Interview

"Herr Corona muss bald seine Koffer packen!"

Waltraud, Kurt, Michaela und Hermann über ihren neuen Alltag

19.04.2020
Kurt: "Sie schaut aus wie eine Ärztin."Hermann: Sie schaut aus wie ein Verbrecher, der einen Banküberfall machen will!"
Kurt: "Sie schaut aus wie eine Ärztin."Hermann: Sie schaut aus wie ein Verbrecher, der einen Banküberfall machen will!"

Normalerweise arbeitet Michaela L. in der Werkstätte Linzerberg des Diakoniewerks in Gallneukirchen.

"Sie spinnt!", sagt Hermann E. und alle lachen laut.

"Das stimmt", sagt Michaela. "Hermann und ich sind normalerweise in der Weberei. Wir waschen dort die Schafwolle von unseren Linzerbergschafen und verarbeiten diese weiter – ich spinne dabei die Wolle!"

Jetzt arbeitet Michaela in einer teilbetreuten Wohngemeinschaft der Diakonie für Menschen mit Beeinträchtigung. Wie Hermann wohnen auch Waltraud K. und Kurt E. nun den ganzen Tag hier. Dabei müssen sie einen Sicherheitsabstand einhalten. Auch jetzt, wo sie für das Interview um ein Handy an einem Tisch sitzen.

Wie geht es euch mit Corona?

Michaela: Corona sieht man nicht, dennoch ist es mitten im Leben. Kurt hat gemeint…

Kurt: Der Herr Corona ist unsichtbar!

Waltraud: Wir haben eine große Wut gehabt auf den Herrn Corona.

Kurt: Er muss jetzt bald seine Koffer packen. Der soll ausziehen und auf eine Reise gehen.

Hermann: Es reicht einmal. (lacht)

Michaela: Corona wird für uns hier verständlicher und sichtbarer, wenn wir uns das unsichtbare Virus als Mensch vorstellen. Wir sprechen täglich darüber, wie wir uns vor Herrn Corona schützen können, wie es uns mit ihm geht und was wir von ihm halten. Dabei sind wir uns einig: Herr Corona ist hier nicht mehr erwünscht.

Waltraud: Zuerst haben wir gesagt: Er soll auf den Friedhof…

Michaela: So müsste manch Verstorbener vielleicht nochmals sterben. Das wollen wir nicht.

Waltraud: Dann haben wir gesagt, wir schicken ihn auf den Mond …

Kurt: Aber die Ausgangssperre!

Michaela: Das wäre auch nichts, wenn der Mond dann nicht mehr ausgehen und aufgehen darf, weil wir Herrn Corona zu ihm geschickt haben.

Waltraud: Jetzt haben wir ihn zum Teufel geschickt. Dort kann er bleiben. Dann hat der Teufel Ausgangssperre! Das ist gut so! (alle lachen)

Wie sieht euer Alltag jetzt aus?

Michaela: Wir starten unseren gemeinsamen Tag mit einer Tasse Kaffee, tauschen unser Befinden aus und besprechen, was heute zu tun ist und wir gern tun möchten.

Waltraud: Der Kaffee wird mit vieeel Liebe serviert – von mir!

Michaela: Waltraud arbeitet normalerweise im KOWALSKI, einem Kaffeehaus.

Hermann: Dann putzen wir. Mit dem Desinfektionstuch. Türklinken, Lichtschalter und so. Dann gibt es Mittagessen. Ich esse am Balkon.

Waltraud: Ich auch.

Kurt: Ich im Zimmer. Das ist schon so fad!

Michaela: Nicht gemeinsam an einem Tisch Essen zu dürfen, ist jedesmal wieder eine Erfahrung, an die wir uns einfach nicht gewöhnen. Es macht uns bewusst, auf welch elementare Art und Weise  "gemeinsam Mahl halten" Körper, Geist und Seele stärkt und eine Atmosphäre der Verbundenheit und Zufriedenheit schafft. Nach dem Mittagessen hat jeder Zeit für sich.

