Soziale Investitionen zahlen sich aus

Pflegefinanzierung im Fokus

70 Prozent der Ausgaben in die Pflege fließen via Steuern und Sozialversicherung wieder an die öffentliche Hand zurück. Wer das nicht bedenkt, ist schlicht kurzsichtig.

21.09.2018
Wenn wir von Pflege reden, geht es uns um Würde und Lebensqualität Foto Nadja Meister/Diakoniewerk
Wenn wir von Pflege reden, geht es uns um Würde und Lebensqualität (Foto Nadja Meister/Diakoniewerk)

Verschiedene Aspekte der Pflegediskussion

Es gibt viele verschiedene Blickwinkel und Aspekte, die bei der Diskussion um die Pflege eingenommen und bedacht werden können und müssen. Sei es die medizinisch-pflegerische Sichtweise, das Angebot an Leistungen, die systemischen und wohlfahrtsstaatlichen Überlegungen, personelle Strukturen und Ausbildungssysteme, Lebensqualität und Wohlbefinden von pflegebedürftigen Menschen, der Aspekt der Selbstbestimmung der Betroffenen, die Stellung von Angehörigen – und, nicht zuletzt, aber eben nur ein Punkt unter vielen: die Finanzierung der Pflege.

Geht es nur um Finanzierung? 

Warum wird diesem Punkt so viel Aufmerksamkeit geschenkt, und nicht etwa der Lebensqualität der Betroffenen? Warum ist es uns nicht wichtiger, darüber zu diskutieren, wie wir alt werden wollen, welche Dienste wir uns für unsere Angehörigen wünschen, und wie wir Rahmenbedingungen in der Pflege und Betreuung so gestalten, dass der Beruf attraktiver gemacht wird?

Lebensqualität denken

Das ständige Kategorisieren von alltäglichen Dingen in Wert- und Geldeinheiten, die allgegenwärtigen Diskussionen um Staatsschulden, ökonomische und finanzielle Krisen sowie vermeintlich knapper werdende finanzielle Ressourcen könnten Erklärungen liefern. Oder auch die gedankliche Verknappung – es ist einfacher, über Geld zu diskutieren, als über Lebensqualität. Denn wie sieht diese aus, worin zeigt sie sich, was ist uns in unserer Gesellschaft wichtig, und gibt es dafür Entsprechungen im Pflegesystem?

Die Pflege als reinen Kostenfaktor zu betrachten, ist absurd. Bevor wir panisch nur aufs Geld schauen, seien wir also ehrlich, und diskutieren die Pflege aus allen Blickwinkeln, die nötig sind.

Dienstleistungen für ältere Menschen

Vor kurzem konnte ich eine internationale wissenschaftliche Konferenz zum Thema Langzeitpflege besuchen. Der Eindruck entstand, dass in den letzten Jahren einerseits wenig an den Systemen geändert wurde. Ja, es wurde hier geschraubt, und dort gedreht, aber grundsätzlich sind sich die Leitlinien in den europäischen Pflegesystemen die gleichen wie vor 10 oder 15 Jahren. Andererseits war offensichtlich, wie sehr die ökonomische Argumentation Einzug gehalten hat, wenn es darum geht, Dienstleistungen für ältere Menschen zu errichten.

Der ökonomische Blick verengt die Diskussion

Fein säuberlich wird berechnet, wie viel sich die öffentliche Hand erspart, wenn Hospizteams Menschen in ihren letzten Lebenstagen betreuen, denn damit entstehen keine Kosten in Krankenhäusern (wo sonst die älteren Personen hingebracht werden würden). Oder dass sich „Investitionen in die Ressource Angehörige“ lohnen, wenn man bedenkt, dass weniger Angehörige auf einen Pflegebedürftigen kommen. Das ist alles richtig und wichtig, doch es ist der ökonomische Blick auf die Pflege, der uns die Diskussion um die Würde und Lebensqualität nimmt.

Kapitalgedeckte Pflegeversicherung?

Während dieser Konferenz scheuchte auch ein Radio-Beitrag die WissenschafterInnen auf. Von der Möglichkeit einer kapitalgedeckten Versicherung für die Pflege war die Rede, und dass dadurch die hohen Kostenentwicklungen der öffentlichen Hand eingedämmt werden könnten. Ein sehr kurzsichtiger Gedanke, denn während sich die öffentliche Hand vermeintlich etwas spart, werden die Menschen dazu verpflichtet, selbst Geld in die Pflege investieren – und das ist einerseits für viele schlicht nicht möglich, und andererseits müsste eben wieder die öffentliche Hand einspringen.

Dass Versicherungen bei kapitalgedeckten Varianten zudem wenige Anreize haben, Leistungen umfangreich zu gestalten, oder gar auszuweiten, wurde dabei gar nicht erwähnt.

Die Frage ist nicht, ob die finanziellen Mittel für die Pflege in den kommenden Jahren steigen werden, denn ja, das werden sie definitiv. Die Frage ist vielmehr, ob wir uns dafür fürchten, und ob sich die politischen EntscheidungsträgerInnen davor verschrecken lassen, oder ob sie mutige Schritte setzen.

Steuerfinanzierte Pflege kann sich jeder leisten

Was wir aber sehen müssen, wenn wir von der österreichischen, steuerfinanzierten Pflege sprechen, ist, dass 70 Prozent der Ausgaben via Steuern und Sozialversicherung wieder an die öffentliche Hand zurückfließen.

Und: dabei ist noch nicht eingerechnet, wie groß die Entlastung der pflegenden Angehörigen sein kann, wie Dienstleistungen die Menschen positiv beeinflussen, oder wie sich sinnvolle Tätigkeiten in der Pflege-Arbeitswelt auf unser gesamten gesellschaftliches Wohlbefinden auswirken können. Die Pflege als reinen Kostenfaktor zu betrachten, ist absurd. Bevor wir panisch nur aufs Geld schauen, seien wir also ehrlich, und diskutieren die Pflege aus allen Blickwinkeln, die nötig sind.