Von Gott und der Welt

Herzensgrund

„Man sieht nur mit dem Herzen gut“, heißt es in „Der Kleinen Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry. Der Satz wird oft zitiert und ist sicher richtig, wird aber schwierig, wenn er als moralischer Appell verstanden wird.

15.09.2018

Mit dem Herzen sehen, heißt emphatisch sein, sich einfühlen können, sich in die Probleme des anderes versetzen können. Das geht nicht auf Befehl.

Aber wer sieht mein Herz? Wer sieht das Herz von Anneliese? Anneliese steht mit beiden Beinen im Leben, ist erfolgreich. Die Augenringe nach einer schlaflosen Nacht hat sie sich weggeschminkt. Die Sorge um ihre Mutter, die allein zu Haus zunehmend verwirrt und orientierungslos ist, hat sie während des geschäftigen Tages in ihrem Herz vergraben.

Und wer sieht Georgs Herz? Er will nur das Beste für seinen Sohn. Der will mit der Schule nichts mehr zu tun haben, und sie auch nicht mit ihm. Georg setzt sein Lächeln auf, für das ihn alle in der Firma lieben. Die Sorge begräbt er in seinem Herzen.

Ein Herz, das gesehen wird, kann selber mit dem Herzen sehen – kann so gut sehen, dass es gut tut.

Wer sieht mein Herz? Im Buch der Psalmen heißt es: „Gott kennt ja unsres Herzens Grund.“ Daraus spricht die Überzeugung, dass keine Sorge, die im Herzen verborgen lebt, zu klein oder zu unbedeutend ist, um wahrgenommen, um gesehen zu werden. Nicht die Oberfläche macht uns aus, die kann geschminkt und aufpoliert werden. Tief im Grunde gibt das Herz den Takt vor. Und ein Herz, das gesehen wird, kann selber mit dem Herzen sehen – kann so gut sehen, dass es gut tut.

„Von Gott und der Welt“, die Kolumne von Michael Chalupka, erscheint jeden Samstag in der „Krone".