Hospiz macht Schule!

Im Sterben etwas über das Leben lernen

Scheu im Umgang mit dem Tod nehmen: Mit dem Projekt „Hospiz macht Schule“ wurde vor fünf Jahren in Kärnten der Versuch gestartet, SchülerInnen aller Altersstufen für belastende Situationen Hilfestellungen zu geben. Mit oft spielerischen Mitteln.

26.10.2019
SchülerInnen sitzen im Kreis bei einem Workshop zum Thema Hospiz.
Die SchülerInnen entwickeln eine offene, respektvolle Haltung zu diesen Themen, werden gestärkt im Umgang mit ihren Emotionen und bauen ein Verständnis auf für Hospiz- und Palliativfragen.

Ein Seelenvogel für jedes Kind

Verschiedenfarbige Zeichnungen eines Vogels, des so genannten Seelenvogels, liegen in der Mitte eines Sesselkreises. Einmal froh, einmal traurig, einmal wütend, einmal zielstrebig hüpft der in wenigen Strichen gezeichnete Vogel über das Bild. „Tief in uns wohnt unsere Seele. Doch niemand hat sie gesehen.“ Friedrich Kopsche, ehrenamtlicher Hospizbegleiter der Hospizbewegung Diakonie, hat sich heute mit seiner Kollegin und Pädagogischen Leiterin der Hospizbewegung Doris Scheiring im Klassenzimmer der Lernraum-Montessorischule  der Diakonie de La Tour in Klagenfurt eingefunden. Friedrich Kopsche gibt Anleitungen für die nächste Aufgabe. „Sucht euch eine Zeichnung aus und gestaltet euren Seelenvogel so, wie ihr euch heute fühlt“, erklärt der 65-Jährige. Der Seelenvogel als Bild für die eigenen Gefühle und auch für die Vielfalt der Gefühle, die man im Leben haben kann. „Jeden Morgen entscheidest du darüber, welche Schublade du herausziehst“ erläutert Kopsche. „Öffne ich die Schublade ‚Wut‘ werde ich wütend durch den Tag gehen, öffne ich die Freude wird der Tag leichter zu tragen sein.“

Die SchülerInnen, anfangs noch zögerlich, beginnen nach und nach ihren Seelenvogel mit Begeisterung zu schmücken, mit Federn zu bekleben, ihm Leben einzuhauchen. Schließlich werden alle Seelenvögel in einer Reihe aufgehängt, jeder mit seiner Geschichte. Kopsche betrachtet die Vögel, nickt: „Man kann schon verstehen, warum Menschen so verschieden sind."

Werden und Vergehen, Geburt und Tod – alles ist ein Kreislauf, der sich am besten mit dem Bild der Jahreszeiten illustrieren lässt. „Was ist deine Lieblings-Jahreszeit und warum?“ ist eine Frage, die dieses Mal Kollegin Scheiring ins Spiel bringt. Die Hände gehen in die Höhe. Überraschend, wie offen die Kinder mit dem Thema umgehen.

Ein gezeichneter Vogel hängt von der Decke im Klassenzimmer.
Die SchülerInnen, anfangs noch zögerlich, beginnen nach und nach ihren Seelenvogel mit Begeisterung zu schmücken, mit Federn zu bekleben, ihm Leben einzuhauchen.
In der Mitte eines Sitzkreises liegen Zeichnungen auf
Es geht darum, die Kinder und Jugendlichen mit sozialen Kompetenzen auszustatten: Und sie auf das Leben, auf Begegnungen mit anderen Menschen gut zu sensibilisieren.
Ein Mann redet mit SchülerInnen die im Sitzkreis sitzen.
Friedrich Kopsche ist seit vielen Jahren ehrenamtlicher Hospizbegleiter. Seit kurzem geht er an Schulen und vermittelt Kindern & Jugendlichen das vordergründig schwere Thema auf spielerische Art & Weise.

Soziale Kompetenzen lernen

Mit dem nicht Greifbaren in Verbindung treten, darum geht es beim Projekt „Hospiz macht Schule“, das seit fünf Jahren durch Kärntens Schulen tourt. Das Projekt wurde von Monika Benigni von der Hospizbewegung Steiermark konzipiert und wird in vielen österreichischen Bundesländern erfolgreich umgesetzt. Zumeist kommen die Anfragen direkt aus den Schulen. Kinder können bereits in jungen Jahren einschneidende Abschiedserfahrungen machen – etwa das Haustier verlieren oder die Scheidung der Eltern.  Oder im schlimmsten Fall einen Elternteil verlieren. Eine Situation, die nicht nur die Kinder selbst, sondern auch das Umfeld überfordern kann. Durch "Hospiz macht Schule" können die Kinder und Jugendlichen darauf vorbereitet werden, wie sie mit derart belastenden Situationen umgehen können. Und sie werden mit ihrer oft nicht verarbeiteten Trauer abgeholt. 

Obwohl der Titel des Programms das Sterben in sich trägt, geht es um viel mehr. Es geht darum, die Kinder und Jugendlichen mit sozialen Kompetenzen auszustatten: Und sie auf das Leben, auf Begegnungen mit anderen Menschen gut zu sensibilisieren.

In Schutz nehmen, „unnötiges“ Leid ersparen, all das sind Gründe dafür, dass Kinder von einem wesentlichen Teil des Lebens abgeschottet werden.

Gerade junge Menschen sollten früh erfahren, dass Sterbe-, Abschieds- und Trauerprozesse wiederkehrende Lebensprozesse sind
Friedrich Kopsche, ehrenamtlicher Hospizbegleiter

Der Kärntner ist seit vielen Jahren als ehrenamtlicher Hospizbegleiter im Einsatz. Seit kurzem geht er mit anderen Ehrenamtlichen an Schulen und versucht, mit den Kindern und Jugendlichen auf spielerische Art und Weise einen Zugang zu einem vordergründig schweren Thema zu finden. 

So wie es bei Friedrich Kopsche in der Hospizbegleitung nicht nur ums Sterben geht, findet auch in diesem Workshop vieles seinen Platz. Auch darf man sich den Workshop nicht traurig vorstellen. Lachen und Weinen gehört zusammen. Beides muss sein, damit das andere überhaupt existieren kann. Die SchülerInnen entwickeln eine offene, respektvolle Haltung zu diesen Themen, werden gestärkt im Umgang mit ihren Emotionen und bauen ein Verständnis auf für Hospiz- und Palliativfragen. Denn Fragen des Sterbens sind immer auch Lebensfragen. Das wird den Kärntner SchülerInnen an diesem Tag klar.

Hospiz macht Schule!

Hospiz macht Schule Workshops werden in vielen österreichischen Bundesländern seit 2014 auch von ehrenamtlichen ModeratorInnen an Schulen in Kärnten umgesetzt. Über 500 Kinder und Jugendliche wurden bisher altersgerecht für die Themen Leben, Abschied nehmen, Altern, Sterben, Tod und Trauer sensibilisiert.

Wichtige Aspekte wie Lachen, Weinen, Abschied nehmen, Leben, Altern, Sterben, Tod werden von der ersten Volksschulklasse bis zur Maturaklasse bearbeitet.

Weitere Informationen zum Projekt - Hospiz macht Schule!