Im Vorsorgedialog ist Platz für Wünsche und Vorstellungen von Menschen im Seniorenheim

Selbstbestimmung steht vor Fürsorge

Mit dem Vorsorgedialog ist ein strukturierter Gesprächsprozess ins Leben gerufen worden, der Wünsche und Vorstellungen von Menschen im Seniorenheim frühzeitig abfragt.

26.10.2019
Portrait von Klaus Peter Schuh
Dr. Klaus Peter Schuh hat viel Erfahrung gesammelt in seiner langjährigen beruflichen Tätigkeit als Mediziner. 2015 wurde von ihm der Vorsorgedialog ins Leben gerufen.

Ein Beispiel aus dem Alltag eines Seniorenheimes: eine Bewohnerin des Pflegeheimes möchte nicht mehr ins Krankenhaus gebracht werden, wenn das Sterben absehbar ist. Obwohl dieser Wunsch bekannt ist, ist es trotzdem vorgeschrieben, dass eine Pflegeassistentin weder eine Diagnose, noch das Ableben feststellen darf, sie muss also im Akutfall eine Ärztin, einen Arzt rufen. Ist der Hausarzt nicht erreichbar, wird der Notarzt gerufen mit dem Wissen darüber, dass dieser eine Spitaleinweisung vornehmen wird. Die Patientin wird somit ins Spital verlegt - trotzdem sie dies mehrfach zuvor abgelehnt hat. Gelebte Praxis über viele Jahre hinweg. Der Ruf vor allem der MitarbeiterInnen aus dem Pflegebereich nach mehr Handlungssicherheit und damit auch Rechtssicherheit wurde lauter. Die Forderung war klar: Mehr Handlungssicherheit und mehr Rechtssicherheit für die Pflege im Berufsalltag.

Was ist der Vorsorgedialog?

Dr. Klaus Peter Schuh hat viel Erfahrung gesammelt in seiner langjährigen beruflichen Tätigkeit als Mediziner. Schuh ist ärztlicher Leiter des Diakoniezentrums Oberwart, Arzt für Allgemeinmedizin und Palliativmedizin, Facharzt für Anästhesiologie und Beitratsmitglied der Palliativversorgung Burgenland. 2015 wurde von ihm mit dem Vorsorgedialog ein Instrument ins Leben gerufen, das die Wünschen, Vorstellungen der BewohnerInnen schon bei einem ersten gemeinsamen Gespräch erfasst. 

BewohnerInnen in Pflege und Betreuungszentren werden 4 - 8 Wochen nach dem Einzug aktiv angesprochen und wenn sie es möchten, mit ihren Angehörigen oder Vertrauenspersonen, zu einem Vorsorgedialoggespräch mit Pflege und Medizin eingeladen. Wie möchte ich meinen letzten Lebensabschnitt im Seniorenheim verbringen? Wie möchte ich gepflegt werden? Was ist mir persönlich wichtig? Was bedeutet für mich Lebensqualität? Was möchte ich auf keinen Fall? Und auch: welche medizinischen Leistungen möchte ich im Akutfall in Anspruch nehmen? Wie ist meine Haltung zu Reanimation, Ernährung, was sind meine Bedingungen zu Krankenhauseinweisungen?  Wie möchte ich sterben? All das ist Teil des Vorsorgedialogs. Die niedergeschriebene Willensäußerung kann auch wieder abgeändert werden,  ist also nicht für immer in Stein gemeißelt. In regelmäßigen Abständen sollte das Gespräch wiederholt werden. Meinungen können sich ändern. Aber sie ist bindend zum jeweiligen Zeitpunkt. Ein guter Vorsorgedialog ist also immer ein Prozess, der sich entlang der Veränderungen des Lebens weiterentwickelt. 

Eine Erleichterung für Betroffene und Angehörige

Unter der Leitung des Dachverbands Hospiz Österreich wurde damit ein österreichweit einheitliches Instrument entwickelt. Der Erfolg gibt dem Prozess recht: 30 Prozent weniger Einweisungen ins Krankenhaus konnte durch den Vorsorgedialog erreicht werden. Und auch die Nachfrage ist groß: "63 Prozent der BewohnerInnen wünschen sich den Vorsorgedialog", sagt Schuh. Die HeimbewohnerInnen haben die Gelegenheit, ihre Wünsche etwa in Bezug auf Wiederbelebung, künstliche Ernährung und dem Einsatz lebenserhaltender Maßnahmen festzulegen. Auch für Angehörige ist es eine Erleichterung, im Notfall zu wissen, wie Entscheidungen zu treffen sind. 

Derzeit werden palliativmedizinische Leistungen in österreichischen Pflegeheimen nicht abgegolten. Es gibt keine finanzielle Unterstützung für den Vorsorgedialog. Eine rechtliche Lücke, die noch gefüllt werden soll. Immerhin zeigen Berechnungen eine klare Kostenersparnis für die öffentliche Hand: 1 Bett pro Jahr wird im Krankenhaus obsolet durch den Vorsorgedialog.