Wie wirkt sich Digitalisierung auf die Inklusion von Menschen mit Behinderung am Arbeitsmarkt aus?

Digitalisierung: Ein Vorteil die Jobsuche für Menschen mit Behinderung?

Das Versprechen von Digitalisierung ist groß: Digitalisierung schafft neue Arbeitsformen, mehr Flexibilität und geringere Hürden für Menschen mit Behinderungen, eine Arbeit zu suchen und zu finden.

02.10.2019

Aber ist in Zeiten der Digitalisierung wirklich alles so gut, wie es auf den ersten Blick scheint? Eine aktuelle Studie blickt hinter die Kulissen von Arbeitsmarkthürden bei einer Behinderung und das Risiko der „technischen Kluft“.

Lukas bedient seinen Computer mit einer Augensteuerung.

Lukas ist ein gutes Beispiel für die Vorteile digitaler Möglichkeiten. Während andere kräftig in die Tasten „hauen“, „blinzelt“ sich Lukas durch sein Arbeitsleben. Dass er heute eine 20-Wochenstunden-Anstellung als Landesbediensteter Niederösterreichs hat, verdankt Lukas vielen unterstützenden Menschen an seiner Seite und vor allem auch „seinem Tobii“ – einem Augensteuerungscomputer, mit dem er den Computer bedienen kann wie jeder andere auch.

Und trotzdem: Es sind nur 56 Prozent aller Menschen mit Behinderung in Österreich, die im Jahr 2019 bisher erwerbstätig waren. Während die allgemeine Arbeitslosigkeit sinkt, steigt sie unter Menschen mit Behinderungen seit Beginn des Jahres 2019 wieder an.

Klick hier für mehr Info zu diesen Zahlen

Es sind jedoch nicht alle Menschen mit Behinderung von diesen Zahlen erfasst. Insgesamt leben in Österreich rund 1,7 Millionen Menschen mit Behinderung. Nur ein Bruchteil von ihnen hat den Begünstigtenstatus (jene Personen mit einem Grad der Behinderung von mindestens 50%), nämlich 110.741. 2018 machte die Gruppe der Menschen mit Begünstigtenstatus oder gesundheitlichen Vermittlungseinschränkungen 24% aller Arbeitslosen aus.

Armutsfaktor Behinderung

Für die geringe Beteiligung von Menschen mit Behinderungen am Arbeitsmarkt gibt es viele Gründe. Fehlende finanzielle Mittel oder Angebote der allgemeinen und beruflichen Bildung, die Menschen mit Behinderungen den Eintritt in den Arbeitsmarkt ermöglichen. Auch Stigmatisierung an Schulen und Arbeitsplätzen spielen mit Sicherheit eine abschreckende Rolle.  

Die niedrige Beteiligung von Menschen mit Behinderung an der Erwerbsarbeit hat ein stark erhöhtes Armutsrisiko und soziale Ausgrenzung zur Folge. Die manifeste Armut von Menschen mit Behinderung liegt bei 12 % und ist damit mehr als doppelt so hoch wie bei jenen Menschen ohne Behinderung.

Was bedeutet "manifest arm"?

Manifest arm ist die Kombination von Einkommensarmut und finanzieller Deprivation, das heißt es bestehen zusätzlich zur Einkommensarmut zumindest zwei der folgenden Probleme:

  • Die Wohnung kann nicht angemessen warm gehalten werden
  • Regelmäßige Zahlungen können nicht immer rechtzeitig beglichen werden (z.B. Miete)
  • Notwendige Arzt- oder Zahnarztbesuche können nicht in Anspruch genommen werden
  • Unerwartete Ausgaben können nicht finanziert
  • Es muss beim Essen gespart werden
  • es ist nicht leistbar Freunde oder Verwandte zum Essen bei sich zuhause einzuladen oder mit ihnen etwas zu unternehmen

Studie fragt nach Chancen durch Digitalisierung

Eine neue Studie hat sich nun im Auftrag des Sozialministeriums angesehen, ob Digitalisierung dabei helfen könnte, Menschen mit Behinderung besser ins Arbeitsleben zu inkludieren. Denn klar ist:

Neue Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) haben die Arbeitswelt bereits tiefgreifend verändert. Es sind neue Arten von Arbeitsplätze entstanden, die Arbeitsabläufe und sogar die Arbeitssuche haben sich verändert.

