Ein Gespräch mit SelbstvertreterInnen

„So viel wie möglich selber bestimmen, selber erreichen und selber in die Hand nehmen“

Selbstvertreter und Selbstvertreterinnen über Selbstbestimmung und Wahrgenommen-Werden.

08.03.2019
SelbstvertreterInnen im Gespräch (Foto: Diakonie)
SelbstvertreterInnen im Gespräch (Foto: Diakonie)

Desi Mayr, Hans-Jürgen Prammer, Melanie Wasner und Brigitte Willinger schildern, was Selbstbestimmung für sie heißt:

Brigitte: Selbstbestimmung bedeutet, dass man schauen kann, wie viel man selber kann und wofür man Unterstützung braucht. Und dass man so viel wie möglich selber macht und wenn es wirklich nicht geht, gibt es einen Assistenz-Mitarbeiter oder eine Assistenz-Mitarbeiterin, die unterstützen.

Hans: Selbstbestimmung heißt, so viel wie möglich selber bestimmen, selber erreichen und selber in die Hand nehmen, auch wenn es manchmal schwierig ist. Aber wenn man eigenständig sein will, muss man selbst was in die Hand nehmen. Zum Beispiel zum eigenständig Wohnen muss man auch sehr selbstbestimmt sein und das ist für mich ein großes Ziel und eine große Erwartung, dass noch mehr an der Selbstbestimmung gearbeitet wird.

Desi: Ich lebe schon sehr selbstbestimmt. Trotzdem sind noch nicht alle Probleme gelöst. Ein Problem für mich als Rollstuhlfahrerin sind die Wege. Den öffentlichen Verkehr kann ich nicht nutzen und sonst sind die Möglichkeiten sehr eingeschränkt. Ab 20 Uhr abends gibt es keine Transport-Dienste im Diakoniewerk. Wenn Du also ein Konzert besuchen willst, wie kommst Du dann nach Hause?

Hans: ja, und der Assistenzmitarbeiter, der mit dir in ein Konzert geht…

Brigitte: …den musst du auch zahlen!

Desi: Und die dürfen ja keine so langen Abendstunden machen. Also da bist eigentlich eingeschränkt.

SelbstvertreterInnen im Gespräch (Foto: Diakonie)

Was sind die drei wichtigsten Anliegen, die Euch am Herzen liegen?

Hans: Dass man gehört wird. [...] und dass man die Wünsche und Anliegen ernst nimmt und versucht, sie umzusetzen. 

Desi: Ja, genau, dass wir gehört werden, das ist wichtig – es geht ja um unsere Lebensqualität, die wir auch im Alter beibehalten wollen. Wir wollen keine Angst haben, dass alles irgendwann schlechter wird. Und, dass wir dann wo wohnen müssen und keine Wahl haben, nur weil es keine Alternativen gibt. Also was später im Alter passiert, bereitet uns schon Sorgen. Vor allem für Menschen wie mich, die alleine und nicht in Behinderten-Wohngemeinschaften wohnen. - Kann das mit persönlicher Assistenz abgedeckt werden? Ich weiß es einfach nicht.

Brigitte: Es kann eben passieren, dass man ausziehen muss und wieder in eine andere Einrichtung kommt, wo man nicht hinpasst. Das wird sicher einmal ein Problem werden.

Hans: Wir haben ein paar Leute bei uns, die schon ein bisschen älter sind. Da ist die Frage, ob sie eine Pension kriegen oder ob sie immer weiter arbeiten gehen müssen?

Brigitte: Naja, Pension wird’s für uns wahrscheinlich keine geben – wir haben ja nicht eingezahlt [Anm.: in die Pensionskasse].

Desi: Wie wird die Tagesstruktur dann ausschauen, wenn man mal nicht mehr arbeiten kann oder will? Das wird sicher später einmal ein Problem werden. Das ist jedenfalls bei uns ein großes Thema, wie das mit Pensionen und Versicherung ist.

SelbstvertreterInnen im Gespräch (Foto: Diakonie/Edwin Enzlmüller)
SelbstvertreterInnen im Gespräch (Foto: Diakonie/Edwin Enzlmüller)

Was würde helfen, damit es selbstverständlicher wird, dass Euch alle so nehmen wir ihr seid?

Brigitte: Es wäre interessant, ein paar ‚Normale‘ einmal in unsere Haut zu stecken. Eine oder zwei Wochen und dann fragen, wie es ihnen dabei geht.

Desi: Zu mir wird oft gesagt: „ach du sitzt ja eh nur im Rollstuhl“. Da denk ich mir dann: „versetz dich mal rein, lass Dich doch mal einen Tag schieben von wem anderen“.

Wenn ihr einen Wunsch frei hättet, was wäre das?

Brigitte: Dass alle Menschen gesund sind!

Hans: Ich würde gern ohne Rollstuhl leben und alles tun können wie alle Leute sonst in der Gesellschaft.

Melanie: dass wir alle friedlich und ohne Krieg miteinander leben und jeder jeden akzeptiert – egal ob mit oder ohne Behinderung, und dass alle gleiche Rechte haben.

Desi: Das sehe ich auch so. Dass man von der Gesellschaft gehört und ernst genommen wird.