Nähe trotz Distanz in Wohn- und Pflegeeinrichtungen für Menschen im Alter

Mit Abstand in Beziehung sein

Ein Bericht von Christine Leyroutz. Nähe trotz Distanz in Wohn- und Pflegeeinrichtungen für Menschen im Alter. Wie verändert sich das »In-Beziehung-Sein«, wenn wir doch alle Abstand halten sollen?

03.08.2020

Christine Leyroutz leitet ein Team von fünf Psychologinnen, die in allen Wohn- und Pflege-einrichtungen für Menschen im Alter der Diakonie de La Tour sowie mobil tätig sind. Sie sind ein wichtiger Teil des Pflege- und Betreuungsteams und stehen den Bewohnerinnen und Bewohnern schon beim Einzug bei psychologischen Fragestellungen oder in psychosozialen Krisen zur Verfügung. Christine Leyroutz arbeitet im Haus St. Peter und im Haus Harbach in Klagenfurt

Christine Leyroutz leitet ein Team von fünf Psychologinnen, die in allen Wohn- und Pflege-einrichtungen für Menschen im Alter der Diakonie de La Tour sowie mobil tätig sind.
"In der Zeit mit Corona war es für mich persönlich sehr schön zu sehen, wie kreativ meine Kolleginnen und Kollegen ihrer Arbeit nachgingen und jeden Tag über sich hinauswuchsen, um die Tage für unsere Bewohnerinnen und Bewohner heller zu machen."

Jeder Tag, an dem alle soweit gesund geblieben sind, ist ein guter Tag. Wir sind alle zum Glück soweit gesund geblieben, das für den Anfang. In Häusern für Menschen im Alter hat sich durch das Coronavirus vieles geändert. Menschen, die wir begleiten, konnten keinen Besuch bekommen. Angehörige konnten den Kontakt einige Wochen lang nur über Videotelefonie oder durch geschlossene Fensterscheiben aufrechterhalten und nicht persönlich ins Zimmer kommen. Und für uns Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter war es eine Zeit, unsere »professionelle Distanz« bewusst zu reflektieren.  Auf jeden Fall brachte das Virus Veränderungen im Beziehungsgeflecht.

Demenz: Gute Gefühle bleiben

Viele Bewohnerinnen und Bewohner haben in den Wochen der Besuchsbeschränkungen und Verbote ihre Lieben emotional sehr vermisst. Je nach Grad ihrer Erkrankung waren sie nicht immer in der Lage, dies mit Worten auszudrücken, sie zeigten es uns mit ihrem Verhalten. Für Menschen mit Demenz war die Situation noch schwieriger. Es war und ist nicht notwendig und sinnvoll, Menschen mit Demenz mit der Coronasituation zu konfrontieren. Auch zu erklären, warum die Familie nicht kommen kann, ist schwierig, weil das Kurzzeitgedächtnis die Informationen nicht mehr behalten kann. Diese Information würde bei den Betroffenen ein Gefühl der Angst hinterlassen und diese macht dann unruhig. Es war oft nicht ganz einfach, den Angehörigen zu erklären, wie sie mit ihrem erkrankten Angehörigen via Telefon kommunizieren sollen, dass es z.B. nicht wichtig ist, zu erklären, warum sie nicht kommen können, sondern sie lieber über Situationen und Erlebnisse sprechen sollten, die bei beiden ein gutes Gefühl erzeugen.

Ganz oft ist das wunderbar gelungen und die guten Gefühle sind geblieben. Wir unterstützen in diese Richtung, ermutigen Angehörige, biografische Familiengeschichten zu erzählen. Es war und ist immer wieder schön zu beobachten, wie sehr die Gesichter unserer Bewohnerinnen und Bewohner zu strahlen begannen, wenn sie vertraute Gesichter oder Stimmen während der Videotelefonie erkannten. Viele berührende Momente durfte ich in den letzten Wochen erleben. Nicht nur Momente für unsere Bewohnerinnen und Bewohner, sondern auch in den Augen der Angehörigen waren viele Emotionen zu erkennen. Augenblicke, die ich nicht missen möchte ... und bei denen ich das Gefühl hatte, den Familien sehr nah zu sein.

Eine schwierige Situation auch für Angehörige

Jene Bewohnerinnen und Bewohner, die in alle Richtungen orientiert sind und die Situation verstanden, trösteten und beruhigten oft ihre Familien und ihre Mitbewohnerinnen und Mitbewohner. Sie sind unglaublich tapfer und stark und nehmen die Situation, wie sie ist. Diese Generation jammert nicht, das imponiert unheimlich.Natürlich machten sich die Angehörigen viele Sorgen. Manchmal ging es um Kleinigkeiten. Hat meine Mutter eine schöne Frisur? (Das war ihr immer wichtig). Ist der Vater auch ordentlich angezogen, wenn kein Besuch kommt? (Immerhin war er Anwalt). Isst meine Frau genug, auch wenn ich sie dabei nicht unterstütze? (Ich bin mir nicht sicher, ob im Heim genug Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter da sind).