Digitalisierung ist im Jetzt angekommen

Technische Innovationen haben schon heute gravierende Auswirkungen auf den Alltag von Menschen mit Behinderungen – man denke nur an Unterstütze Kommunikation und die Möglichkeiten, die seit wenigen Jahrzehnten dadurch gegeben sind – wie zum Beispiel für Lukas. Ein Beispiel wären Personen, die in ihrer Lautsprache eingeschränkt sind und Augensteuerungsgeräte zum Sprechen nutzen können. 

Auch Christian profitiert von immer besseren technischen Möglichkeiten. Christian ist einer von mehr als 60.000 Betroffenen in Österreich, die in ihrer Kommunikation auf Unterstützung angewiesen sind und für die Laut- oder Gebärdensprache nicht oder nur begrenzt in Frage kommen.

Christian kann ein Tablet mit der App Metatalk für sich sprechen lassen. Auf Knopfdruck erzählt es für ihn, dass eine Betreuerin der Wohngemeinschaft, in der er wohnt, Geburtstag hat und er sich auf die Feier freut. Smartphones schaffen es mittlerweile, durch Apps und Hilfsfunktionen  Beeinträchtigungen beim Hören, Sprechen oder Sehen auszugleichen.

Vor- und Nachteile der Digitalisierung, was überwiegt? 

Technologische Innovationen machen gewisse Arbeiten überflüssig. Geschichtlich betrachtet ist das nichts Neues, man denke nur an das Fließband, das Arbeitsprozesse stark verändert hat. Heute wäre das bekannteste Schlagwort zum technischen Wandel wohl der Roboter, der plötzlich Arbeiten verrichtet, die bisher Menschen gemacht haben.

Gleichzeitig schaffen Online-Arbeit und plattformbasierte Arbeit wie zum Beispiel das taxiähnliche Unternehmen „Uber“ auch neue Anreize für Unternehmen und Selbständige.

In solchen Arbeitsmodellen ist vieles anders. So ist z.B. die Büroanwesenheit von 9 - 17 Uhr nicht mehr nötig, weil sie durch online-Lösungen ersetzt wird. Das ist oftmals auch billiger für die Arbeitgeber, aber auch die KonsumentInnen. Und für die ArbeitnehmerInnen bieten die neuen Arbeitsformen die Möglichkeit, sich flexibler zu organisieren.

ArbeitgeberIn und ArbeitnehmerIn finden neue Wege, um gemeinsame Arbeitsziele zu vereinbaren.- Das kann zum Beispiel für Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind oder Assistenz benötigen, eine große Erleichterung sein.

Die Flexibilität neuer Arbeitsformen ist jedoch oft mit weniger Sicherheit verbunden – sprich: ein soziales Netz und Versicherungssysteme fehlen oft. Die Vorteile einer Kranken- und Pensionsversicherung sind im klassischen Sinne kaum mehr gegeben, von einem regelmäßigen Einkommen oder 13. und 14. Monatsgehalt ganz zu schweigen. . Außerdem besteht das Risiko, dass bestehende wirtschaftliche und soziale Ungleichheiten noch verstärkt werden. Denn: die Digitalisierung eröffnet vielen Menschen zwar neue Möglichkeiten, schließt aber womöglich andere noch stärker aus als bisher.

Dieses Auseinanderdriften wird auch als „Technische Kluft“ bezeichnet.

Die Praxis wird die Antwort erst liefern

Die Studie kann letztlich die eine Antwort auf die Frage nach dem Potenzial der Digitalisierung für Inklusion nicht liefern. Digitalisierung kann, - muss aber nicht - positiv sein. Es hängt wohl – wie so oft – von den Rahmenbedingungen ab.

Ein näherer Blick in die Studie zahlt sich jedoch aus, um die Frage noch weiter zu beleuchten – mit einigen Praxisbeispielen wurden sowohl Grenzen als auch Potenziale der neuen digitalen Arbeitswelt gezeigt.

Die Wichtigsten Rechtsgrundlagen für Inklusion in der Arbeitswelt

  • Behinderteneinstellungsgesetz
  • Bundesbehindertengesetz
  • Bundesbehindertengleichstellungsgesetz