Nachbarschaftshilfe

Wie aus Nachbarschaft Nah-barschaft wird

In der Corona-Krise war die Nah-barschaft oft die einzige Möglichkeit für Austausch.

02.06.2020
Barbara Aigner-Reitbauer: "Wir wollen gemeinsam Lösungen für ihre Anliegen finden."
Barbara Aigner-Reitbauer: "Wir wollen gemeinsam Lösungen für ihre Anliegen finden."

Barbara Aigner-Reitbauer ist Wohnkoordinatorin im Wohnquartier "Lebendige Nachbarschaft Engerwitzdorf"*. Im Interview erzählt sie, was die Aufgabe für sie bedeutet.

Was ist LeNa, und was machst du dort?

Auf den ersten Blick ist LeNa eine moderne Wohnanlage in traumhafter Umgebung und toller Lage, wie auch zahlreiche andere Wohnprojekte. Der entscheidende Unterschied liegt jedoch im Detail, denn in dieser Wohnanlage wird nicht nur gewohnt, sondern - dank der "Lebendigen Nachbarschaft" ("LeNa") - gelebt.

Wir wollen die Mieter und Mieterinnen aus der Anonymität der Wohnanlage holen und sie gut miteinander vernetzen. Das bedeutet, wir wollen die Bedürfnisse und Wünsche der BewohnerInnen kennen und gemeinsam Lösungen für ihre Anliegen finden.

Da kann vieles entstehen: Von einem Botendienst und einer Mitfahrbörse, über die Gestaltung gemeinsamer Freizeitaktivitäten bis zu einer Verleihbörse für selten gebrauchte Haushaltsgegenstände. Das kann aber nur funktionieren, wenn sich die BewohnerInnen kennen und sie einander vertrauen. - Für die Koordination der „LeNa“-Angebote bin ich zuständig.

Was bedeutet für dich Nachbarschaft?

Im Sinne von räumlich nah sein, wird in der Nachbarschaft vieles vom Leben der Menschen nahe sichtbar. Wenn das mit wohlwollenden Augen und Ohren geschieht, kann diese räumliche Nähe eine große Ressource sein.

  • Wo sonst sehe ich augenscheinlich, wenn jemand Hilfe braucht? Wo sonst ergibt sich spontan ein Gespräch bzw. das Spiel der Kinder - ohne Termin und langer Autofahrt?
  • Wo sonst ist  manche gegenseitige Unterstützung aufgrund der Nähe unkompliziert möglich und geht oft nebenbei?

Aus diesem Zusammenhelfen, miteinander am Leben der Nachbarn teilhaben, kann eine innere Verbundenheit, eine emotionale "Nah"barschaft entstehen.

Was kannst du als Wohn-Koordinatorin Positives aus der Corona-Krise ziehen?

Dass Hilfe nun auch aus der "Wahlverwandtschaft", der "Nah-barschaft" zugelassen wurde. Jetzt war Hilfe plötzlich ganz nah dort möglich, wo sie gebraucht wurde, anstatt wie bisher teilweise ausschließlich aus "Hilfesystemen", wie Essen auf Rädern, oder den Kindern, die weiter weg wohnen und normalerweise die Hilfe "organisieren".

Während der Corona-Krise war es möglich, dass die Wertigkeit der Nachbarschaft, der Menschen in der Nähe meiner Meinung nach bewusster wahrgenommen wurde.

Dass die Hilfsbereitschaft sehr groß war.

Es wurde mir erzählt, dass in dieser Zeit – über die Distanz (Zaun, Balkon) hinweg, zeitweise mehr miteinander gesprochen wurde, als sonst üblich. In dieser Zeit also, Nachbarschaft als die einzige Möglichkeit der sozialen Interaktion.

Lebendige Nachbarschaft (LeNa) Engerwitzdorf*

LeNa ist das inhaltliche Konzept des Diakoniewerks für 45 Mietwohnungen, die in Engerwitzdorf errichtet wurden. 17 der insgesamt 45 Wohnungen sind für Menschen im Alter bzw. Menschen mit Behinderung vorgesehen. Ziel ist es, gelebte Nachbarschaft und sozialen Zusammenhalt zu fördern – von Anfang an. Hauptaufgabe ist es, Menschen zusammenzubringen. Jeder darf sich einbringen und seinen Teil beitragen, damit die Entwicklung von einer gut versorgten zu einer mitsorgenden Nachbarschaft gelingt, in der alle Altersgruppen ihr Leben gut gestalten können.

Was ist eigentlich "Sozialraumorientierung"

Es geht um das Zusammenspiel verschiedener Personen für ein gut gelingendes Miteinander im Lebensalltag.

Die Diakonie sieht sich als Netzwerkerin innerhalb einer Vielfalt an Partnern und versucht, mit diesen das Leben für möglichst viele Menschen in der Gemeinschaft zur verbessern.

Hauptaufgabe ist es dabei, "Menschen zusammen zu bringen". MieterInnen, aber in anderen Fällen auch Mitarbeitende einer Gemeinde, PolitikerInnen, Ehrenamtliche oder angestellte Mitarbeitende von verschiedenen Sozialeinrichtungen oder Firmen. Jede und jeder kann sich einbringen und seinen Teil beitragen, damit die Entwicklung von einer gut versorgten zu einer mitsorgenden Nachbarschaft gelingt, in der alle Altersgruppen ihr Leben gut gestalten können.

Nachbarschaft

Wir bringen Menschen zusammen, die sich gegenseitig unterstützen. Gute Nachbarschaft heißt, niemanden alleine lassen. Gute Nachbarschaft heißt, miteinander ins Gespräch kommen.

Die Diakonie engagiert sich in Grätzelinitiativen, sozialraumorientierten Projekte, Nachbarschaftshilfe, Quartier- und Community-Arbeit. Im Mittelpunkt stehen Stärkung und Teilhabe: "Tue alles dafür, dass Menschen können, was sie tun wollen."

Wie gute Nachbarschaft entsteht und wirkt, erzählen wir in den Geschichten hier.