Ich verstehe die Sorgen der Angehörigen. Es bedarf reflektierter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die nicht in Konkurrenz mit der Familie oder den Freunden der Betroffenen stehen. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich bewusst sind, dass sie im Pflegeheim arbeiten, aber nicht Familie ersetzen müssen. Das entlastet, auch die Familien und Freunde. Das ist leider nicht immer einfach zu schaffen. Aber wir geben auch hier unser Bestes.

Angehörige und uns beschäftigte wahrscheinlich dieselbe Frage, nämlich wie wir das Infektionsrisiko reduzieren und trotzdem in Beziehung bleiben können.

In den Tagen der Besuchsverbote und -beschränkungen berichteten Medien leider nicht immer Gutes. Wir lasen und hörten fürchterliche Meldungen aus Pflegeheimen. Angehörige und uns beschäftigte wahrscheinlich dieselbe Frage, nämlich wie wir das Infektionsrisiko reduzieren und trotzdem in Beziehung bleiben können. Rückblickend beurteilt, haben wir es gemeinsam geschafft. Es gab viel Verständnis, aber auch ein zähes Aushandeln zwischen individuellen Wünschen und dem notwendigen Blick auf die gesamte Einrichtung und all ihre Bewohnerinnen und Bewohner.

Darf es ein bisschen mehr Nähe sein?

Auch für uns Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren die Wochen der Akut-Maßnahmen in Pflegeeinrichtungen eine noch nie dagewesene Herausforderung. Die Kolleginnen und Kollegen haben in dieser Zeit alles gegeben. Da war die Vernunft, zu Hause isoliert zu bleiben. Da war die Angst, die uns ständig begleitete, das Virus unbemerkt in ein Haus mitzubringen und die Bewohnerinnen und Bewohner zu gefährden. Und da waren die bangen Stunden in Schutzkleidung, wenn es einen Verdachtsfall gab. Auch wenn sich keiner dieser Verdachtsfälle bestätigte, ließ uns jede Stunde der Ungewissheit vorsichtiger werden.

Angehörige und uns beschäftigte wahrscheinlich dieselbe Frage, nämlich wie wir das Infektionsrisiko reduzieren und trotzdem in Beziehung bleiben können. (Foto Gerhard Maurer)
Mitgefühl ist wichtig. Denn nur, wenn ich mich in jemanden hineinversetzen kann und dann in seinem Sinne handle, bin ich in der Lage, gut zu arbeiten. (Foto Gerhard Maurer)

Während der Coronakrise wurde auch unser aller Verständnis von »professioneller Distanz« auf die Probe gestellt.  Dürfen oder müssen wir weiterhin in unserer Fachlichkeit bleiben oder darf es doch ein bisschen mehr Nähe sein? Die »professionelle Distanz« gilt es in der täglichen Arbeit zu wahren. Diese ist wichtig, damit wir die uns anvertrauten Menschen gut betreuen können.

Wir Betreuende sind nicht »Familie« und nicht »Partnerin oder Partner«, und trotzdem bedarf es einer guten Beziehung zu den Bewohnerinnen und Bewohnern, damit wir sie erreichen. Mit viel Herz, Empathie und Mitgefühl versuchten wir in der Coronakrise und darüber hinaus tagtäglich, das Beste zu geben.

Mitgefühl ist wichtig. Denn nur, wenn ich mich in jemanden hineinversetzen kann und dann in seinem Sinne handle, bin ich in der Lage, gut zu arbeiten. Mitleid wäre in diesem Sinne fatal. Bei jedem unserer Bewohnerinnen und Bewohner mitleiden – das wäre keine gute Einstellung für unsere Arbeit.

Sonniger, fröhlicher und schöner mit professioneller Distanz

In der Zeit mit Corona war es für mich persönlich sehr schön zu sehen, wie kreativ meine Kolleginnen und Kollegen ihrer Arbeit nachgingen und jeden Tag über sich hinauswuchsen, um die Tage für unsere Bewohnerinnen und Bewohner heller zu machen. Jeder lebte seine Talente aus, so wurde gesungen und getanzt, die herrlichen Frühlingsnachmittage gemeinsam auf den Balkonen oder im Garten verbracht. Es wurden alte Kochrezepte ausprobiert und das Gekochte in der Gemeinschaft verspeist. Unser hausgemachter Eierlikör wurde ausgeschenkt, den unsere Bewohnerinnen und Bewohner sehr genossen. Es wurden die Haare unserer Damen schön gemacht, allein dadurch haben sie sich oft besser gefühlt. Die Angehörigen schickten uns Videos der Enkel, die musizierten und damit nicht nur die Oma, sondern ganze Wohnbereiche erfreuten. Es gab immer ganz viele lachende und fröhliche Gesichter und das hat auch mir gutgetan.

Meine Kolleginnen und Kollegen leisten Großartiges, mit viel Gefühl und Kreativität erledigen sie nicht nur ihre Aufgaben, sie sind sich ihrer Verantwortung bewusst und sie machen die Tage für die Bewohnerinnen und Bewohner sonniger, fröhlicher und schöner und bleiben dabei in ihrer fachlichen, professionellen Distanz.

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