Quartiersentwicklung: Warum echte Partizipation wichtig ist

Was Mitentscheidung bei Bauprojekten bedeutet

Hannes Schindler, Gemeinwesen- und Sozialraum-Experte, macht sich Gedanken zum Thema Teilhabe in der laufenden Quartiersentwicklung.

20.05.2021
Teilhabe heißt auch Übernahme von Verantwortung. (Illustration: Diakoniewerk / Katja Seifert)
Teilhabe heißt auch Übernahme von Verantwortung (Illustration: Diakoniewerk / Katja Seifert).

„Warum soll ich Ihnen sagen was ich mir wünsche? Sie sind der Experte… es ist ohnehin schon längst entschieden was hier geschieht!“, sagt mir Herr F., Bewohner eines Quartierprojekts in Kärnten. Ein Einwand, den ich im Rahmen unserer Arbeit noch öfter zu hören bekommen werde.

Die Diakonie begleitet Prozesse im Auftrag des Landes Kärnten als Teil eines Projektteams, um Richtlinien für mehr Teilhabe von Bürger:innen bei geplanten Bauprojekten sicher zu stellen.

Ziel dieser Begleitung ist es, Menschen, die von Baumaßnahmen betroffen sind, eine Stimme und einen Rahmen für Mitbestimmung zu geben. Zugleich müssen andere Aspekte eines Bauprojekts in der Städteentwicklung mitgedacht werden. Machen Sanierungen oder Neubauten ökologisch und ökonomisch mehr Sinn? Wie werden sich die Region und ihre Bewohner:innen in Zukunft verändern, und welcher Bedarf an Infrastruktur ergibt sich daraus?

Dies sind komplexe Fragestellungen, die selbst Expert:innen, die sich intensiv mit der Materie der Stadt-Entwicklung beschäftigen, nicht so einfach beantworten können.

Für mich als Prozess-Begleiter wäre es ein Leichtes, mich hier zurückzuziehen, die Dinge gewähren zu lassen – sie sind ja auch bislang gelaufen – und Herrn F. zu sagen: „Ja, sie haben Recht! Wir werden uns etwas im Projektteam überlegen und ich teile Ihnen unsere Entscheidung mit!“.

Verschiedene Sichtweisen verändern das Bild

Im Gespräch erkläre ich Herrn F. dann jedoch, dass mit seiner Perspektive das Puzzle, das wir lösen wollen, entscheidend anders aussehen kann. Mit Fortdauer des Gesprächs vertieft sich das Interesse von Herrn F. und ich kann ihn überzeugen, dass wir als Projektteam tatsächlich noch ergebnisoffen sind.

Die Skepsis bleibt, doch ich habe zumindest eine Beziehung mit Herrn F. herstellen können. Und diese Beziehung ermöglicht es mir, in meiner Rolle im Projektteam Sichtweisen der betroffenen Bewohner:innen einzubringen. Und mehr noch: Herr F. bekommt sogar die Möglichkeit bei Prozessschritten, bei denen es um Entscheidungen im Bauvorhaben geht, eine aktive Rolle einzunehmen.

Teilhabe heißt auch Übernahme von Verantwortung

Der Weg zur Teilhabe ist herausfordernd. Das Aufeinanderprallen vieler Interessen und alte, eingespielte Entscheidungsprozesse müssen koordiniert und einer Veränderung zugeführt werden.

Die Formen der Teilhabe sind sehr vielfältig – vom Abgeben von Meinungen und Wünschen hin zur Übernahme von Verantwortung in komplexen Entscheidungsprozessen. Die Rahmenbedingungen für echte Teilhabe sind oft noch nicht gegeben. Aber in Zukunft wird es für die Arbeit in der Quartiersentwicklung wichtig sein, Teilhabemöglichkeiten mit allen Projektpartner:innen stetig weiterzuentwickeln. So, dass am Ende Herr. F. mit dem Gefühl in seiner neuen Wohnung leben kann, an seiner Wohnsituation und der seiner Nachbar:innen aktiv mitgewirkt zu haben.