Schulstart der Diakonie in Kärnten

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne

Schulbeginn an den Schulen der Diakonie in Kärnten

11.02.2020
36 Jahre beträgt der Altersunterschied zwischen dem jüngsten Studenten und der ältesten Studentin.
36 Jahre beträgt der Altersunterschied zwischen dem jüngsten Studenten und der ältesten Studentin (Foto: © Gerhard Maurer / Diakonie de La Tour)

Gut 300 Studierende besuchen die Schulen der Diakonie in Kärnten. Für 95 von ihnen ist es der erste Tag ihrer zwei- bzw. dreijährigen berufsbegleitenden Ausbildung in den Bereichen Behindertenbegleitung, Behindertenarbeit, Altenarbeit oder Sozialpädagogik.

Viele Angebote, ein Gedanke

Am neuen Bildungscampus der Diakonie in Kärnten (Campus:Inklusiv) arbeiten 30 Menschen mit Behinderungen, entweder im Bereich papier.creativ, der Gruppe Mosaik oder in der Deko-Schmiede. Der Campus wird gemeinsam genutzt und man hat das Gefühl, alles folgt hier einem Gedanken. Die Ausbilung ist modern, hat einen hohen Qualitätsanspruch, und einen starken Praxisbezug.

Frage formulieren und die Antwort selber finden

Der erste Schultag beginnt für die Studierenden im Turnsaal und aus den ersten Begegnungen in den Gruppen wird die Vielfalt sichtbar: 36 Jahre beträgt der Altersunterschied zwischen dem jüngsten Studenten und der ältesten Studentin, die mit 55 eine neue Ausbildung beginnt. Fast alle stehen im Berufsleben, wenn auch in ganz unterschiedlichen Berufen. Sie kommen großteils aus Kärnten, manche auch aus Osttirol und der Steiermark. Viele bringen auch Erfahrung aus dem Sozialbereich mit, zwei Drittel haben eine eigene Familie. Erste Fragen, die die 95 Studentinnen und Studenten bewegen, sollen gesammelt werden. "Versuchen Sie, die Fragen mithilfe der Gruppe oder von Leuten, die Sie hier im Haus treffen, doch gleich selbst zu beantworten", kommt die Bitte der Schulleitung. Der Rest wird dann im Plenum beantwortet. Frage formulieren und die Antwort selber finden – so funktioniert also das Lernen hier?

"Ich will wissen, warum die Jugendlichen so reagieren, wie sie reagieren"

Einer, der ganz neu anfängt, ist Kristoffer Brunsch, der nach dem Studium "Holztechnologie" als ausgebildeter Diplomingenieur und seiner beruflichen Tätigkeit bei großen Industrieunternehmen in den Sozialbereich wechselt – die Arbeit mit Menschen war für ihn reizvoller.

Er begleitet junge Menschen mit Lernbeeinträchtigung in einer Einrichtung der Diakonie in Kärnten und bildet sie zu qualifizierten Tischlereihelfern aus. Die Ausbildung ist eine Anforderung des Dienstgebers, aber auch persönliche Motivation spielt eine Rolle: "Ich sehe es als eine Notwendigkeit. Noch arbeite ich eher intuitiv, aber das reicht nicht mehr aus. Ich will wissen, warum die Jugendlichen so reagieren, wie sie reagieren, was man bei Motivationsproblemen tut – eben einfach Lösungen für die täglichen Fragen in der Arbeit finden."

Und was ist die Erwartung an die Schule von jemandem, der schon ein Studium absolviert und jede Menge beruflicher Verantwortung getragen hat? "Die schriftlichen Arbeiten wieder abzugeben, wird schon eine Herausforderung", so Brunsch mit einem Lächeln. "Aber ich hoffe, es wird nicht zu verschult." Diesen Eindruck gewinnt man als Beobachter nicht und so wird Brunsch die nächsten sechs Semester einmal wöchentlich nach Waiern fahren, um dann als Diplom-Sozialpädagoge das Kolleg abzuschließen.

Brunsch ist nicht der einzige, der aus einem eher außergewöhnlich anmutenden Beruf für einen Einstieg in den Sozialbereich kommt. Handelsangestellte und Juristen, ausgebildete Architekten und gelernte Buchdruckerinnen, aus allen Bereichen gibt es Quereinsteiger.

Kristoffer Brunsch wechselt von einem großen Industrieunternehmen in den Sozialbereich. (Foto: © Gerhard Maurer / Diakonie de La Tour)
Kristoffer Brunsch wechselt von einem großen Industrieunternehmen in den Sozialbereich. (Foto: © Gerhard Maurer / Diakonie de La Tour)
Studentin Carina Wietinger: „Man steigt als Studentin ein und geht als Kollegin weg.“ (Foto: © Gerhard Maurer / Diakonie de La Tour)
Studentin Carina Wietinger: "Man steigt als Studentin ein und geht als Kollegin weg." (Foto: © Gerhard Maurer / Diakonie de La Tour)

Bezug zur Praxis

Seit vier Jahren führt Susanne Lissy die Schule für Sozialbetreuungsberufe, auch das nun seit vier Jahren bestehende Kolleg wird von der promovierten Sozialwissenschaftlerin geleitet. "Der wichtige Bezug zur Praxis zeichnet uns seit fast 40 Jahren aus", so die Direktorin. "Einerseits haben wir viele Lehrende, die selber aus der Praxis kommen oder mitten in der Praxis stehen. Und ganz viel an Wissen und Fragestellungen bringen unsere Studierenden mit und das holen wir ganz bewusst herein." Interaktion wird also großgeschrieben. "Problem- based learning (Problembasiertes Lernen) ist die Vermittlung von Methoden und Theorien anhand von konkreten Erfahrungen und Fragestellung aus der Praxis begleitet den Unterricht", so Lissy. "Diese Wechselwirkung ist auch der Zauber dieser berufsbegleitenden und praxisorientierten Ausbildung."

