Von Gott und der Welt

Ganz der Papa

Meiner Tochter war es immer unangenehm, wenn uns Leute trafen und verzückt ausriefen: „Ganz der Papa!“ Wer will schon ganz der Papa sein oder so aussehen – zumal als ganz entzückendes Mädchen. Mir ging das nicht anders.

03.11.2018

Mein Vater lebt schon lange nicht mehr. In den ersten Novembertagen gedenken wir der Toten. Erinnerungen werden wach, ob am Grab oder beim Durchsehen alter Bilder. Mein Vater war ein kleiner Mann. Seine Geheimratsecken machten ihm Sorgen, aber eine Glatze blieb ihm erspart. Er lebte ein stilles, geordnetes Leben. Ein österreichischer Beamter, wie er im Buche steht, wenn auch nicht hier geboren, wie viele. Ich habe ihn als liebevoll und sanft in Erinnerung. Er konnte sich sehrwohl auch ärgern und aufbrausen. Wenn er sich aber sehr ärgerte, wurde er müde und ging dem Streit aus dem Weg.

Sehe ich heute in einen Spiegel, fallen mir die Geheimratsecken auf. Hoffentlich bleibt mir eine Glatze erspart. Über die Jahre werde ich ihm ähnlicher, nicht nur äußerlich. 

In den Jahren der Kindheit wird einem vieles mitgegeben für das restliche Leben. Ob es ein Geschenk ist oder eine Bürde, weist sich erst später.

Mein Vater hat mir viel geschenkt, und ich freue mich auf ein Wiedersehen, später dann, wenn der Tag kommen wird.
Doch jetzt schon denke ich oft, wenn ich morgens vor dem Spiegel stehe: „Ganz der Papa!“ Und es ist mir nicht mehr unangenehm, im Gegenteil, es fühlt sich richtig an.

 

„Von Gott und der Welt“, die Kolumne von Michael Chalupka, erscheint jeden Samstag in der „Krone".