Viktor lebt selbstständig in einer Einrichtung für Menschen im Autismus-Spektrum

"Das habe ich aber super geschafft!"

Viktor ist 43 Jahre alt. Seit mehr als 20 Jahren wird er im Diakoniewerk begleitet. Seit rund zwei Jahren wohnt er in einer Einrichtung für Menschen im Autismus-Spektrum. Aus Sicht seiner Mutter ist für die ganze Familie in dieser Zeit vieles leichter geworden.

28.03.2020
Wenn Viktor etwas gelingt, wenn er e gar nine Hürde überwindet, dann sagt er: "Das habe ich aber super geschafft! Und es istichts passiert." Foto: © Eric Krügl
Wenn Viktor etwas gelingt, wenn er eine Hürde überwindet, dann sagt er: "Das habe ich aber super geschafft! Und es ist gar nichts passiert." Foto: © Eric Krügl

Viktor merkt sich Bus- und Bahnlinien. Auch von Orten, an denen er noch nie war. Viel spricht Viktor nicht. Aber wenn ihm etwas gelingt, wenn er eine Hürde überwindet, dann sagt er: "Das habe ich aber super geschafft! Und es ist gar nichts passiert."

Viktors Mutter erzählt: "Mit vier Jahren bekamen wir die Diagnose Autismus für unseren Sohn Viktor. Wir mussten uns zu unserem natürlichen Verhalten als Eltern viele pädagogische Fähigkeiten aneignen. Es waren oft schwere Zeiten für uns, Kindergarten, Schule – alles war herausfordernd bis ins Erwachsenenalter. Bei mir hat sich die Einstellung verfestigt: Ich bin verantwortlich, ich kann das, ich muss auch. Der Gedanke an meinen Tod hat mich immer zutiefst bewegt und mich motiviert, Wege für Viktor zu finden."

Herausforderndes Verhalten in der Öffentlichkeit 

Maria K. erzählt von jener Zeit, wo sie als Mutter mit Viktor unterwegs war, einkaufen ging. Sie versuchte damals immer, das herausfordernde Verhalten ihres Sohnes in der Öffentlichkeit mit einem selbstsicheren Auftreten "zu kaschieren", wie sie sagt. Sie selbst verzichtete auf einen beruflichen Weg, auf soziale Kontakte, ihre Hingabe galt ihrer Familie. - Maria K. ist heute gut 70.

Was sich verändert hat seit damals? Sehr vieles

Sie hat heute die Verantwortung ein Stück weit abgegeben – an ihren Sohn selbst und das begleitende Netzwerk im Diakoniewerk. Vor eineinhalb Jahren ist Viktor nach Pregarten (OÖ) übersiedelt - in ein neues Wohnhaus des Diakoniewerks für Menschen im Autismus-Spektrum. 

Viktor hat diese Übersiedlung deutlich besser gemeistert als von allen erwartet. Hier, sagt er, hier ist sein "Zuhause".  Er genießt es, sich im großen Garten aufzuhalten, begrüßt die ankommenden MitarbeiterInnen und BesucherInnen schon am Zaun zum angrenzenden Parkplatz.

Freiraum und Rückzug

Freiraum und Rückzug sind für Menschen im Autismus Spektrum sehr wichtig, so auch für Viktor. Er braucht Freiraum zum Bewegen sowie einen abgegrenzten persönlichen Bereich im Garten als Rückzugsort.

Viktor hat im letzten Jahr viele Fortschritte in seiner Entwicklung gemacht

Solange er einen "Fluchtweg" hat, traut er sich viel weiter in die Wohngruppe als früher und ist damit aktiver Teil der Wohngemeinschaft geworden.

Neu geschaffene Strukturen im Tagesablauf und fixe Aufgaben im Haushalt übernimmt Viktor heute gern. Während er früher den Tag meistens nur mit Kaffeetrinken und Fernsehen verbrachte, hat er nun ein Morgenritual und kann diverse Aufgaben unter Anleitung selbstständig erledigen. Die Reihenfolge einzuhalten, ist für ihn dabei wichtig. Auch hier wird er von den MitarbeiterInnen positiv bestärkt.

Über sich hinauswachsen

Seit kurzem kocht Viktor einmal wöchentlich mit Unterstützung des diensthabenden Mitarbeiters für das ganze Wohnhaus zu Mittag - eine neue Aufgabe, die von ihm selbst vorgeschlagen wurde. "Viktor ist in seiner Persönlichkeit sehr gewachsen. Er spricht oft davon, wie stolz er auf sich ist, denn er hat persönliche Grenzen überwunden", betont Stefan Baier, Einrichtungsleiter in Pregarten.

So trinkt er inzwischen schon seit längerer Zeit fast täglich gemeinsam mit Stefan B. einen Kaffee. Das Besondere daran: Beide sitzen auf "seiner Bank" – was früher für ihn nicht denkbar gewesen wäre, weil der Kontakt auf der Bank zu eng gewesen wäre. Er lief dann Gefahr, aggressiv zu reagieren.

Insgesamt ist diese Neigung zu aggressivem Verhalten durch seine positive Entwicklung, aber auch durch sensible begleitende MitarbeiterInnen, die seine Grenzen kennen und respektieren, deutlich zurückgegangen. Überforderung und Panik tauchen dennoch immer wieder auf.

Seine Mutter betont sehr berührt: "Wir konnten uns nicht vorstellen, dass so eine gute Ablösung vom Elternhaus möglich ist und sind heute sehr dankbar dafür."

Familie K. konnte letzten Herbst zum ersten Mal seit über zehn Jahren gemeinsam einen Ausflug machen. "Viktor ist sogar aus dem Auto ausgestiegen, und hat sich für eine Jause auf ein Bankerl gesetzt. Das ist für viele Familien vielleicht keine Besonderheit", sagt Frau K., "für uns ist es ein großer Entwicklungsschritt – und schön wars auch".

Und es ist gar nichts passiert.

Was macht die Corona Krise mit Autisten?

Autisten sind oft sehr angewiesen auf ihre täglichen Routinen und auf verlässliche Strukturen. Diese geben Sicherheit und Stabilität. In der Corona-Krise brechen diese verlässlichen Strukturen weg. Wenn Kindergärten, Schulen, Werkstätten und Angebote der Tagesbetreuung schließen müssen, ist der Alltag plötzlich ein ganz anderer. Für Menschen mit Autismus ist das besonders irritierend und verunsichernd. Plötzliche Veränderungen sind meist sehr schwer verständlich und können massiv verstören. Besonders wenn Bewegungsmöglichkeiten eingeschränkt werden müssen.

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