Predigt zum Stefani-Tag

Damit niemand übersehen wird

Predigt zum Stefani-Tag, TV-Gottesdienst am 26.12.2021

26.12.2021
„Ich weiß nicht, wie ich das schaffen soll“, sagt Jean. „Ich muss doch jetzt stark sein. Auch für die Kinder. Ich war ja immer die Starke.“  (Foto: © Jirakit – stock.adobe.com)
Foto: © Jirakit – stock.adobe.com

Hören wir den Predigttext aus der Apostelgeschichte (Apg 6,1-10; 7,54-58):

„Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen und zu Tische dienen. Darum, liebe Brüder, seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll Geistes und Weisheit sind, die wollen wir bestellen zu diesem Dienst. Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben. Und die Rede gefiel der ganzen Menge gut; und sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus. Stephanus aber, voll Gnade und Kraft, tat Wunder und große Zeichen unter dem Volk. Da standen einige auf und stritten mit Stephanus. Doch sie vermochten nicht zu widerstehen der Weisheit und dem Geist, in dem er redete. Als sie Stephanus reden hörten, ging's ihnen durchs Herz und sie knirschten mit den Zähnen über ihn. Er aber, voll Heiligen Geistes, sah auf zum Himmel und sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus stehen zur Rechten Gottes und sprach: Siehe, ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen. Sie schrien aber laut und hielten sich ihre Ohren zu und stürmten einmütig auf ihn ein, stießen ihn zur Stadt hinaus und steinigten ihn.“

 

Liebe Gemeinde!

Ihr Magen knurrt. Weil das Geld so knapp ist, isst sie weniger. Schon im „Normalzustand“ war die Situation schwierig für sie und ihre zwei Kinder. Aber irgendwie ist es sich ausgegangen mit dem Kinderbetreuungsgeld, den Alimenten und der geringfügigen Beschäftigung. Doch dann kam Corona. Ihr wurde gekündigt. Der Vater der Kinder wurde in Kurzarbeit geschickt und hat daher die Alimente reduziert. Die Existenzangst nagt an ihr. Kann sie sich Windeln und Lebensmittel noch leisten? Morgen steht wieder ein Einkauf an.

Sie geht ohnedies nur einmal in der Woche außer Haus zum Einkaufen. Sonst bleibt sie zu Hause mit der 7jährigen Laura und dem 18 Monate alten Emil. Sie will nicht von der Polizei kontrolliert werden. Die Polizei kontrolliert viel. Sie hat Angst vor einer Strafe, sie könnte die Strafe nicht zahlen. Drum geht sie vorsichtshalber nicht mit den Kindern auf den Spielplatz.

Müde reibt sie sich die Augen. Emil schläft kaum. Er spürt die Ausnahmesituation. Weint viel. Auch Laura bereitet ihr schlaflose Nächte. Sie kann Laura im Homeschooling nicht so gut helfen, wie sie es sollte. Sie kennt sich am Computer nicht aus. Und der Drucker, den sie ausgeborgt hat, um Lauras Aufgaben auszudrucken, spinnt die ganze Zeit.

Sie schaut auf ihr Telefon. Seit zwei Tagen kein Anruf. Sie fühlt sich von Gott und der Welt verlassen. Ihr einziger Lichtblick ist Familienbegleiterin Elisabeth Wurzer von der Diakonie. Frau Wurzer hält den Kontakt telefonisch aufrecht. Ein- bis zweimal die Woche ruft Frau Wurzer an. Für sie ist das oft der einzige Kontakt nach draußen. Sie reden über die Geldsorgen und darüber, wie sie Emil beruhigen kann. Und die Familienbegleiterin fragt sie auch, wie es ihr geht. Ihr, Susanne.

Liebe Gemeinde, so wie Susanne ging und geht es vielen Alleinerziehenden und armutsbetroffenen Familien in der Corona-Krise: Sie sind tiefer hineingerutscht in die Geldsorgen und Existenzängste. Tiefer in die soziale Isolation. Tiefer in die Einsamkeit.

Ihre Nöte mussten erst wahrgenommen, zu Gehör gebracht werden. Alle waren geschockt, alle waren betroffen von der Corona-Krise. Alle mussten zu Hause bleiben. Doch nicht alle sind im selben Boot gesessen. Vor dem Virus sind wir nicht alle gleich.

Nöte in der Corona-Krise wahrnehmen – die Nöte von Armutsbetroffenen, von Kindern, von Jugendlichen, von Menschen mit Behinderungen, von Menschen im Alter, von Menschen mit Pflegebedarf – die Nöte der einzelnen, die individuellen Nöte, die man nicht über einen Kamm scheren kann – das war und ist Aufgabe von Diakonie. Diakonisches Handeln beginnt mit der Wahrnehmung von Not.

Diakonisches Handeln beginnt mit der Wahrnehmung von Not. Immer wieder neu. Damit sind wir nie fertig. Denn Nöte sind immer konkret. Haben viele verschiedene Gesichter. