Offener Brief

Fachgruppe für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin appelliert an Politik

Gründe für JEFIRA

25.02.2021

Der niederösterreichische Landesrat hat der Psychotherapieeinrichtung JEFIRA für Menschen mit Fluchterfahrung die lebenswichtige Förderung entzogen. Nun meldet sich der Vorsitzende der Fachgruppe für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin in Niederösterreich in einem offenen Brief an Landeshauptfrau Mikl-Leitner und Landesrat Waldhäusl zu Wort:

 

Ternitz 24.2.2021

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

sehr geehrte Frau LH Mikl-Leitner,

sehr geehrter Herr LR Waldhäusl!

 

In meiner Funktion als Fachgruppenvorsitzender der Fachgruppe für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin in Niederösterreich wurde ich auf die Vorgänge rund um das interkulturelle Psychotherapiezentrum JEFIRA aufmerksam gemacht. Ich habe mir den Sachverhalt angesehen und möchte Sie ersuchen, die Einschätzung der Förderungswürdigkeit noch einmal zu überdenken. Unabhängig von der persönlichen Einschätzung und politischen Ausrichtung denke ich, dass es ganz einfache pragmatische Gründe gibt, eine suffiziente, spezialisierte Therapiemöglichkeit für Menschen mit Fluchterfahrung und Traumatisierung anzubieten.

Gerade in Zeiten von Corona ist das stationäre und ambulante psychiatrische System an den Kapazitätsgrenzen angelangt. Ich verweise dazu auf die laufenden, aktuellen Pressemitteilungen (beispielsweise die Situation der Kinderpsychiatrie). Die Verfügbarkeit von Kassenplätzen für Psychotherapie und Psychiatrie stellt für alle Bürger eine langwierige Herausforderung dar. Gerade diese knappen Ressourcen drohen bei einem Wegfall eines spezifischen Angebots, das JEFIRA anzubieten hat, weiter unter Druck zu geraten. Besonders problematisch ist der Einsatz dieser Ressourcen für Menschen mit Fluchterfahrung und Trauma, weil in den Krankenhäusern und Ordinationen die erforderliche Infrastruktur und Kompetenz zur effizienten Therapiearbeit fehlt (z.B. Möglichkeiten zum Dolmetschen, Erfahrungen mit Multikulturalität, traumaspezifische Ausbildung, profundes Verständnis einer Kultur). Zum anderen ist es das Zeitmanagement, das eine nachhaltige Behandlung unmöglich macht. Gerade hier stellt eine Spezialeinrichtung eine wesentliche Vorhaltefunktion dar, die geeignet ist, ineffiziente Drehtürbehandlungen mit hohen Kosten zu verhindern.

Weiters können sich durch ungeeignete Behandlungssettings Krankheitsverläufe verschlechtern und chronifizieren, was weiter zu einem stark steigenden Kostenbedarf (z.B. durch stationäre Aufnahmen) führt. So ist z.B. eine Traumafolgestörung primär durch auf Trauma spezialisierte Psychotherapieverfahren zu behandeln. Fehlen diese Möglichkeiten, gelingt eine nachhaltige Therapie meist nicht. Dies hat einen erhöhten Medikamenteneinsatz und eine unnötig lange Therapiedauer ohne wesentliche Fortschritte zur Folge. Oder wesentlich dramatischer: Bei vergleichsweise unkomplizierten psychischen Beschwerden in Krisensituationen kann ein erfahrener Experte durch einfache Interventionen die Behandlung stark abkürzen. Fehlt diese Kompetenz, ist unter Umständen eine Invalidisierung durch mangelndes Verständnis für ein komplexes Geschehen die Folge. Das bedeutet, in einem spezialisierten Zentrum können auch kleine Interventionen viel bewirken und nachhaltig Kosten verhindern.

Ich erwarte mir einen verantwortungsvollen Umgang mit den finanziellen Mitteln des Landes. Gerade deshalb erscheint es mir wichtig, alle Faktoren in die Kostenkalkulation miteinzubeziehen. Die zitierten 1.700 € (Bericht ORF) sind z.B. im Rahmen einer stationären Behandlung rasch und ineffizient aufgebraucht.

Weiters sollten wir sicherstellen, dass das reguläre psychiatrische und psychotherapeutische System weiterhin im Rahmen seiner Kernkompetenzen für die Allgemeinbevölkerung zugänglich bleibt und handlungsfähig ist. Dafür müssen wir auch Spezialeinrichtungen mit differenzierten Aufgabenstellungen als Vorhaltestationen verfügbar haben. Ich denke, dass gerade Niederösterreich nicht als einziges Bundesland aus diesem bewährten Versorgungskonzept ausscheren sollte.

Ich freue mich auf Ihre Rückmeldung und stehe für Fragen mit meiner Expertise gerne zur Verfügung. Ich tue dies auch bei anderen Projekten des Landes (z.B. Evaluation der psychosozialen Dienste) und im Rahmen der Honorarverhandlungen mit den Krankenkassen.

 

Mit freundlichen Grüßen!

 

Dr. Jens Mersch

FG für Psychiatrie/NÖ

Facharzt für Psychiatrie & psychotherapeutische Medizin

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