Über geflüchtete Frauen und ihren Alltag

"Es sind starke Frauen!"

Nilofar Nadimi flüchtete aus politischen Gründen aus dem Iran. Seither setzt sie sich für Frauenrechte ein und vermittelt in ihrer täglichen Arbeit im Flüchtlingshaus Roßauer Lände des Diakonie Flüchtigsdienstes ein selbstbewusstes Frauenbild.

07.06.2019
Frauenrechte und ein starkes Frauenbild sind in Nilofar Nadimis täglicher Arbeit im Flüchtlingshaus des Diakonie Flüchtlingsdienstes sichtbar

Das Interview führte Claudine Bersi, Mitarbeiterin der Diakonie.

Woher kommen die Frauen im Haus Roßauer Lände?

Bei uns leben ungefähr 70 Frauen - aus Afghanistan, Somalia, Westafrika, Tschetschenien, Syrien, ... In den Medien sehen wir immer das Klischee, dass nur junge Männer allein flüchten. Aber in der Praxis zeigt sich oft ein ganz anderes Bild. Viele Frauen flüchten allein, manche mit ihren Kindern. Diese Frauen sind wirklich tapfer und flüchten unter Schwierigkeiten, die man sich nicht vorstellen kann.

Viele Frauen flüchten allein, manche mit ihren Kindern.
Nilofar Nadimi kennt die Geschichten der Bewohnerinnen

Welche Schwierigkeiten sind das?

Frauen werden auf der Flucht vergewaltigt. Kinder werden von ihren Müttern getrennt. Oder Familien werden getrennt: Plötzlich ist der Mann mit dem einem Kind, die Frau mit dem anderen Kind allein, weil im Auto kein Platz war oder der Schlepper meinte, so sei es besser. Wenn alles gut geht, finden sie einander später wieder – aber nicht immer. Ein weiteres Problem ist, dass viele gezwungen sind, sich für die Flucht Geld auszuborgen. Sie tappen damit in eine Falle, aus der Frauen- bzw. Menschenhandel resultiert.

Wie geht es den Frauen in Österreich? 

Ein Schock sind die Sprache und die Barrieren, die dadurch entstehen. Häufig machen sich die Frauen viele Sorgen um die eigene Familie, die zurückbleiben musste. Auch die Familien in den Heimatländern sind sehr besorgt. Die Hoffnung ist groß, dass sie einander irgendwo besuchen können. Aber das ist meist nicht der Fall. Die jahrelange Trennung ist schlimm.

Die meisten Frauen durchlaufen schwierige Phasen, in denen sie denken: „Ich schaffe das nicht!“ oder „Wie kann ich das mit den Kindern schaffen?“ Dann antworte ich: „Du hast es geschafft, diese gefährliche Flucht mit deinen Kindern allein zu gehen. Also kannst du Vieles schaffen!“ Es sind starke Frauen. Denn auf die Flucht begibt man sich nur, wenn man wirklich keine Aussicht mehr im eigenen Land hat. Die Schwierigkeiten und Gefahren einer Flucht sind den Frauen sehr wohl bewusst.

Gruppenaktivitäten stärken die Frauen im Flüchtlingshaus Roßauer Lände

Wie lange ist die Aufenthaltsdauer hier im Haus?

Es sind zirka drei Jahre. In dieser Zeit schauen die Bewohnerinnen jeden Tag ins Postfach, ob der Brief mit dem Asylbescheid da ist. Er ist für sie Schicksal. Viele haben jetzt einen negativen Bescheid bekommen, die Menschen haben Angst. Wir versuchen sie zu ermutigen und ihnen bewusst zu machen, wie viele Ressourcen und Fähigkeiten sie bei uns durch verschiedene Projekte entdeckt haben, aber die Angst ist zu Recht dennoch groß.

Welche Projekte organisierst du?

