Abschiednehmen

"Wir müssen Kinder an die Hand nehmen und ihnen zeigen, wie man mit Traurigkeit und Trauer umgeht"

Sterben gehört zum Leben. Expert:innen der Hospizbewegung Diakonie in Kärnten unterstützen trauernde Kinder und Jugendliche. Doris Scheiring, die pädagogische Leiterin, im Interview.

22.10.2021
"Kinder springen in eine Art Trauerpfütze" (Foto: alenaganzhela - Stock.Adobe.com)
"Kinder springen in eine Art Trauerpfütze." (Foto: alenaganzhela - Stock.Adobe.com)

Frau Scheiring, trauern Kinder anders als Erwachsene?

Doris Scheiring: Der große Unterschied liegt im Todesverständnis. Kinder mit zwei oder drei Jahren haben ein anderes Bild als 7-Jährige oder Teenager. Sie können die eigene Endlichkeit nicht wahrnehmen und die Eltern meinen, ihre Kinder vor dem Thema schützen zu müssen.

 

Was bedeutet das dann konkret?

Die Kinder gehen nicht mit zum Begräbnis, es wird ihnen nicht erklärt, warum zum Beispiel Opa nicht mehr da ist. Oft verwenden sie eine Floskel wie `Opa ist schlafen gegangen´. Damit schürt man jedoch bei kleinen Kindern Angst, denn alle Menschen auch Mama und Papa oder das Kind selbst gehen schlafen.

Kinder springen in eine Art `Trauerpfütze´. In einem Moment sind sie traurig, aber plötzlich kommt ein Impuls – sie sehen eine Schaukel oder Freunde – und schon springen sie wieder heraus und sind fröhlich. Bald darauf kommt womöglich wieder eine Erinnerung .. und die nächste Pfütze tut sich für sie auf.
Doris Scheiring

Wie zeigt sich Trauer bei Kindern?

Kinder springen in eine Art `Trauerpfütze´. In einem Moment sind sie traurig, aber plötzlich kommt ein Impuls – sie sehen eine Schaukel oder Freunde – und schon springen sie wieder heraus und sind fröhlich. Doch dann kommt womöglich wieder die Erinnerung an die Großeltern und die nächste Pfütze tut sich für sie auf.

Dabei begegnet Trauer den Kindern bereits früh – wenn zum Beispiel die Katze stirbt oder die Lieblingspuppe verloren geht. Daher sind die Eltern so stark gefordert, sich mit den Kindern hinzusetzen, mit ihnen offen zu sprechen. Auch Rituale können helfen.

Wie und wann werden Sie als Expertin zu einer Trauerbegleitung gerufen?

Meistens ist es so, dass Freunde oder Bekannte der betroffenen Familie unser Trauer-Begleitungs-Angebot kennen und uns weiterempfehlen. Zuletzt wurde ich angefragt, zwei Kinder im Alter von drei und acht Jahren auf ein Begräbnis vorzubereiten. Es ging um einen Suizid.

Wir sprechen auch viel mit den Eltern, denn es ist wichtig, dass sie ihre Kinder an die Hand nehmen und ihnen zeigen, wie man mit Traurigkeit umgeht. Denn Kinder schauen sich Reaktionen von ihren engsten Bezugspersonen ab. Dass man als Erwachsene:r den Raum verlässt, wenn man traurig ist und die Situation mit sich selbst ausmacht, ist keine angemessene Reaktion. Im Projekt “Hospiz macht Schule“ habe ich die Kinder gefragt, was sie machen, wenn sie traurig sind. Ein Bub antwortete, dass er sich in den Kasten setzt und wenn die Traurigkeit vorbei ist komm er wieder raus. Es braucht im Umgang mit Trauer, Sterben und Tod mit Kindern eine adäquate Vorbereitung und greifbare Strategien.

Kinder schauen sich Reaktionen von ihren engsten Bezugspersonen ab. Dass man als Erwachsener den Raum verlässt, wenn man traurig ist und die Situation mit sich selbst ausmacht, ist keine angemessene Reaktion.
Doris Scheiring

Welche Auswirkungen kann unterdrückte Trauer haben?

Kennen Sie den Ausdruck „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“? Damit vermittelt man den Kindern jedes Mal, dass das, was es fühlt, nicht richtig ist. Kindern reagieren dann zum Beispiel so, dass sie bei jeder Kleinigkeit aufschreien, zickig werden, raufen oder schreien.

Wie begegnen Sie den Kindern und Jugendlichen in der Begleitung?

Ich erkläre dem Kind altersgerecht den Tod und das Sterben, dann lasse ich das Kind erzählen. Oder ich gehe mit den Kindern Gefühle durch: wie fühlst du dich, wenn du zornig bist? Was fühlst du, wenn du traurig bist? Ich lasse sie auch zeichnen oder ein Abschiedsgeschenk machen. Es gibt auch Bücher, in denen die Protagonist:innen ein Begräbnis besuchen. Die Kinder öffnen sich dann und ich bleibe stets wahrhaftig. Wenn sie mich fragen, wie es im Himmel aussieht, sage ich auch, dass ich das nicht weiß und die Kinder erzählen mir dann fantasievoll ihre Vorstellungen davon, was Papa da oben macht.

„Ein Indianer kennt keinen Schmerz“? Damit vermittelt man den Kindern jedes Mal, dass das, was sie fühlen, nicht richtig ist. Kinder reagieren dann zum Beispiel so, dass sie bei jeder Kleinigkeit aufschreien, zickig werden, raufen oder schreien.
Doris Scheiring

Welche Begleitungen machen Sie aktuell?

Ich wurde von Kindergartenpädagog:innen angefragt, da eine Mutter auf der Palliativstation liegt. Die Kinder haben bereits jemanden, der sie in der Trauer begleitet. Die Pädagog:innen brauchen jedoch Unterstützung in der Kommunikation mit den Eltern. Oder auch Lehrer:innen fragen oftmals an, ob ich im Fach Religion vorbei kommen kann, und über den Tod und die Trauerbegleitung sprechen.

Ihr Appell an Eltern?

Der Tod gehört zum Leben und das ist etwas ganz Natürliches, aber eben auch etwas Trauriges. Man kann als Eltern die Kinder nicht vor dem Leben schützen. Tod und Trauer begegnen Kindern und allen Menschen von klein auf. Wir wollen Eltern die Angst nehmen, dass sie Kindern etwas zumuten, was sie nicht verarbeiten können.

 

Autorin: Verena Schwarzinger

Doris Scheiring ist seit 2000 in der Hospizbewegung der Diakonie in Kärnten tätig. Seit 2009 ist sie pädagogische Leiterin. Sie absolvierte den Basislehrgang Palliativ Care, studierte an der Kardinal König Akademie und der BMU Salzburg. Weiters hat sie zahlreiche Fort- und Weiterbildungen bei renommierten Expert:innen und namhaften Instituten in Wien, Salzburg und Niederösterreich besucht.