Unterstützte Kommunikation

"Das ist ja gar nicht so schwierig!"

Wie Beratung, Information und Vernetzung in der Corona-Krise funktioniert.

04.05.2020
"Nach einem Schreckensmoment sind unsere Ideenspeicher förmlich explodiert", sagt Romana Malzer
"Nach einem Schreckensmoment sind unsere Ideenspeicher förmlich explodiert", sagt Romana Malzer

"Zuerst habe ich gedacht: So, jetzt drehen wir alles ab und gehen nach Hause", erinnert sich Romana Malzer. Die Berufs- und Sozialpädagogin ist bei LIFEtool für Beratung und Schulung zuständig. LIFEtool unterstützt Menschen bei Fragen rund um das Thema Unterstützte Kommunikation. Die Beratungsgespräche und das gemeinsame Ausprobieren von Technologien finden normalerweise bei LIFEtool in der Beratungsstelle oder zu Hause bei den Betroffenen statt.

"Nach einem Schreckensmoment sind unsere Ideenspeicher förmlich explodiert", sagt Malzer. Sie und ihre KollegInnen beginnen damit, Erklär-Videos zu drehen und auf Social Media zu verbreiten. Die Videos kommen gut an, die Nachfrage steigt von Tag zu Tag. "Und viele Eltern und Betreuerinnen und Betreuer haben uns auf einmal mit Fragen gelöchert, die sie sich bisher nicht gestellt haben – weil sie nicht mussten. Kommunikation wird nämlich mitunter in einem anderen Teil des Umfeldes gefördert. Vielleicht lebte die betroffene Person vor Corona in einer Wohneinrichtung und war tagsüber in einer Fördereinrichtung oder Werkstätte. Nun hat sich die Situation geändert und die Betroffenen verbringen die ganze Woche in einer Wohneinrichtung oder wurden von den Eltern nach Hause geholt. Die Kommunikationsförderung muss nun dort stattfinden."

Viele Werkstätten für Menschen mit Behinderung sind seit Corona geschlossen, Kinder besuchen ihre Schule derzeit meist nicht. "Jetzt, wo alle daheim sind, sind die Anforderungen an die Eltern und das betreuende Umfeld in den Wohneinrichtungen gewachsen", sagt Malzer. "Das kann anstrengend sein, aber es passiert auch etwas ganz Großartiges: Die Förderung ist nicht mehr auf einen Bereich beschränkt – das erzeugt neue Herausforderungen rund um den gemeinsamen Alltag", sagt Malzer. "Und das bedeutet auch: Man kommuniziert mehr, anders und intensiver miteinander."

Romana Malzer bemerkt das auch bei ihr zu Hause. Ihre Tochter Isabella lebt mit dem Rett-Syndrom und kommuniziert mit einem Sprachcomputer. Daheim verstehe sie ihre Tochter häufig auch ohne die Kommunikation per Computer. "Ich sehe Isabella an, was sie meint", sagt Malzer. "Zumindest glaube ich das. Aber es stimmt nicht immer!" Seit kurzem fordert Isabella zu Hause vehement Tätigkeiten ein, zum Beispiel: "Spazierengehen!" "Zuerst war das ungewohnt für mich. Dann habe ich begriffen: Isabella muss jetzt deutlicher kommunizieren und ich muss besser zuhören." Romana lernt ihre Tochter von einer neuen Seite kennen: Isabella sagt häufiger deutlich, was sie will. "So, wie sie das eben von der Tageseinrichtung gewohnt ist, in der sie normalerweise unter der Woche ist."

"Durch die Unterstützte Kommunikation kann Isabella dabei sein, Informationen weitergeben und vor allem auch Gefühle ausdrücken und diese erklären."
Romana lernt ihre Tochter von einer neuen Seite kennen: Isabella sagt häufiger deutlich, was sie will.

Weniger Routinen bedeuten mehr Kommunikation. Und das bringt für Eltern von Kindern, die auf Unterstützte Kommunikation angewiesen sind und für BetreuerInnen in Wohngruppen viele neue Fragen mit sich: Wie können wir gemeinsam ein digitales Bilderbuch machen? Wie kann ich ein anderes Lied einprogrammieren? Welche Bilderbücher können wir runterladen? Wie können wir das Programm von der Schule zu Hause installieren? "Das Tolle an den vielen Fragen ist, dass die Antwort meist recht einfach ist", sagt Malzer. "Oft höre ich dann: 'Mah, das ist ja gar nicht so schwierig!'"

Die Berufs- und Sozialpädagogin hofft, dass das dazu führt, dass Unterstützte Kommunikation auch in Zukunft häufiger und vielfältiger verwendet wird. "Die Technologien sind mittlerweile sehr nutzerfreundlich. Sind sie einmal angeschafft, geht es vor allem darum, es einfach auszuprobieren." Trotzdem freut sich Romana Malzer auf eine Zeit, in der auch persönliche Beratungen wieder möglich sind. "Keine Frage: Videos und Online-Beratungen ersetzen keinen persönlichen Kontakt und Austausch", sagt Malzer. Vor allem, wenn man beginnt, eine neue Technologie zur Unterstützten Kommunikation zu verwenden. Das erste Mal braucht viel Übung. "Und am besten lernen wir eben am Modell, also indem wir einander vormachen, wie es geht. Und das geht momentan leider nur sehr eingeschränkt."

Romana Malzer ist Berufs- und Sozialpädagogin und zuständig für Beratung & Schulung bei LIFEtool.

Beratung und Tipps auf YouTube

Alle Video-Tipps und How-Tos rund um Untersützte Kommunikation gibt es auf dem LIFEtool-Youtube-Kanal.

#RechtAufKommunikation

In Österreich sind etwa 63.000 Menschen in ihrer Kommunikation eingeschränkt. Doch für Unterstützte Kommunikation gibt es keinen österreichweiten, einheitlichen Rechtsanspruch. Menschen mit Sprachbehinderungen dürfen nicht weiter sprachlos gemacht werden. Die Diakonie fordert einen Rechtsanspruch auf technische Hilfsmittel für Menschen mit Sprachbehinderung. Jeder Mensch hat ein #RechtAufKommunikation!