Von Gott und der Welt

Das Huhn im Topf

Der Sommer geht zu Ende. Die Sommer der Kindheit kommen nicht wieder. Meine haben nach Nüssen, Schokolade und Hühnergulasch gerochen, die Kuchen und Kekse nach Honig und Walnuss geschmeckt. Die Sommer meiner Kindheit waren ein einziges kulinarisches Abenteuer. Das, was wir essen und riechen wird Teil unserer Welt.

25.08.2018
Sommerliches Essen

Teil dieser Welt war auch ein Huhn, dem unser Aufenthalt bei den Verwandten im ehemaligen Jugoslawien das Leben kostete. Wer dabei sein wollte, musste früh aufstehen. Noch in Pantoffeln fing sich Tante Juliane eine der wenigen mageren Hennen und machte ihr den Garaus. Noch vor sieben Uhr war das Huhn im Topf. Dann brodelte der Topf mit dem Hühnergulasch bis um die Mittagszeit vor sich hin. Und es war köstlich!

Gästen etwas Besonderes vorsetzen zu können, ist der Gastgeberin Stolz und Würde. Denn Gäste sind ein Geschenk.

Während der Topf vor sich hin simmerte, stellte sich die Tante beim Bäcker um Brot an. Sie war das Anstellen gewohnt. Es war nicht sicher, dass es Brot gab. Gab es keins, halfen die Nachbarn aus. Denn meine Tante hatte Gäste. Die Gäste sollten vom Mangel und der Armut nichts merken. Drum wurde auch ein Huhn geschlachtet.

Es gingen viele Sommer ins Land bis ich bemerkt habe, dass das Huhn, das während unseres Besuchs sein Leben lassen musste, das einzige Huhn war, das geschlachtet wurde. Gästen etwas Besonderes vorsetzen zu können, ist der Gastgeberin Stolz und Würde. Denn Gäste sind ein Geschenk. Mit ihnen wird geteilt, was man hat. Mehr noch, es wird auch das geteilt, was man nicht hat.

„Von Gott und der Welt“, die Kolumne von Michael Chalupka, erscheint jeden Samstag in der „Krone".