Hospizkultur

Palliative Care: Lebensqualität erhalten

In den Wohn- und Pflegeeinrichtungen der Diakonie für Menschen im Alter ist Palliative Care ein wichtiges Thema.

24.10.2020
(Symbolbild: © Jacob Lund / stock.adobe.com)
"Wenn es ihm gut geht, geht es mir auch gut." (Symbolbild: © Jacob Lund / stock.adobe.com)

Text: Corina Unterkofler

"Ich will das Beste für meinen Mann – was auch immer das ist", sagt Renate Nösig. Ihr Mann Gebhard hatte vor vier Jahren einen Unfall, den er nur schwer verletzt überlebte. Seit damals lebt der heute 70-Jährige in einem Altenwohn- und Pflegeheim der Diakonie in Kärnten.

"Wenn es ihm gut geht, geht es mir auch gut."

Ihr Mann sei ein Kämpfer, sagt Renate Nösig. "Ich wünsche mir für uns, dass er einfach noch ein wenig weiterkämpft. Vielleicht geht ja noch ein kleiner Schritt, eine kleine Verbesserung. Aber wenn dann doch mal der Zeitpunkt kommt, wo es ihm schlechter geht, dann soll er nicht mit allen vorhandenen technischen Mitteln am Leben erhalten werden – das ist nicht das, was Gebhard möchte, das weiß ich."

Frau Nösig besucht ihren Mann täglich, oft mehrere Stunden. "Ich gehöre hier schon fast zum Inventar"“, lacht sie. "Mir ist wichtig, dass es ihm gut geht und dass er nicht den ganzen Tag im Zimmer liegt uns fernsieht. Denn wenn es ihm gut geht, geht es auch mir gut. Er genießt die täglichen Dinge, wenn ich zum Beispiel mit ihm in den Garten rausgehe. Ich bin sehr froh, dass Gebhard hier im Ernst-Schwarz-Haus der Diakonie ist, wo so vieles getan wird, um seine Lebensqualität zu verbessern.

Palliative Care ist eine grundsätzliche Haltung.
Roswitha Urabel

Was bedeutet Palliative Care eigentlich?

"Viele denken immer noch, Palliative Care bedeute, dass ein alter Mensch im Sterben liegt und nicht mehr lange zu leben hat", erzählt Roswitha Urabel. Sie ist eine von zwei Palliativbeauftragten im Ernst-Schwarz-Haus. "Doch das stimmt so nicht, denn es beschreibt eine grundsätzliche Haltung. Es geht darum, wie man die Lebensqualität von Menschen aller Altersgruppen, deren Erkrankungen nicht mehr geheilt werden können, so gut es geht erhält."

Für Gebhard Nösig und seine Frau Renate, aber auch für alle anderen Bewohnerinnen und Bewohner sowie ihre Angehörigen bedeutet das auch, dass offen darüber gesprochen wird, was sie möchten, wenn es ihnen gesundheitlich schlechter geht und sie zum Beispiel ins Krankenhaus gebracht werden müssen. Kein einfaches Thema, aber sicher eines, das nicht ganz nach hinten geschoben werden soll.

Wichtige Fragen früh mitdenken

Es soll nicht so sein, dass man über vieles erst spricht, wenn eine Entscheidung dringend getroffen werden muss. Wenn die großen Fragen im Vorfeld besprochen werden, kann später richtig gehandelt werden – sowohl vom Pflegeteam, als auch von den Ärztinnen und Ärzten im Krankenhaus und von den Angehörigen. Pflegedienstleiterin Daniela Trausnitz: "Wir denken viele Fragen und Entscheidungen von Anfang an mit. Nicht, wenn es schon 5 vor 12 ist. Denn es ist für alle Beteiligten sehr wichtig, auch wenn es schwer ist. Sonst trifft es einen unvorbereitet und man muss dann schnell eine Entscheidung treffen, mit der man sich vorher überhaupt nicht auseinandergesetzt hat."

Wir denken viele Fragen und Entscheidungen von Anfang an mit.
Daniela Trausnitz

Ganzheitlicher Ansatz

Dabei steht ein ganzheitlicher Ansatz hier im Vordergrund. Urabel: "Es geht nicht darum, den Menschen mit seiner Diagnose und seinen Defiziten zu sehen, sondern zu erkennen, was er oder sie körperlich, psychisch und spirituell braucht. Man bezieht die Angehörigen mit ein und schaut auf den Freundeskreis und die sozialen Kontakte. Es geht auch darum zu erkennen, welche Ressourcen man im interdisziplinären Team zur Verfügung hat: Das mobile Palliativteam, die ehrenamtlichen Hospizmitarbeiterinnen und -mitarbeiter, Ärztinnen und Ärzte aber auch unsere Psychologinnen und die Pastoralen Dienste ziehen hier an einem Strang, um Schmerzen zu lindern, Gespräche zu führen und Unterstützung anzubieten."

Dass die Lebenssituation ihres Mannes Gebhard für Renate Nösig belastend ist, steht außer Frage. Zu sehen, dass es einem geliebten Menschen nicht gut geht, ist für Angehörige extrem belastend. "Die Zeit heilt nicht alle Wunden", sagt sie, "sie macht es nur etwas leichter. Ich denke, jeder muss seinen eigenen Weg finden, um mit schwierigen Situationen umzugehen, denn nur so werden diese irgendwann erträglicher."

Hospizkultur und Palliative Care im Alten- und Pflegeheim

Das Projekt HPCPH (Hospizkultur und Palliative Care im Alten- und Pflegeheim) ist ein österreichweites Projekt von „Hospiz Österreich“ und richtet sich an Sozialorganisationen mit Angeboten für Menschen im Alter.

HPCPH ist ein zweijähriger Organisationsentwicklungsprozess, bei dem es darum geht, Abläufe und Strukturen zu evaluieren, ggf. anzupassen und so zu verankern, dass sie im täglichen Tun gelebt werden können. Wichtig ist, ein Bewusstsein und eine Haltung zu schaffen sowie das Wissen zu erweitern um Sicherheit zu geben und die multiprofessionelle Zusammenarbeit zu fördern.

Palliativbeauftragte werden zu Expertinnen und Experten im Bereich HPC ausgebildet und arbeiten gemeinsam mit der Palliativgruppe daran, die Lebensqualität der Bewohnerinnen und Bewohner zu erhalten und gleichzeitig für die Angehörigen und das Pflegeteam eine Entlastung zu schaffen.

HPCPH ist nun auch in Kärnten gestartet – mit zwei Häusern der Diakonie de La Tour (Ernst-Schwarz-Haus in Waiern und Haus Harbach in Klagenfurt) und zwei Häusern der Caritas. Auch in der mobilen Betreuung von Menschen im Alter wird ein Schwerpunkt auf HPC gelegt.