Emojis – plötzlich unersetzlich!

Wie kann ein Deutschkurs für „Absolute Beginners“ im Lockdown weitergehen?

Noemi Amadori ist Trainerin für Deutsch als Fremdsprache. Sie unterrichtet geflüchtete Menschen. Hier erzählt sie, wie sich ihre KursteilnehmerInnen während des Corona-Lockdown auf die neue Situation eingestellt haben.

13.07.2020
Bücher und Hefte zum Deutsch lernen

Der Corona-Lockdown hat Noemi und ihre KursteilnehmerInnen mitten in einem Alphabetisierungskurs erwischt. Die TeilnehmerInnen haben erst wenige Buchstaben des lateinischen Alphabets lesen und schreiben gelernt und sprechen auch erst ganz wenige Worte Deutsch. Hier erzählt Noemi, wie sich alle auf die neue Situation eingestellt haben.

Am Montag ist kein Deutschkurs!

Von Noemi Amadori

Am Donnerstag den 12.3.2020 haben wir uns von den Teilnehmerinnen ganz normal verabschiedeten mit „Schönes Wochenende – bitte kommen Sie am Montag!“ - Aber die Entwicklungen am Wochenende waren rasant: Alles wurde geschlossen und selbstverständlich fanden am darauffolgenden Montag auch keine Deutschkurse statt. 

Chat-Apps und Emoticons als Lernhilfe im Lockdown

Zum Glück gibt es WhatsApp mit so vielen Emojis und Symbolen, denn wir waren im Unterricht in meinem Kurs ungefähr beim Buchstaben „K“ stehengeblieben. - Völlig unvorbereitet fielen jetzt unsere Hauptkommunikationsmittel, Körpersprache, Mimik und der persönliche Kontakt, weg. An ihre Stelle traten nun WhatsApp-Funktionen, die wir sonst meist nur zum Spaß verwenden. Die Emojis und Sprachnachrichten sind plötzlich kein Spielzeug mehr, sondern ernst zu nehmende und hilfreiche Kommunikationsmittel für Menschen, denen die deutsche Schrift unbekannt ist, und bei fehlender gemeinsamer Sprache.

Im weiteren Kurs-Verlauf haben wir dann begonnen, diese Hilfsmittel sinnvoll zum Gestalten von Mini-Übungen einzusetzen.

Prompt kamen herrliche Speisen zur Antwort:

Was tun, wenn Lern-Apps auch zu kompliziert sind?

Der erste Versuch, den TeilnehmerInnen ohne jegliche Einschulung sinnvolle Übungen anzubieten bestand darin, ihnen Lern-Apps zu schicken. - Das Angebot an Lern-Apps ist zwar vielfältig und oft gut, jedoch stellen eine große Hürde dar. Denn Ausdrücke wie "weiter", "zurück", Deutsch als Fremdsprache", "einverstanden", sind noch nicht im Wortschatz der TeilnehmerInnen bzw. enthalten Buchstaben, die sie noch nicht lesen können.

Außerdem ist das Lernen mittels LernApp eine sehr individuelle Arbeitsweise, die nichts mit Gruppenunterricht zu tun hat. Lernfortschritte und Aktivitäten der TeilnehmerInnen lassen sich dabei nicht nachvollziehen.

Wir gingen also dazu über, Übungen und Arbeitsblätter zu gestalten, die vom Handy ins Heft übertragen werden können. Die Teilnehmerinnen schickten Fotos und ihre Schriftstücke wurden korrigiert per Screenshots zurückgeschickt.

All das wäre ohne WhatsApp oder vergleichbare Programme höchst kompliziert bis unmöglich, da wie gesagt, die Anzahl der Klicks entscheidet, ob ein Online-Lernformat bei unserer Zielgruppe einsetzbar ist oder nicht.

Was wir bei aller Begeisterung über diese neuen Lernformen gesehen haben, ist eine Routine die sich einschleicht, und sich in immer unregelmäßigerer Teilnahme äußert. Es ist nicht zu leugnen:

Der tägliche Kontakt fehlt

Der tägliche Kontakt fehlt. Es fehlen die spontanen Reaktionen in der Fremdsprache und die ersten Versuche, sich im Kursgeschehen verständlich zu machen. Es fehlen die Spiele, der Austausch und die unzähligen unvorhergesehenen authentischen Sprechanlässe.

Der nächste Schritt – Online Sprachkurse

Auf Geheiß des Fördergebers mussten wir einen Sprung wagen, den wir alle nur schwer für möglich hielten: Den Wechsel des Mediums von WhatsApp auf „Jitsi Meet“. - Wir sollten also ab nun Online-Präsenzeinheiten abhalten.

Ausreichend Datenvolumen und entsprechende Endgeräte wurden sowohl bei uns, als auch bei den TeilnehmerInnen vorausgesetzt. In unseren Gruppen hatten wir Glück, viele haben anscheinend das Datenvolumen und wohnen mit Kindern oder EhepartnerInnen, die diese technischen Hürden für sie meistern können.

Doch einige TeilnehmerInnen, die alleine wohnen, wo die Ressourcen nicht vorhanden sind oder wo es ein Alltag neben der Betreuung der Familie zu Hause einfach nicht erlaubt, sind von dem Vertiefungs- und Wiederholungsangebot ausgeschlossen.

Die Unterschiede im Lernfortschritt werden sich später zeigen

Die Online-Kurse laufen gut, daher wird sich beim Wiedereinstieg eine Kluft zeigen, zwischen jenen, die täglich zumindest eine Stunde mit der deutschen Sprache und sinnvollen Übungen konfrontiert waren und jenen, die mehrere Wochen lang praktisch keinen Kontakt damit hatten.

Was haben wir gelernt?

Was in diesen Zeiten erheblich gefordert und damit ganz nebenbei gefördert wurde, ist das selbstständige Lernen der TeilnehmerInnen. Sie hatten nur eingeschränkt die Möglichkeit, der Trainerin Fragen zu stellen. Sie mussten sich Hilfe bei ihrer Familie und Bekannten suchen, bzw. Aufgaben alleine meistern.

Der Online-Unterricht brachte viel guten Schwung und Abwechslung in die Gruppe und den Unterricht. Wie an anderen Orten auch, hat Corona auch hier in gewisser Weise das Zusammengehörigkeitsgefühl gestärkt und bei allen Kreativität und Phantasie gefordert.

Dinge, die wir für völlig unmöglich hielten, stellten sich als willkommene Abwechslung heraus, die viele neue Ideen bringt. - Ich freue mich sehr darüber, jetzt einiges aus der Handy-Deutschkurszeit in den realen Unterricht mitzunehmen, genauso wie ich mich aber auch über den wieder gewonnenen persönlichen Kontakt mit den TeilnehmerInnen freue und den Umstand, im Unterricht wieder „echten Menschen“ gegenüberzustehen.