Wie junge Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam lernen

"Inklusion bedeutet: gemixt!"

Das Schlimmste ist, wenn man mit anderen Integrations-Kindern an einen Tisch gesetzt wird!

29.08.2019
Maya und ihre Lehrerin erklären wie Inklusion funktioniert (Bild: Lukas Plank/Diakonie)
Maya und ihre Lehrerin erklären, wie Inklusion funktioniert (Bild: Lukas Plank/Diakonie)

Wenn jeder Mensch mit seinen individuellen Eigenschaften, Besonderheiten und Bedürfnissen akzeptiert wird und an der Gesellschaft teilhaben kann, spricht man von Inklusion.

In der Schule bedeutet das, dass Schülerinnen und Schüler nicht in Sonderschulen unterrichten werden (das wäre dann "Separation") und auch nicht in speziellen Klassen oder Gruppen innerhalb einer Schule (das wäre "Integration") – sondern, dass sie, wie alle anderen MitschülerInnen, Teil einer Schulklasse sind.

Inklusion bedeutet: gemixt! Es sind einfach alle zusammen im Klassenraum
sagt Maya Wobetzky

Die 17-Jährige besucht das Evangelische Realgymnasium Donaustadt in Wien, wo sie auf eine integrative Oberstufe geht. Dort wird nach inklusivem Konzept unterrichtet wird. Interessen, Persönlichkeit und Taten bestimmen, mit wem Maya lernt und befreundet ist – wie gut er oder sie in der Schule istn oder ob und welche Behinderung vorhanden ist, ist dabei nebensächlich.

Für Lehrerinnen und Lehrer ist inklusives Lernen eine Herausforderung

Inklusion heißt für die LehrerInnen: Jedes Kind muss individuell gefördert werden, je nach Stärken und Bedürfnissen. Manchmal scheint es einfacher, SchülerInnen, die offenbar mehr Unterstützung brauchen, gemeinsam zu fördern.

Das Schlimmste ist, wenn man mit anderen Integrations-Kindern an einen Tisch gesetzt wird
sagt Maya

Laura Riefenthaler nickt. Sie ist Lehrerin am Evangelischen Realgymnasium Donaustadt. „Beeinträchtigungen sind vielfältig, man kann sie nicht miteinander vergleichen“, sagt sie.

In der inklusiven Pädagogik versucht man „nicht auf die Merkmale einer Beeinträchtigung einzugehen…“, sagt Laura Riefenthaler. Und Maya Wobetzky ergänzt: „Sondern auf den Menschen selbst!

Jeder Schüler und jede Schülerin hat Begabungen und Schwierigkeiten. „Und davon ausgehend muss ich mir dann überlegen: Welches Ziel wollen wir erreichen und welche Methoden sind dafür geeignet?“, sagt Riefenthaler. „Eine Methode für alle gibt es nicht.“

Riefenthaler erinnert sich an folgende Szene aus dem Schulalltag

Maya sitzt im Chemieunterricht neben einem Klassenkollegen, der sehr gut in Chemie ist. Auf den ersten Blick meint man, dass der Schüler keine Hilfe braucht. Tatsächlich fällt es ihm aber schwer, sich auf die wesentlichen Inhalte zu fokussieren. Wenn er Maya hilft, den Stoff zu verstehen, lernt er dabei, sich kurz, knapp und verständlich auszudrücken. „Und genau das wird dann auch bei einem Test verlangt.“

Individuelle Unterstützung

Individuelle Unterstützung – das klingt gut, ist im Schulalltag aber nicht immer leicht zu akzeptieren: „Weil manche Beeinträchtigungen für viele schwieriger zu fassen sind als andere“, sagt Laura Riefenthaler.

Maya kennt das gut. Sie hat Dyskalkulie, vereinfacht gesagt fällt es ihr schwer, mit Zahlen umzugehen. Andere wissen häufig nicht, was sie mit einer solchen Behinderung anfangen sollen. „Weil sie diese nicht sehen.“

In der Schule würde man nicht auf die Idee kommen, dass jemand seine Brille absetzen muss, weil das MitschülerInnen gegenüber unfair wäre
sagt Laura Riefenthaler

Bei anderen, weniger offensichtlichen Beeinträchtigungen sei das Verständnis dagegen häufig sehr gering. „Zum Beispiel, wenn jemand Unterstützung oder zusätzliche Zeit bei einer Schularbeit bekommt.“

Nicht nur Kinder bewerten sich gegenseitig und versuchen, sich Kategorien zuzuordnen, erklärt Riefenthaler – häufig falle es auch den Eltern schwer, inklusive Pädagogik zuzulassen.

„Mein Kind lernt nicht gut, weil es neben einem Integrationsschüler sitzt.“ – Solche Aussagen kennt Riefenthaler gut. Oder: „Die inklusive Schule ist eine Blase. Das, was ihr hier in der Schule macht…“ Maya  Wobetzky führt den Satz weiter: „…hat nichts mit dem zu tun, was draußen im wirklichen Leben los ist.“

Vor allem Erwachsene könnten sich oft nicht vorstellen, wie Inklusion in der Schule funktionieren kann, sagt Maya. Laura Riefenthaler nickt.

„Inklusion ist ein gesamtgesellschaftlicher Prozess, der jeden Tag eine Herausforderung ist.“