Hermann: Ich lieg auf der Couch.

Kurt: Ich tu im Zimmer Radio horchen.

Waltraud: Ich tu a Mittagsschlaferl machen und Fernsehen.

Michaela: Am Nachmittag arbeiten wir gemeinsam – mit Abstand natürlich – an verschiedenen Projekten. In der Osterzeit war die Einstimmung auf die Auferstehung ein zentrales Thema.

Kurt und Hermann: Das Fest des Aufstehens!

Michaela: Wir haben Eier gefärbt, gezeichnet, gedichtet und eine Osterkrippe aus Naturmaterialen gebaut.

Waltraud: Und die Osterandacht!

Michaela: Normalerweise feiern wir in der Werkstätte Linzerberg eine sehr lebendige und stimmungsvolle Osterandacht im Speisesaal. Um mit Menschen, unseren KollegenInnen und Freunden aus dem Diakoniewerk, auch jetzt unsere Osterfreude teilen zu können, haben wir gemeinsam mit dem Andachtsteam eine virtuelle Osterandacht produziert, die auf Youtube angesehen werden kann.

Was ist jetzt besonders schwierig?

Kurt: Ich habe Heimweh und ich vermisse meinen Hund Edi ganz viel. Den hab ich schon so lange nicht mehr gesehen. Und ich würde gern wieder mal in ein Kaffeehaus gehen und eine gute Torte essen und mit allen einen Kaffee trinken.

Waltraud: Das enge Zusammensein. Der Hermann lacht sehr laut, das tut oft weh.

Michaela: Wir haben alle unsere Eigenheiten. Diese fallen uns selbst oft gar nicht auf, zeichnen uns aus und machen uns besonders. Auf engem Raum jedoch können diese besonderen Eigenheiten für unser Gegenüber manchmal als anstrengend empfunden werden.

Hermann: Meine Oma ist gestorben, die fehlt mir. Wenn man drinnen ist und viel Zeit hat, denkt man viel nach und ist oft traurig. Auch die Arbeit fehlt mir.

Kurt: Mir auch.

Michaela: Mir kostet das Maskentragen immer wieder Überwindung und einen Menschen nicht berühren zu dürfen, fällt mir schwer. Gerade in der Begleitung von Menschen mit Beeinträchtigung habe ich die Erfahrung gemacht, wie stabilisierend sich heilsame Berührungen auf das psychische Befinden auswirken können.

Kurt: Mein Bein hat ein Loch …

Michaela: Kurt hat eine Wunde am Bein, die wir täglich versorgen und umsorgen. So haben wir Zeit ungestört miteinander zu reden – auch mit dem Bein (lacht) – und die Füße einzucremen. Kurt kann sich dabei gut entspannen. Eine Maske bei den Pflegemaßnahmen zu tragen, fühlt sich für mich befremdend an.

Kurt: Sie schaut aus wie eine Ärztin.

Hermann: Sie schaut aus wie ein Verbrecher, der einen Banküberfall machen will! (alle lachen)

  • Kurt: "Sie schaut aus wie eine Ärztin." (Im Bild: Hermann)
    Kurt: "Sie schaut aus wie eine Ärztin." (Im Bild: Hermann)
  • Hermann: "Sie schaut aus wie ein Verbrecher, der einen Banküberfall machen will!" (Im Bild: Waltraud)
    Hermann: "Sie schaut aus wie ein Verbrecher, der einen Banküberfall machen will!" (Im Bild: Waltraud)
  • Ohne Worte. (Im Bild: Kurt?)
    Ohne Worte. (Im Bild: Kurt?)

Was ist jetzt schön?

