Fremdwort

In der aktuellen Corona-Zeit sitzt Frau Meier nun zu Hause, soll 30 Stunden im Home-Office arbeiten, mit ihrem älteren Sohn die Aufgaben der Volksschullehrerin bearbeiten, denn alleine schafft er diese nicht und gleichzeitig auch ihren jüngeren Sohn, der derzeit nicht in den Kindergarten geht, "bespaßen". Zeit zum Durchschnaufen ist für Frau Meier gerade ein Fremdwort.

Vor ein paar Tagen ist die Situation dann zu Hause "eskaliert". Frau Meier telefonierte gerade mit ihrer Geschäftsführerin, als ihr jüngerer Sohn seinen älteren Bruder während den Schulaufgaben mit einem Ball beworfen hat. Daraufhin seien beide in einem "lautstarken Duell" rund um Frau Meier im Kreis gelaufen und haben sich gegenseitig "gejagt". Diese Situation brachte Frau Meier dazu, am Telefon bei ihrer Chefin aufzulegen und laut mit ihren Söhnen zu schreien. Ihre Söhne haben dann noch lauter als zuvor geschrien und die "Aufschaukelung" war perfekt. Die Situation hat sich weiter hochgeschaukelt. Irgendwann wurde die Situation durch den nach Hause kommenden Vater, der als "Schlüsselkraft in kritischer Infrastruktur" arbeiten gehen muss, aufgelöst.

Frau Meier wisse nicht, wie sie ihre Kinder "bändigen" könne.

Der Blick aufs Positive

Auf die Frage, was ihre Söhne denn in der aktuellen Situation gut machen, folgt langes Schweigen.

Mit leiser Stimme meint Frau Meier, dass ihr die positiven Dinge gar nicht mehr auffallen würden, da sie in einer negativen Spirale feststecke. Als ersten Schritt wird gemeinsam überlegt, welche kleinen Belohnungen und somit positive Verstärkung für jeden der Familie – auch für Frau Meier – helfen könnten, um den Blick auch wieder auf positive Dinge richten zu können.

Eine Woche später, als ich Frau Meier zu einer erneuten telefonischen Beratung anrufe, wirkt Frau Meier deutlich entspannter als zuvor. "Es ist ein Wunder! Der jüngere Sohn hilft, den Geschirrspüler auszuräumen, und der ältere Sohn hilft, die Wäsche zusammenzulegen. Das funktioniert auf einmal ohne Geschrei – nur durch die Belohnung mit einer kleinen Süßigkeit." Das hätte sich Frau Meier nicht gedacht. Frau Meier wünscht sich weitere telefonische Beratungen, "während dieser schweren Corona-Zeit brauche ich jemanden, der mir zuhört, bei dem ich mir meine Belastungen von der Seele reden kann und jemanden, der mir mit Rat, wenn auch aus der Distanz, zur Seite steht."

"Mama mir sooo langweilig!"

"Mama, Mama, Mama, Mama, Mama, wann spielst du denn endlich mit mir? Mir ist sooo langweilig! Wann darf ich denn endlich wieder in den Kindergarten gehen und mit meinen Freunden spielen?"

Frau Huber wollte gerade in aller Ruhe einen Kaffee trinken, doch ihre Tochter stellt derzeit unbeantwortbare Fragen. Frau Huber weiß selbst nicht, wann ihre Tochter wieder in den Kindergarten gehen kann. Auch kommen dann noch eigene Fragen wie "Wird meine Tochter im Kindergarten vor einer Ansteckung mit dem Corona-Virus geschützt sein?" Frau Huber versucht, ihre Ängste mit dem gemachten Kaffee hinunter zu spülen, denn sie möchte für ihre Tochter stark sein. Daher spielt sie bereits die 10. Runde Verstecken mit ihrer Tochter und das um 8:00 Uhr morgens.

Frau Huber sucht in der telefonischen Familienberatung Antworten, die auch ich nicht anbieten kann. Schon allein das Verständnis für die Situation und das Wissen, dass es vielen anderen Müttern mit kleinen Kindern auch gerade so geht, entlasten ein kleines Bisschen. Frau Huber nutzt das Angebot der Familienberatung dazu, als alleinerziehende Mutter ein Gespräch mit einem außenstehenden Erwachsenen führen zu können, bei dem sie ihre Sorgen und Ängste aussprechen kann und nicht weiter runterschlucken muss. Jemanden, der sie versteht und ihr in dieser schweren Zeit zuhört.

Carina Zweiner ist klinische Psychologin am Diakonie Zentrum Spattstraße in Linz.

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