Budgetkürzungen drohen Kürzungen in der Betreuung von Menschen mit Behinderung zu bedeuten

In Zukunft nur mehr „warm-satt-sauber“ ?

Behindertenarbeit im Spannungsfeld von Budgetkürzungen und Qualitätsansprüchen. Die Auswirkungen sind schon jetzt im Alltag spürbar. Ein Lokalaugenschein aus Oberösterreich.

11.03.2019
Bei der Arbeit in der Töpferwerkstatt

Natalie ist eine kräftige junge Frau voller Energie, beschreibt die Leiterin einer Wohneinrichtung eine ihrer KlientInnen. Natalie müsse viel raus, Bewegung tue der jungen Frau mit Autismus gut, das löst und lockert die Anspannungen immer sofort. Seit einigen Monaten muss Natalie jedoch oft auf diese simple Form der Entspannung verzichten. Kaum jemand habe mehr die Zeit, mit Natalie eine Runde im Wald zu drehen. In ihrer Gemeinschafts-WG für Menschen mit Behinderung gibt es mittlerweile zu wenig Personal für zu viele Aufgaben. Das Frühstück gibt es meist in Schichten. Alle gemeinsam geht sich kaum mehr aus.

Sparmaßnahmen treffen Betroffene direkt

Die ersten Informationen waren in der Zeitung und über Social Media zu lesen:

 

Sozialunternehmen in Oberösterreich schlagen Alarm.
war in der Zeitung zu lesen.

Die Rede war von massiven Verschlechterungen für Betroffene, die direkt von Sparmaßnahmen getroffen werden. Seit 2010 wurden laut der IVS – Interessensvertretung der Sozialunternehmen strukturell 11% des Jahresbudgets gekürzt.

Diese Prozentangaben scheinen aufs Erste etwas ungreifbar, näher betrachtet wird jedoch schnell klar, was 11% konkret und im täglichen Leben bedeuten können. Bei einem Lokalaugenschein in Gallneukirchen haben verschiedene MitarbeiterInnen des Diakoniewerks ein sehr deutliches Bild der (befürchteten) Auswirkungen der Sozialbudgetkürzung des Landes Oberösterreich gezeichnet.

Individuelles Eingehen auf die Bedürfnisse in Gefahr

„So individuell wie möglich“ lautete die Prämisse in der Behindertenarbeit bislang. Im Kontext der aktuellen Kürzungen ist aber sofort eine Nebenwirkung zu spüren:

Die Belastung auf die MitarbeiterInnen steigt zunehmend, da immer weniger Zeit bleibt. Gute Begleitung und Unterstützung basiert jedoch auf dem „richtigen“ Maß, und um das zu finden braucht es Zeit; und die ist ein Gut, das immer knapper wird.

Nicht jeder und jede hat dieselben Bedürfnisse. Auf der einen Seite gibt es viele, die ausreichend Ressourcen zur Selbständigkeit haben und nur hie und da Unterstützung brauchen. Auf der anderen Seite gibt es jene, die einen hohen Bedarf an Unterstützung haben. Und die meisten Menschen sind zwischen diesen Polen verteilt. Um hier ein gutes Miteinander beim Thema Wohnen oder bei der Arbeit in Werkstätten zu finden, braucht es Zeit zum Kennenlernen und einander Verstehen, Zeit für die individuelle Arbeit mit den Menschen, Zeit um flexibel und kreativ reagieren zu können.

Gute Begleitung für alle. Eine Frage der Haltung UND der Ressourcen

In Gesprächen wurde die Angst spürbar, bald eine Zwei-Klassen-Begleitung vorzufinden – ganz nach dem Beispiel der Zwei-Klassen-Medizin im Gesundheitswesen.

Sobald Stress und Zeitdruck mit ins Spiel kommen, treten Ziele und Ansprüche ungewollt in den Hintergrund. In der sozialen Arbeit verfolgt die Diakonie als Träger-Einrichtung den Ansatz, eine inklusive Gesellschaft mitzugestalten, die individuellen Bedürfnisse zu berücksichtigen und Vielfalt als Reichtum zu schätzen. Wie aber kann diesem Anspruch begegnet werden, wenn die Ressourcen immer knapper werden? Steht dann immer noch jeder und jede Einzelne im Mittelpunkt? Wie sehr die bisherige, progressive Haltung in der täglichen Arbeit in Bedrängnis gerät, wird sich noch zeigen.

Aktuelle Situation als Chance?

Positiv betrachtet, kann die aktuelle Situation auch eine Chance zum Umdenken sein. Veraltetes hinter sich lassen und neue Wege und Ansätze finden – vor allem für die Logik der Behindertenarbeit allgemein wäre das wünschenswert. Ein sicherlich kleiner Trost für jene Betroffenen, die aktuell nicht mehr das Konzert am Samstag Abend oder die Bekannten besuchen können, weil es einfach keine Fahrtendienste mehr gibt.

Die Schere geht immer weiter auseinander

Bis 2023 werden es voraussichtlich mindestens 15 Prozent an Kürzungen sein. „Es ist eine Grenze erreicht, weitere Kürzungen sind nicht mehr zu tolerieren. Wir wollen jetzt das Bild in der Öffentlichkeit vervollständigen. Es wird bei den Betroffenen gespart, die Schere geht immer weiter auseinander. Aber: „Warm, satt, sauber“ reicht nicht aus!", warnt Gerhard Breitenberger, Geschäftsführer des Diakoniewerks in Oberösterreich.

*Name geändert.