Waltraud: Dass wir alle Chef sind! (alle lachen)

Michaela: In der Weberei haben wir beschlossen, dass wir alle Chefs sind – dann fällt uns das Arbeiten leichter und jeder darf über seinen Arbeitsbereich, wo er der alleinige Chef ist, bestimmen und auch Verantwortung tragen. Das praktizieren wir jetzt auch hier: So haben wir Kurt, unseren Müllwegbring-Chef, Waltraud, unsere Küchen- und Sträuchergieß-Chefin und Hermann, unseren Desinfizier- und Putz-Chef.

Waltraut: Dass wir die Michaela kennengelernt haben durch den Corona, das ist schön. Und dass wir recht viel Spaß mit ihr haben!

Michaela: Leben in einer so außer-gewöhnlichen Zeit miteinander begehen zu dürfen, füreinander Lehrer und auch wieder Schüler zu sein, aneinander zu wachsen und sich zu ent-wickeln, empfinde ich als eine Kostbarkeit.

Kurt: Jeder hat mal Sorgen.

Waltraud: Ich stricke viel!

Kurt: Das Arbeiten daheim ist schön, das Texte schreiben. Das Telefonieren. Ostern feiern! Brotbacken, Palatschinken machen, die Osterandacht.

Michaela: Jeden Tag gehen wir eine Runde ums Haus herum, (un)natürlich mit Abstand und in Begleitung einer Schutzmaske! (lacht) und erfreuen uns, wie blühendes Leben neu erwacht.

Hermann: Das ist unsere Seelenrunde.

Michaela: Unsere Sonnen-Seelen-Runde!

"Ich stricke viel!"
"Ich stricke viel!"

Kurt, du hast das Arbeiten zu Hause angesprochen. Woran arbeitet ihr gerade?

Kurt: Wir schreiben Texte und zeichnen Bilder.

Michaela: Viel über den Herrn Corona, zuletzt auch viel über Ostern. Kurt hat zum Beispiel einen Würstelstand gemalt…

Kurt: Das letzte Abendmahl.

Michaela: Im Würstelstand arbeitet eine Bosnierin. Die heißt so, weil sie Bosner macht.

Kurt: Auch für Jesus, zum letzten Abendmahl bei Sonnenuntergang. Und als Nachspeise beim Abendmahl gibt es ein Ei.

Michaela: So ist der Osterbrauch mit den Ostereiern entstanden.

Kurt: Genau. (lacht)

"Im Würstelstand arbeitet eine Bosnierin. Die heißt so, weil sie Bosner macht." "Auch für Jesus, zum letzten Abendmahl bei Sonnenuntergang. Und als Nachspeise beim Abendmahl gibt es ein Ei." "So ist der Osterbrauch mit den Ostereiern entstanden."
"Im Würstelstand arbeitet eine Bosnierin. Die heißt so, weil sie Bosner macht."

Waltraud: Die Osterandacht war auch sehr schön!

Hermann: Viel telefonieren und Briefe schicken.

Michaela: Wir alle schreiben Briefe an unsere Lieblingsmenschen und rufen sie oft an. Ich habe schon lange nicht mehr eine so fröhliche und sinnliche Osterzeit erlebt.

Waltraud: Ich mach auch Palatschinken.

Michaela: Einmal in der Woche gibt es Palatschinken von Waltraud, unserer Palatschinkenkönigin. Das ist immer ein herbeigesehnter Wochenhöhepunkt.

Waltraud: Da fang ich extra früher an. Ich mach die besten Palatschinken. Die sind so gut, weil sie mit Liebe gemacht sind. Alles mit vieeel Liebe!

Michaela: Am Anfang haben wir auch Kuchen gebacken. Aber das hat man dann an unseren Bäuchlein gesehen, deswegen haben wir aufgehört. Anstatt Zuckerbäcker sind wir nun zu Brotbäckern geworden. (alle lachen)

  • "Ich mach die besten Palatschinken."
    "Ich mach die besten Palatschinken."
  • "Die sind so gut, weil sie mit Liebe gemacht sind."
    "Die sind so gut, weil sie mit Liebe gemacht sind."
  • "Alles mit vieeel Liebe!"
    "Alles mit vieeel Liebe!"

