Interview

Schule, die Kinder stark macht

Schulentwicklerin Eva Theissl im Interview

21.08.2020
"Das Bewusstsein für die eigenen Stärken eröffnet den Kindern tolle Lebens- und Berufswege."
"Das Bewusstsein für die eigenen Stärken eröffnet den Kindern tolle Lebens- und Berufswege."

Eva Theissl ist seit 42 Jahren Pädagogin. Im Interview erzählt die Schulentwicklerin und Direktorin, wie sie Stärken fördert, wie wichtig die richtigen Rahmenbedinungen für guten Unterricht sind und wie Schule Kinder stark macht.

Text: Hansjörg Szepannek

Hügellandschule_Theiss
Eva Theissl

Wie macht Schule Kinder stark?

Eva Theissl: Dazu braucht es andere Rahmenbedingungen im Schulalltag, wie z.B. Gruppensettings und Lernbüros. Und keinen herkömmlichen Stundenplan, dafür jedoch gleichbleibende Tages- und Wochenstrukturen. Wir arbeiten vormittags in zwei Blöcken zu 1,5 Stunden mit einer halbe Stunde Pause und einer langen Mittagspause, bevor es in den Nachmittag mit Projekten geht. Für mich kommt nur ein Setting mit Ganztagesschule in Frage. Ich habe mir viele reformpädagogische Schulen angeschaut. Für mich haben immer Ganztagesschulen gepasst, die in verschränkter Form organisiert waren. Kinder haben darin auch Zeitstrukturen, die sie miteinander verbringen können - weg vom Lernen, einfach die Gemeinschaft erfahrend, die immer im Mittelpunkt steht.

Hügellandschule_Zeichnung
Gezeichnete Stärken

Wie arbeitet man über Stärken an Stärken von Kindern?

Wir arbeiten von Anfang an mit Zeichnungen. Im Abstand von drei Wochen zeichnen die Kinder, worauf sie stolz sind, was sie geschafft haben und woran sie weiterarbeiten wollen. Diese Zeichnungen werden gerahmt, sie hängen in der Klasse. So ist in der Klasse immer ein Stück von ihnen, sie können ihre Stärken immer anschauen. Wir versuchen, ihre starken Seiten weiter zu fördern und in den Mittelpunkt zu stellen und nicht in den Schwächen zu verharren. Wir reflektieren mit den Kindern, wie sie etwas besser machen könnten. Wir arbeiten über Stärken an Stärken und an Schwächen. Die Stärken sind aber immer im Mittelpunkt.

Die Stärken sind immer im Mittelpunkt.
Eva Theissl

Wie beeinflussen Stärken die Entwicklung der Kinder?

Ich bin jetzt 42 Jahre im pädagogischen Bereich tätig. Am spannendsten für mich war, die Entwicklungsmöglichkeiten und Wege von Kindern zwischen 6 und 14 Jahren mitverfolgen zu können. Gelernt habe ich, wie wichtig es ist, ganzheitlich draufzuschauen. Die Kinder kommen vom Kindergarten, ihre Stärken sind unbedarft vorhanden. Sie sind stolz auf das, was sie können, ihr Tun ist nicht in Schubladen verstaut, sie bewerten nicht, was sie tun. Ich habe in den Schulhistorien der Kinder gesehen, dass ihnen diese Stärken bleiben, wenn man ihnen bewusst macht, dass dies ihre Stärken sind und diese nicht abtut als etwas, was in der Schule nicht mehr wichtig ist. Das Bewusstsein für die eigenen Stärken eröffnet den Kindern tolle Lebens- und Berufswege.

Welche Rahmenbedingungen stärken noch?

Ich habe von Binnendifferenzierung über Klassenzüge bis zur neuen Mittelschule sehr viel erlebt. Ich sage, Kinder wollen von Haus aus lernen. Wir müssen ihnen Rahmenbedingungen anbieten, innerhalb derer sie das können. Sie müssen wissen, wo man sich Informationen holt und Freude daran haben, sich neue Informationen zu erarbeiten. Kindern wird beigebracht, wie man lernt. Das ist unser Hauptjob.

Auf einer bunten Blumenwiese wachsen auch nicht alle Blumen gleich hoch und gleich bunt. Sie sind einfach verschieden, aber alle sind wichtig.
Eva Theissl

Wie gewährleistet man in einer solchen Schule Inklusion?

Über die Mehrstufenklassen bin ich zur Inklusion gekommen. Man muss sich das wie eine große Familie vorstellen. Alle Kinder sind da, niemand wird separiert, alle werden gemeinsam unterrichtet.  Dabei werden die Stoffgebiete für jedes Kind individuell eingrenzt, ohne dass ein Kind bemerkt, dass es etwas anderes macht. Auch die Lernumgebung mit Gruppen macht gelungene Inklusion möglich.

Macht Schule divers oder einheitlich?

Schule fährt für mich mit der Schere drüber, da immer alles einheitlich sein soll. Dagegen wehre ich mich. Auf einer bunten Blumenwiese wachsen auch nicht alle Blumen gleich hoch und gleich bunt. Sie sind einfach verschieden, aber alle sind wichtig.

Eva Theissl

Eva Theissl ist seit 42 Jahren Pädagogin,sie ist Schulentwicklerin und Direktorin der De La Tour -Hügellandschule in Vasoldsberg. Hier werden Primar- und Sekundarstufe in einer verschränkten Ganztagesform geführt. Statt in Einzelstunden wird in Blöcken mit langen Pausen gearbeitet. Es gibt Mehrstufenklassen, Projektunterricht, offenen demokratischen Unterricht und Lernbüros.

Gute Schule ist bunt, vielfältig und inklusiv. Sie wird gemeinsam gestaltet. Sie fördert dort, wo Unterstützung gebraucht wird. Sie lässt Stärken wachsen.

So macht Schule stark!