Wie Eltern von "Frühchen" die frühe Geburt verarbeiten, und alle gut ins Leben starten können

Eine Hand voll Leben

Abschied nehmen von einem Wunschbild: Nach dem Überlebenskampf geht es für Eltern von Frühchen erst einmal um das Verarbeiten der Ereignisse. Ein langer Weg – für alle Beteiligten. Eine Elterngruppe bietet seit kurzem im Therapiezentrum Linzerberg (OÖ) Unterstützung an.

14.02.2019
Junge auf Vaters Arm (Foto: Logoboom/Shutterstock.com)
Für Frühchen sind Veränderungen im Leben oft ein großer Stress (Foto: Logoboom/Shutterstock.com)

von Karin Windpessl, Diakoniewerk

Wenige Gramm kann neues Leben wiegen. „Eine Hand voll Leben“ nennt es Brigitte Fischerlehner in ihren Vorträgen, die sie zumeist vor PädagogInnen hält. Frühchen wiegen oft nur 600 Gramm. Mit Fachwissen möchte sie Verständnis für den Lebensweg von Frühgeborenen schaffen.

Meist erkennen Erwachsene sehr spät, dass Kinder im Kindergarten oder in der Schule etwas mehr Zeit benötigen, anders reagieren und mehr Zuwendung brauchen, als ihre Klassenkollegen.

„Frühchen“ müssen sich vieles hart erkämpfen, was für andere selbstverständlich ist.

Hier ist es wichtig, Bezugspersonen zu informieren.

Idee des Wunschkinds rückt in weite Ferne

Schon sehr früh, ab der 23.  Schwangerschaftswoche ist es heute zumindest medizinisch möglich, ein Frühgeborenes zu retten. Hat das Baby einmal überlebt, folgt die Verarbeitung der Erlebnisse der Eltern und des Kindes.

„Ein Trauma für die Eltern“ nennt es Fischerlehner, das es gilt, schrittweise aufzuarbeiten.  

Die Psychologin gibt Eltern und Kindern psychologische Begleitung nach dieser schwierigen Phase einer Frühgeburt. Es gilt, bei der Gesundung von körperlichen und seelischen Wunden zu begleiten. Im Therapiezentrum werden Eltern und Kind von Logopädinnen, Ergotherapeutinnen, Physiotherapeutinnen und Psychologinnen unterstützt.

Eltern-Gruppe für Eltern von Frühchen.

Auch Jahre nach der Geburt ist eine Teilnahme an diesem Gruppenangebot im Therapiezentrum am Linzerberg in Gallneukirchen möglich. - Ab März 2019 trifft sich die Gruppe einmal im Monat.

Ungewisses Bangen, Hoffen, diese reale, ständige Todesangst. Fischerlehner: „Derlei intensive Gefühle verbinden und stärken. Man sieht, dass es auch andere mit einem ähnlichen Schicksal gibt.“

Bei den Eltern bricht ein Sturm der Gefühle los

Was habe ich falsch gemacht? Wieso ist gerade mir so etwas passiert? Schuldgefühle sind der ständige Begleiter. „Man ist auf die 40. Woche eingestellt, denkt, dass das Kind im Mai zur Welt kommt, und plötzlich findet die Geburt im Dezember statt. Oft müssen die Kleinen im Krankenhaus bleiben, um überwacht zu werden. Die frisch gebackenen Eltern kommen ohne Kind heim, Familie und Freunde trauen sich manchmal nicht nachzufragen, es gibt keine Glückwünsche“, beschreibt Fischerlehner das Spannungsfeld der ersten Phase nach der Geburt.

Es ist, als ob man auf einen 5000er geschickt wird - ohne Kondition und Kompass.
Brigitte Fischerlehner

Kommt ein Baby zu früh auf die Welt, ist es vielen Reizen zu früh ausgesetzt. „Es ist, als ob man auf einen 5000er geschickt wird – ohne Kondition, ohne Kompass, ohne Schuhe, ohne Kleidung. Überhaupt nicht gesichert“, erklärt Fischerlehner.

Meist werden  die Frühgeborenen in den ersten Wochen intensivmedizinisch begleitet. In der Intensivstation sind Hoffnung und Angst ständige Begleiter. Dieser an sich lebensrettende Ort erzeugt aber auch Stress im Nervensystem des Neugeborenen – die Trennung von der Mutter, das Piepsen des Inkubators, das grelle Licht. Ein Rucksack, den viele Kinder ins Leben mitnehmen. Auch später kann es immer wieder vorkommen, dass Veränderungen im Leben wie Kindergartenstart oder Schulwechsel auf die Kinder ein hohes Maß an Stress erzeugen.  

Elisabeth Laggner ist es als Leiterin des Therapiezentrums am Linzerberg wichtig, „den Eltern zu vermitteln, dass sie und ihr Kind schon viel geschafft haben und das Vertrauen wieder wächst.“

Das Vertrauen in die eigene Kraft und in die gemeinsame Zukunft. Auch wenn diese etwas anders aussehen mag, als geplant.

Die neue Gruppe bietet hierfür einen geschützten Platz, einen Ort des Austauschs und der gegenseitigen Unterstützung.

Kennenlerntreffen

Alle interessierten Eltern von Frühchen unterschiedlichen Alters sind herzlich zum ersten Kennlerntreffen eingeladen.

Am 11. März 2019, 16.30 Uhr. im Therapiezentrum am Linzerberg, Gallneukirchen - Anmeldungen im Sekretariat: Tel: 07235 63251 571