Waltraud: Einmal hat der Herr Corona meine frisch gewaschene Wäsche nassgespritzt. Da habe ich ihn auf die Wäscheleine aufgehängt! (alle lachen)

Michaela: Wir haben viele Texte über unser Leben mit Herrn Corona geschrieben. Diese sollen nun als Gastbeitrag in einem Jubiläumsbuch der Theatergruppe Malaria, wo Kurt arbeitet, veröffentlicht werden. Darüber haben wir eine große Freude und diese Möglichkeit motiviert uns, weitere Texte zu schreiben.

Herr Corona wettet

 

Waltraud und Herr Corona haben eine Wette geschlossen:

Wer bestes Brot kann backen?

Wer beste Palatschinken kann machen?

 

Herr Corona hat nur Leute anstecken gelernt. Wie man Herzkoch ist und Herzensküche macht, weiß Herr Corona nicht.

 

Herr Corona macht 19 Palatschinken ala Covid, backt 1 Brot ala Corona.

Hermann und Kurt sind Naschkater und Koster. Sie sind sich einig: "Alles schmeckt coronafrisch, coronerisch und enterisch!"

Diesen Geschmack mögen wir nicht. "Na Mohlzeit!!!" sagen sie.

 

Waldtraud serviert Palatschinken und ihr "Traudich"-Brot. In diesem Brot ist mit Liebe ein Stück ihres Namens drinnen eingebacken. Brot gegessen soll "Trau dich" machen. Soll Mut machen, an sich zu glauben. Kurt kostet Palatschinken und sagt: "Ein Genuss, mit an Hauf'n Marmelad oder Schokolad, gaunz guat, himmlisch lecker!" Hermann kostet Brot und sagt: "Waltrauds 'Trau dich'-Brot macht Mut mehr essen, viel, viel, viel mehr. Macht mutig stark!"

 

Kurt und Hermann entscheiden: Waltraud ist Siegerin.

Herr Corona ist sehr, sehr böse.

Er ist granti und zorni, stampft und pfaucht.

Er trinkt Bier, Whisky, Schnaps und süßen Most. Ois durcheinander.

Er ist stink-betrunken, sieht alles doppelt und dreifach.

Herr Corona dachte, er ist Alleinherrscher auf dieser Welt.

 

Nun bekommt er Angst, soviel doppelt dreifach mächtige Coronaherrscher, sehen seine trunkenen Coronaaugen. Flux packt er seine Koffer, macht sich aus dem Staub. Ab die Post!

 

Wir rufen nach: "Auf Nimmerwiedersehen!"

 

Kurt E., Hermann E., Waltraud K., Michaela L. (März 2020)

Wie ist das Abstandhalten?

Michaela: Die alltäglichen Berührungen fehlen uns besonders. Jedoch kommunizieren wir "Liebe" bzw. unsere Wertschätzung füreinander jetzt auf neu er/gefundene Art und Weise.

Hermann: Busserl schicken.

Michaela: Wir schicken uns viele Luftbusserl.

Waltraud und Kurt: Luftumarmungen!

Michaela: Dabei umarmen wir uns selbst ganz fest und schauen dem anderen, dem man die Umarmung schenken möchte, in die Augen. Das ist bereits zu unserem Begrüßungs- und Abschiedsritual geworden.

Luftumarmungen: "Dabei umarmen wir uns selbst ganz fest und schauen dem anderen, dem man die Umarmung schenken möchte, in die Augen. Das ist bereits zu unserem Begrüßungs- und Abschiedsritual geworden."
Luftumarmungen.

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Corona Hilfsfonds

Die Diakonie hat einen Corona Hilfsfonds eingerichtet und bittet um Spenden:

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