Vom Leben im Haus für Senioren am Ruckerlberg

Vor Pflege-Reform: Einblick nehmen in den Betreuungs-Alltag

Mitarbeiterinnen im Haus am Ruckerlberg erzählen von ihrem Alltag in der Pflege und von den Bedürfnissen von Menschen im Alter.

05.02.2019
Mitarbeiterin im Haus für Senioren in Graz im Gespräch mit dem Bundeskanzler (Foto: Fischer/Graz)
Mitarbeiterin im Haus für Senioren in Graz im Gespräch mit dem Bundeskanzler (Foto: Fischer/Graz)

In der Hausgemeinschaft 6 im Haus am Ruckerlberg frischt Alltagsmanagerin Susanne Napetschnig Tulpen ein. Pflegeassistent Artur Kercmar geleitet Frau Strasser und Frau Hirzcy zum Kaffeetisch. Ein wenig Anspannung liegt in der Luft.

Die Bedürfnisse von Menschen im Alter stehen im politischen Blickpunkt

Bundeskanzler Sebastian Kurz hat einen Besuch angekündigt. Er möchte sich ein Bild machen: von den Hausgemeinschaften, vom Alltag in der Pflege und den Bedürfnissen von Menschen im Alter. Gesellschaftspolitische Zukunftsthemen wie Demenz, Hochaltrigkeit und die Sicherstellung einer leistbaren, bedürfnisorientierten Pflege stehen jetzt im politischen Blickpunkt.

Claudia Paulus, Geschäftsführerin des Diakoniewerks Steiermark und ihre KollegInnen begrüßen den Bundeskanzler, der in Begleitung von Landesrat Christopher Drexler das Haus betritt. „Hausgemeinschaften sind eine Wohnform, in der Pflege, Wohnlichkeit und persönliche Bedürfnisse der Bewohnerinnen und Bewohner optimal vereint sind“, erklärt sie. In den einzelnen Hausgemeinschaften leben maximal 14 Menschen. Es wird gekocht, geplaudert, Alltag gelebt.

Selbstbestimmung wird groß geschrieben

Pflegeassistentin Anna Spreitzer ergänzt: „In unseren Hausgemeinschaften wohnen unterschiedliche Charaktere“. Auf die Frage des Kanzlers, wie denn das Zusammenleben funktioniere, müssen Anna Spreitzer und ihre Kolleginnen schmunzeln: „Manchmal ist es recht lebhaft“, denn Selbstbestimmung wird hier großgeschrieben.

Alltag mit Höhepunkten tut allen gut

„Diese Haltung eröffnet großen Raum für Projekte“, erzählt Markus Lernbeiß, Fachsozialbetreuer. Kinonachmittage oder Gala-Diners in den Hausgemeinschaften lassen die Menschen aufleben - der normale Alltag, mit Höhepunkten angereichert, tut allen gut.

Die Frage, ob die Umstellung von zuhause ins Heim schwer falle, beschäftigt den Kanzler. „Leiden die Bewohner, weil sie nicht mehr daheim sind?“ Die Pflege-Expertinnen finden keine eindeutige Antwort: „Die einen wirken in der neuen Umgebung verloren, die anderen finden es toll, weil hier etwas los ist“, meint Fachsozialbetreuer Lernbeiß. Katarina Liptakova, diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin, bringt einen weiteren Faktor ein:

Die Menschen brauchen Zeit zum Ankommen. Die Verluste sind groß. Manche laufen Gefahr, die Identität zu verlieren. Auch weil sie auf einmal permanent mit fremden Leuten wie uns konfrontiert sind, die mit ihnen Kontakt suchen
Katarina Liptakova, Krankenpflegerin und Palliativbeauftragte
Hoher Besuch im Haus für Senioren in Graz (Foto: Fischer/Graz)

Begleitung in der letzten Phase des Lebens braucht viel Zeit

Katarina Liptakova ist auch die Palliativbeauftragte im Haus. „Die Menschen kommen teilweise schon in der Sterbephase zu uns. Wir leisten intensive pflegerische Betreuung, seelische Begleitung und viel Angehörigenarbeit“ schildert sie die komplexen Anforderungen. Das sei nur mit einem ausreichend hohen Personalschlüssel möglich.

Kollege Herfrid Klaftenegger ergänzt:

Wir müssen emotional viel hin- und herswitchen. In der einen Hausgemeinschaft liegt ein Bewohner im Sterben, in der anderen wird Geburtstag gefeiert.

Alle Berufsgruppen müssen anpassungsfähig sein - von der Reinigung bis zu den AlltagsmanagerInnen und der Pflege. Es sei ein schöner, aber intensiver Beruf, beschreibt Kollege Emanuel Prapotnik, „und zusätzlich fordert uns die berufsrechtliche Gesetzeslage“.

Dem stimmt Geschäftsführerin Paulus zu: „Das merken wir besonders in der interdisziplinären Arbeit. Ohne ärztliche Anordnungen darf rein gar nichts verabreicht werden. Wir haben jedoch keinen eigenen Arzt im Haus, müssen alles über Hausärzte abwickeln.“

Demenz: Die Begleitung müsste viel früher beginnen

Auch das Thema Demenz bewegt den Bundeskanzler, etwa wie lange das Fortschreiten der Erkrankung hinausgezögert werden kann. „Rund ein Jahr“, meint Ingrid Ferstl, Leitung der Tagesbetreuung für Menschen mit Demenz, „wenn eine entsprechende Medikation mit einer aktivierenden Betreuung kombiniert wird.“ Pflegende Angehörige sind stark belastet. Der Weg von der Diagnose bis zur Unterstützung ist oft ein langer. „Die Begleitung müsste viel früher beginnen“.

„Die Pflegereform braucht genau diesen Input aus der Praxis“, zieht Landesrat Christopher Drexler aus dem Gespräch Bilanz.

Beim Hinausgehen übermittelt Maria Katharina Moser dem Bundeskanzler noch eine Botschaft:

Als Diakonie sind wir immer dort, wo das Leben brüchig wird - so wie hier im Haus am Ruckerlberg, wo wir Menschen in ihrer letzten Lebensphase begleiten.
Maria Katharina Moser, Diakonie Direktorin

Josef Scharinger, Vorstandsvorsitzender des Diakoniewerks ist sich sicher, dass sich die Diakonie als Sozialorganisation mit einschlägiger Expertise in die aktuelle Pflegereform gut einbringen kann.

„Entscheidend ist, im Zuge der Reform Modelle und Betreuungsformen auszubauen, die sich an den Bedürfnissen der Menschen orientieren."

Beitrag von Saskia Dyk (5. Februar 2019)