Inklusive Schule

"Inklusion wird etwas Intuitives"

Warum wir inklusive Schulen brauchen: Eine ehemalige Schülerin erzählt

18.08.2020
"Eigentlich ist es einfach: Jeden und jede in seiner und ihrer Individualität annehmen."
"Eigentlich ist es einfach: Jeden und jede in seiner und ihrer Individualität annehmen."

Text: Sophie Lackner

"Was ist mit ihm los? Warum ist der so komisch?" Diese Fragen kenne ich gut. Das Unverständnis, die Ausgrenzung, die Bevormundung, das Mitleid. Und auch die Beschimpfungen.

Dass manche Menschen "behindert" als Schimpfwort verwenden, erlebe ich das erste Mal in der Volksschule. Es verstört mich ziemlich. Meine Mutter hat selbst eine einseitige Lähmung und sie zeigt mir, dass eine Behinderung etwas Selbstverständliches ist.

"Du kennst dich aus", sagt meine Mutter. "Du musst das den anderen erklären, damit sie es auch verstehen."

Das mache ich, oft und laut. In der Schule, am Spielplatz, in der Straßenbahn. Die Volksschule ist eine stressige Zeit. Ich habe das Gefühl, ich alleine muss jetzt allen zeigen, wie Inklusion funktioniert. Als ich aus der Volksschule in eine inklusive Unterstufe komme, lerne ich eine neue Welt kennen.

Inklusive Unterstufe: Jeder wird zuerst als Mensch gesehen

Jeder und jede wird zuerst und vor allem als Mensch gesehen. Die Lehrerinnen und Lehrer erkennen vieles früh und sprechen es an. In der Unterstufe bin ich zusammen mit 24 anderen SchülerInnen in einer Klasse. Fünf von ihnen haben Förderbedarf. Für jede Klasse gibt es einen Sonderpädagogen oder eine Sonderpädagogin. Es ist also nicht so, dass man einander helfen muss – weil immer jemand da ist, der oder die helfen kann. Natürlich helfen wir meist einander. Aber die Verantwortung liegt nicht in erster Linie bei uns Schülerinnen und Schülern.

Wenn ich einander helfen sage, meine ich damit nicht unbedingt, dass die SchülerInnen ohne Behinderung jenen mit Behinderung helfen. Wir helfen uns gegenseitig, in unterschiedlichsten Situationen.

Inklusion ist: Individualität annehmen

Eigentlich ist es einfach: Jeden und jede in seiner und ihrer Individualität annehmen. Inklusion ist, dass man jeden Menschen einbindet. Egal, welche Herkunft, soziale Stellung, sexuelle Orientierung, Religion, ob mit Behinderung oder ohne. In einer inklusiven Schule bekommen zwar vor allem die SchülerInnen mit Förderbedarf die meiste Aufmerksamkeit und Unterstützung, aber als SchülerIn überträgst du die gelernte Inklusion auf andere Bereiche des Lebens. Inklusion wird etwas Intuitives.

An meiner Schule gibt es alle vier Jahre eine inklusive Oberstufenklasse. Das bedeutet, dass auch in der Oberstufe eine Klasse fünf SchülerInnen mit Förderbedarf hat. Ich hatte das Glück, in eine solche Klasse gehen zu können. In der inklusiven Oberstufe bekommen die SchülerInnen mit Förderbedarf auch Einzelunterricht und werden individuell gefördert, damit sie maturieren können. Gleichzeitig ist es auch irgendwie traurig. In der 7. Klasse sind unsere Lehrpläne so unterschiedlich, dass ich einen guten Freund nur mehr selten in der Schule sehe. Meine KlassenkollegInnen und ich sprechen viel darüber. Es zeigt einfach, dass unser Leben nicht immer so inklusiv funktioniert, wie wir das in der Unterstufe erlebt haben. Uns wird in dieser Zeit auch klar: Wir werden nicht immer Seite an Seite arbeiten können, auch, wenn wir die gleichen Interessen haben.

Behandelt einander mit Respekt

In der Oberstufenzeit wird mir auch wieder bewusst, wie wenig manche Jugendliche in meinem Alter an anderen Schulen von Inklusion verstehen. Da ist zum Beispiel die Französisch-Prüfung, die an einer anderen Schule stattfindet und zu der TeilnehmerInnen aus unterschiedlichen Schulen kommen. Einer der Schüler ist Autist. Ab und zu macht der Schüler während der Prüfung Geräusche. Andere SchülerInnen drehen sich demonstrativ zu ihm um. "Boah, der war so nervig!", höre ich nach der Prüfung am Gang. Sie haben einfach nicht verstanden, was los war. Sie haben nur das "Merkwürdige" gesehen. Das tut weh.

Solche Szenen sind keine Seltenheit. Dabei ist es doch ganz einfach: Behandelt einander mit Respekt.

Inklusion kann in der Schule beginnen – aber wenn du Inklusion ernst nimmst, dann ist die Schule nur ein Anfang. Wenn du dich auskennst, musst du es anderen erklären, damit sie es auch verstehen. Das ist nicht immer leicht, aber es ist wichtig.

Es heißt ja, man lernt fürs Leben. Ob das immer so ist, weiß ich nicht. Aber bei der Inklusion stimmt es auf jeden Fall.

Was ich in der Schule über Inklusion gelernt habe, setze ich im Alltag immer wieder ein. Zum Beispiel als Leiterin einer Pfadfindergruppe, wenn das eine Kind sagt: "Was ist mit ihm los?" und das andere wissen will: "Warum ist der so komisch?"

Dann sage ich: Er ist einfach ein bisschen anders. Die Kinder nicken, akzeptieren den Buben und spielen gemeinsam weiter. Eigentlich ist es so einfach.

Gute Schule ist bunt, vielfältig und inklusiv. Sie wird gemeinsam gestaltet. Sie fördert dort, wo Unterstützung gebraucht wird. Sie lässt Stärken wachsen.

So macht Schule stark!