Freiwillige LernbetreuerInnen im Einsatz

„Man spürt, dass die Kinder Hilfe brauchen“

Leben auf engstem Raum, mangelnde Unterstützung, kein Laptop – die Corona-Pandemie hat erneut bewiesen, dass es Kinder und Jugendliche mit Fluchthintergrund besonders schwer haben auf ihrem Bildungsweg. Unsere engagierten Freiwilligen helfen, wo sie können!

04.12.2020
Lernbetreuung Diakonie
"Jedes Kind hat das Recht auf Bildung und Zukunftschancen und ich finde es ganz wichtig, den Selbstwert der Kinder zu fördern und zu sagen: Du kannst das alles schaffen!"

Im Rahmen der Schulschließungen wegen Corona ist der ohnehin schon hohe Lernbetreuungsbedarf geflüchteter SchülerInnen noch einmal deutlich angestiegen. Denn Eltern mit nicht-deutscher Erstsprache können ihre Kinder im Home-Schooling nur schwer beim Lernen unterstützen. Hinzu kommt, dass viele Flüchtlingsfamilien unter sehr prekären Verhältnissen leben müssen. Die Kinder haben meist weder die nötige Ruhe noch den Platz oder die erforderliche Infrastruktur (wie Laptops), um Zuhause gut lernen zu können.

Unsere Integrationseinrichtung INTO-Wien, in der wir bereits vor Corona Lernhilfe für geflüchtete SchülerInnen zwischen 6 und 20 Jahren angeboten haben, hat schnell reagiert und auf Online-Lernhilfe umgestellt. In den allermeisten Fällen über Handy. Das wäre ohne das großartige Engagement unserer vielen freiwilligen LernhelferInnen nicht möglich gewesen.

Amitis ist 15 Jahre alt und hilft gefl üchteten Kindern beim Lernen.
Amitis ist 15 Jahre alt und hilft geflüchteten Kindern beim Lernen.

Eine dieser freiwilligen Mitarbeitenden ist Amitis Königshofer. Amitis ist 15 Jahre alt und besucht die 6. Klasse in einem Gymnasium im 17. Bezirk. Seit Anfang 2020 hilft sie einmal die Woche bei INTO-Wien geflüchteten Kindern beim Lernen. Amitis kennt die Herausforderungen für Kinder mit Fluchthintergrund gut:

„Kinder, deren Eltern nicht so gut Deutsch sprechen, sind klar im Nachteil. Auch in meiner Schule. Die Schulen erwarten, dass die Eltern mit den Kindern lernen, aber diese Kinder können zu Hause keine Hilfe beim Lernen bekommen. Und ihnen wird auch von der Regierung überhaupt nicht geholfen. Vor allem während des Home-Schoolings im Corona-Lockdown war das ein großes Problem. Ich habe das Gefühl, dass diese Kinder im Stich gelassen werden.“

Deshalb engagierte sich die 15-Jährige auch während des Lockdowns: „Ich habe zwei Mädchen über WhatsApp betreut, die beide in die Volksschule gehen. Wir haben über Fotos, Textnachrichten, Sprachnachrichten und Video-Anrufe gelernt. Ich bin ein bisschen wie eine große Schwester. Und es gibt immer sehr schöne Momente, wo ich merke, die Kinder schätzen mich sehr.“

Amitis Wunsch für Kinder mit Fluchthintergrund ist: „Dass man versucht, auf die Kinder, die mehr Hilfe brauchen zu schauen. Es sind manchmal kleine Dinge, die den Kindern schon helfen. Wie, dass jemand bei den Hausübungen einfach daneben sitzt und ihnen das Gefühl gibt, jemand ist für sie da, wenn sie etwas brauchen. Ich denke mir oft, es kann doch nicht so schwer sein, dass das staatlich übernommen wird.“

Der ehemalige Arzt, Dr. Berger, ist froh, dass er in der Pension helfen kann.
Der ehemalige Arzt, Dr. Berger, ist froh, dass er in der Pension helfen kann.

Auch Herr und Frau Berger helfen freiwillig geflüchteten Kindern beim Lernen.

„Ich bin seit drei Jahren in Pension und habe im Februar 2019 bei INTO Wien begonnen. Vor Corona habe ich einmal in der Woche eine Lerneinheit betreut. Als INTO aufgrund der Corona-Maßnahmen nur noch online arbeiten konnte, haben wir die Lernbetreuung online gemacht. Da habe ich dann auch meine Frau für die Online-Lernbetreuung geworben. Sie ist viel professioneller als ich, weil sie Volksschullehrerin war. Ich bin Arzt und habe mit dem Lehrberuf nichts zu tun“, erzählt Herr Berger.

„Ich habe zwei somalische Kinder zugeteilt bekommen, die in eine Neue Mittelschule gehen. Da war der Lernbedarf schon hoch. Wir haben es so gemacht: Sie haben die Aufgabe abfotografiert und mir per WhatsApp geschickt und wir haben dann telefoniert und sind die Aufgabe gemeinsam durchgegangen. Das war in der Zeit des totalen Lockdowns schon sehr intensiv, drei bis vier Mal in der Woche circa. Sprachlich hat es gut funktioniert, die meisten Kinder können gut Deutsch. Meine Schüler waren auch immer sehr höflich. Es ist aber nicht so leicht über WhatsApp. Es ist ja auch so, dass in den meisten Familien viele Leute auf engem Raum leben. Man hat immer Hintergrundgeräusche, hört die Geschwister reden, es kommen Anrufe …  aber ich glaube, dass es sehr hilfreich für die Kinder war“, so Herr Berger.

„Das hat Sinn...“, so Frau Berger über Ihr Engagement in der Lernbetreuung.
„Das hat Sinn...“, so Frau Berger über Ihr Engagement in der Lernbetreuung.

Auch Frau Berger schilderte uns ihre Erfahrungen in der Online-Lernbetreuung: „Ich habe drei Volksschulkinder betreut. Das jüngere Mädchen wollte mir immer vorlesen über WhatsApp. Die älteren beiden haben dringend Hilfe gebraucht. Oft haben wir jeden Tag eine Stunde die Hausübung zusammen erledigt. Es war nicht leicht, weil die Familien hatten alle keinen Computer. Deshalb mussten wir alles über das Handy machen, aber es ist so schön mitzuerleben, wenn ein Kind merkt, dass es die Aufgabe richtig gelöst und verstanden hat. Da denke ich mir: Das hat Sinn, dass einfach jemand dahinter ist und das Kind fördert.“

Die ehemalige Volksschullehrerin sieht noch jede Menge Verbesserungspotenzial im Bildungssystem: „Es wird zu wenig Fokus gelegt auf Bildung, Förderung, auf Talent ... Viele Eltern sind alleingelassen. Es gibt keine Beratungsstellen. Und man spürt, dass die Kinder Hilfe brauchen. Aber jedes Kind hat das Recht auf Bildung und Zukunftschancen und ich finde es ganz wichtig, den Selbstwert der Kinder zu fördern und zu sagen: Du kannst das alles schaffen!

Wir danken allen unseren freiwilligen Mitarbeitenden, die sich in der Lernbetreuung so engagiert dafür einsetzen, dass geflüchtete Kinder Zugang zu Bildung und gleiche Zukunftschancen haben. Denn Bildung ist ein Menschenrecht!

Wenn auch Sie sich freiwillig in der Lernbetreuung für das Recht auf Bildung engagieren möchten oder die Lernbetreuung mit einer Spende unterstützen können, freuen wir uns sehr!