Ein Blick über die Landesgrenzen

Essstörungen erfolgreich behandeln

Die Wohngruppen Kaya leisten in Österreich Pionierarbeit, wenn es um die sozialtherapeutische Behandlung von Menschen mit Essstörungen geht. Ein Interview mit Oberärztin Dr. Wünsch Leiteritz der Klinik Lüneburger Heide.

23.07.2018

Zur Konzeptentwicklung und zur laufenden Weiterentwicklung des Angebotes ist daher der Blick über Landesgrenzen bedeutend und vertraut. Im Oktober 2017 war eine wichtige Kooperationspartnerin zu Besuch: Frau Dr. Wally Wünsch-Leiteritz ist leitende Oberärztin in der Klinik Lüneburger Heide, einem Kompetenzzentrum für die Behandlung von Essstörungen. Wir haben die Expertin zum Interview gebeten.

Porträt von Oberärztin Dr. Wünsch-Leiteritz
Oberärztin Dr. Wünsch-Leiteritz war im Oktober zu Gast im Diakonie Zentrum Spattstraße. Die KAYA kooperiert mit dem Kompetenzzentrum für die Behandlung von Essstörungen der Klinik Lüneburger Heide.

Wie war Ihr Eindruck von der Arbeit in den Wohngruppen?

Mein Besuch in den Wohngruppen in Linz hat mich mit einem hoch engagierten Team zusammengebracht. In den zwei Tagen wurden sehr intensiv und fortlaufend Themen/ Fragestellungen zum Umgang mit essgestörten Verhaltensweisen der Bewohnerinnen/Bewohner erörtert und v.a. auch die wichtige Frage, wie Begrenzungen essgestörten bzw. pathologischen Verhaltens konkret in den Betreuungsalltag eingebracht werden können.

Welche Unterschiede gibt es in der Behandlung und Versorgung von Betroffenen mit Essstörungen in Deutschland und Österreich?

Nach meinem Eindruck und bestätigt durch die Fallberichte, werden bzw. müssen in der Wohneinrichtung Kaya zum Teil auch schwer Erkrankte betreut werden, die wir in Deutschland in den essstörungsspezialisierten psychosomatischen Kliniken, von denen es ja viel mehr gibt als in Österreich, unterbringen würden. Übersiedlungen in Wohngruppen spezialisiert auf Essstörungen erfolgen in den meisten Einrichtungen in Deutschland mit einem etwas höheren BMI (BMI: Der Body-Mass-Index ist eine Maßzahl für die Bewertung des Körpergewichts eines Menschen in Relation zu seiner Körpergröße.), seltener mit einem niedrigeren BMI und einer bereits in der Klinik (teil)remittierten bulimischen oder selbstverletzenden Symptomatik.

Über die Wohngruppe Kaya

2010 wurde die Wohngruppe Kaya für Mädchen und junge Frauen in der Schubertstraße in Linz eröffnet. 2017 wurde das Angebot erweiteret und eine zweite Wohngruppe in der Willingerstraße eröffnet. Das Angebot ist seit 2017 auch für Burschen und junge Männer zugänglich. Insgesamt gibt es 16 Plätze für Betroffene aus ganz Österreich.

Bis dato wurden von der WG Kaya zwei Klientinnen von der Klinik Lüneburger Heide übernommen. Vorab gab es jeweils telefonischen Austausch, vorwiegend mit Hilfe von „Telefonkonferenzen“, d.h. Telefonaten mit der Klientin, Arzt/Ärztin oder Therapeut/ in dort. Mit der entsprechenden Information werden in  der WG Kaya Therapie und Betreuung bestmöglich weitergeführt. Das Schnittstellenbzw. Übergangsmanagement ist in Therapieverläufen immer sehr wichtig und sinnvoll. Auch der Austausch von Arztbriefen und Befunden ist, mit Zustimmung der KlientInnen, notwendig. Ebenso der Austausch der behandelnden Ärzte mit unseren Medizinern Dr. Merl und Dr. Koubek.

Über die Landesgrenzen blickt die WG Kaya auch bei Internationalen Kongressen zum Thema Essstörungen in Wien und in Alpbach. Dort werden Kontakte geknüpft und KooperationspartnerInnen kennengelernt, vor allem aus Deutschland , z.B. die Parkland Klinik, die Klinik am Chiemsee … Gegenseitige Besuche und Hospitationen stehen allerdings aus Zeit- und Kostengründen noch aus.

Was ist aus Ihrer Sicht wichtig, um das Angebot KAYA noch hilfreicher für die Betroffenen zu gestalten?

Sowohl die Betreuungssituation als auch das Zusammenleben der Betroffenen in den WG`s erfährt Erleichterungen, wenn es rasche und ausreichende Möglichkeiten für stationäre (Wieder)Aufnahmen in Essstörungskliniken gibt und wenn es klare Vorgaben gibt, wann dies zu erfolgen hat. Wieviel Essstörungssymptomatik in der Wohneinrichtung wie lange gelebt werden darf, ist dabei eine wichtige Frage, die allen – auch den Eltern – bekannt sein soll. Voraussetzung wäre die Kooperation mit einer aufnahmebereiten Essstörungsklinik.

Sie sind mit Ihrer langjährigen Erfahrung Expertin in diesem Bereich. Was sollten Fachkräfte, die mit Betroffenen arbeiten, auf jeden Fall beachten?

Fachkräfte, die mit EssstörungspatientInnen arbeiten, brauchen eine regelmäßige begleitende Supervision und auch Weiterbildung, da sie doch irgendwie gelassen bleiben müssen im Umgang mit einer Störung, bei der sie immer wieder auch engagiert durchgreifen müssen, ohne sich selbst dabei belastet, frustriert bzw. erschöpft oder überfordert zu erleben. Kampferprobte Persönlichkeiten, die gerne pubertierende oder hartnäckig argumentierende Menschen um sich haben, sind dabei im Vorteil.

Können Sie eine Empfehlung geben für Eltern, deren Jugendliche an einer Essstörung erkrankt sind?

Eltern müssen verstehen, dass ihre Kinder krank geworden sind und sich die Essstörungserkrankung nicht ausgewählt haben.

Nach meinem Eindruck müssen in der Wohneinrichtung Kaya zum Teil auch schwer Erkrankte betreut werden, die wir in Deutschland in den essstörungsspezialisierten psychosomatischen Kliniken, von denen es ja viel mehr gibt als in Österreich, unterbringen würden.
Dr. Wally Wünsch-Leiteritz

Das bedeutet, sich mit Kranken nicht zu streiten und dennoch gestörtes Verhalten elterlich souverän zu begrenzen. Wenn Eltern sich mit Betreuern gut verstehen, was immer das Ziel sein sollte, ist das sehr von Vorteil für die Betroffenen. Es ist  hilfreich, Eltern in die Therapie/Betreuung ihres Kindes miteinzubeziehen, außer es gibt gewichtige Gründe die dagegen sprechen, was selten der Fall sein dürfte. Die Eltern wollen ja lernen, wie sie mit ihrem Kind umgehen sollen, damit dies die Essstörung überwindet bzw. nicht wieder in sie zurückfällt. Das wiederum erleichtert den Betroffenen ihr (vorübergehendes) Leben in der Wohngruppe.