Mein Ziel war von Anfang an, Frauen zu stärken. In den letzten Jahren veranstaltete ich Schwimmgruppen, Nähprojekte, Gartenarbeit … Das letzte Projekt war eine Chorgruppe. Durch die Gruppenaktivitäten lernen sich die Frauen gegenseitig kennen. Manchmal denkt jemand: „Niemand hat so viele Probleme wie ich!“ Aber wenn sich die Frauen kennen, wissen sie, dass auch die anderen ähnliche Probleme haben. Dadurch wird das Zusammenleben im Haus besser, Konflikte werden schneller gelöst und es gibt ein besseres Verständnis für einander.

Außerdem fehlt den Frauen der soziale Rückhalt aus den Familien, die sie zurücklassen mussten. Sie haben kein soziales Netzwerk und niemand, mit dem sie Probleme besprechen können. Die Gruppen bei uns im Haus schaffen hier Abhilfe.

Du veranstaltest jedes Jahr ein Frauenfest – warum?

Für mich ist es ein Zeichen der Vielstimmigkeit und Verbundenheit. Eine Veranstaltung, in der sich Frauen ausdrücken können. Unsere Klientinnen kommen aus Ländern, wo Frauen jedes Recht zur Entfaltung verwehrt wird. Länder, in denen die Stimmen der Frauen erstickt werden. Wo die Frauen, die ihre Stimmen dennoch erheben, verhaftet und gefoltert werden, weil sie an ihre Grundrechte als Mensch glauben. Der 8. März, der internationale Frauentag, den kennen viele Frauen nicht. Frauen machen die Hälfte der Gesellschaft aus. Sie sollen die gleichen Rechte haben wie die andere Hälfte. Deshalb ist es so wichtig, dass wir diesen Tag auch ehren.

Es sind starke Frauen. Denn auf die Flucht begibt man sich nur, wenn man wirklich keine Aussicht mehr im eigenen Land hat.
Nilofar Nadimi über geflüchtete Frauen

Hat sich die Situation für Flüchtlinge durch die neue Regierung geändert?

Ja, das ist für mich total beängstigend. Zum Beispiel die Kürzung der Sozialhilfe um 300 Euro, wenn sie den Deutschkurs B1 nicht positiv absolvieren. Wir haben viele Frauen, die bemühen sich sehr. Aber wenn sie beispielsweise Analphabetinnen waren, dann braucht es einfach eine längere Zeit, damit sie das aufholen und das geforderte Deutschniveau erreichen. Und 300 Euro sind viel Geld, das meistens für die Kinder fehlt. Bei uns lebt eine Mutter mit vier Kindern – die Frau war Analphabetin, jetzt hat sie Deutsch auf Level A1 absolviert. Sie zahlt für ein Kind die Nachhilfe, das andere Kind geht aufs Gymnasium und braucht für die Schule viel Geld. Die Maßnahmen der Regierung treiben Menschen wie sie in die Armut, vor allem Frauen. Außerdem führt es Frauen zurück in die Abhängigkeit zu den Männern. Die Kinder müssen die Schule abbrechen und zum Arbeiten anfangen. Was haben wir dann für eine Gesellschaft?

Welche Wünsche an die Regierung hast du?

Derzeit leben asylsuchende Frauen  in Österreich oft sehr isoliert. Sie sind immer mit den gleichen Menschen umgeben. Sie dürfen nicht arbeiten, obwohl sie wollen. Das ist nicht gut.

Mein Wunsch ist, dass Frauen leichter Zugang zu verschiedenen Ressourcen haben: Zu Arbeit, zu Anwält*innen, zu Deutschkursen, zum Gesundheitssystem sowie psychologischer Unterstützung und Kinderbetreuung. Jede Frau hat eine Begabung. Manche sind handwerklich sehr geschickt, andere besonders clever. Aber es werden ihnen so viele Hindernisse vor die Füße gelegt. Je unabhängiger die Frau ist, umso besser kann sie über sich selbst bestimmen. Das wirkt auch auf die nächste Generation – denn jede Frau ist ein Vorbild für ihre Tochter.

Das Flüchtlingshaus Rossauer Lände ist eine Grundversorgungseinrichtung des Diakonie Flüchtlingsdienstes.