Auch für die Weiterentwicklung des Ausbildungsangebotes sind diese direkten Rückmeldungen wichtig. So wurden in den letzten Jahren neue Schwerpunkte wie Berufsassistenz, Schulassistenz und Sozialpsychiatrie gesetzt und auch der Bereich der Pflegeausbildung hat eine deutliche Aufwertung erfahren.

Für Carina Wietinger ist heute erster Schultag, allerdings schon im letzten der drei Ausbildungsjahre am Kolleg für Sozialpädagogik. Sie arbeitet in einer sozialpädagogischen Wohngemeinschaft. Was ihr an der Ausbildung gefällt, ist die Frage beim Pausenkaffee: "Die Reflexionsarbeit, die durch diese Form der Ausbildung möglich ist und stattfindet. Es ist familiär und strukturiert. Man ist keine Nummer. Man steigt als Studentin ein und geht als Kollegin weg, denn der Unterricht findet auf Augenhöhe und im Austausch bei Themen und Theorie statt", gibt Carina Wietinger einen Einblick in ihre Erfahrungen nach zwei Jahren Ausbildung am Kolleg.

"Wir vermitteln Wissen, Können und Haltung"

Drei große Bereiche sind es, die Lissy umgesetzt haben will: "Wir vermitteln Wissen, Können und Haltung. Diese Ziele werden mit jedem erarbeitet – und nicht nur unterrichtet. Entscheidend ist letztendlich die Qualität der Betreuungsarbeit, die bei den Klientinnen und Klienten ankommt." Mit dieser Form des Lernens werden auch Spannungsfelder sichtbar. "Es ist notwendig, visionär zu unterrichten, unsere Studierenden sollen ja Dinge weiterentwickeln. Oft klaffen Wunsch und Wirklichkeit aber auseinander. So ist zum Beispiel Inklusion in vielen Bereichen noch nicht durchgehend angekommen. Man muss aber auch damit umgehen lernen, dass nicht alles sofort umsetzbar ist und dass die Realität auch Widersprüche bereithält."

Offen ist nun noch die Frage, ob die Träger im Sozialbereich solche ausgebildeten Mitarbeitenden brauchen? "Ich denke, die Zufriedenheit ist sehr groß. Viele Träger im Sozialbereich schicken ihre Mitarbeitenden zu uns – und das schon seit vielen Jahren. Viele unserer Studierenden finden schon während ihrer Ausbildung über Praktika einen Arbeitsplatz. Ich denke, auch von Arbeitgeberseite aus betrachtet sind wir auf dem richtigen Weg."

"Jeder von uns kann nur eine Hand zum Arbeiten nutzen. Aber gemeinsam können wir die Maschine bedienen."

Ortswechsel am Campus:Inklusiv. In der Stadtwerkstatt Feldkirchen wird man freudig willkommen geheißen und darf sich gleich an den großen Tisch setzen. Hier wird gearbeitet, geplaudert und gelacht. An einer Schneidemaschine sitzen Wolfgang Kattnig und Franz Haberl. Gemeinsam schneiden sie für einen Kunden Eintrittskarten zu. Beide haben eine körperliche Behinderung. "Ich bin ein Rechter – und er ist ein Linker", scherzt Franz Haberl, "weil jeder von uns nur eine Hand zum Arbeiten nutzen kann. Aber gemeinsam können wir diese Maschine bedienen."

Bei ihnen steht Klement Wurmitzer. Vor einem Jahr hat er die SOB abgeschlossen, die er über sechs Semester an eineinhalb Tagen die Woche besucht hat. Zum Abschluss als Fachsozialbetreuer nach zwei Jahren kam bei ihm noch die einjährige Diplomausbildung hinzu.

Wurmitzer wechselte in den Sozialbereich, weil er nach 20 Jahren seinen alten Beruf als Typografiker in der Druckvorstufe wegen der Belastung durch Chemikalien in der Druckerei aufgeben musste. Im papier:creativ-Bereich der Stadtwerkstatt ist seine Berufserfahrung sehr gefragt. "Wir versuchen, sinnstiftend zu arbeiten", so Wurmitzer. "Unsere Maschinen haben die Kollegen, auch Absolventen der SOB, teilweise adaptiert", erzählt der Diplomsozialbetreuer. "Sie haben nach Lösungen gesucht und gefunden." Problem-based solution – möchte man denken. Eine letzte Frage bleibt offen: Wie begegnet man sich hier? Die Antwort kommt nicht von Wurmitzer, sondern von den Herren an der Schneidemaschine: "Als Kollegen."

Auch das hat man heute schon öfter gehört. Haltung ist offensichtlich ein wichtiger Teil eines Gedankens, der am Campus:Inklusiv lebendig wird – auch wenn man den Gedanken nicht ganz beschreiben kann. Auch das ist Zauber.

Text: Hansjörg Szepannek

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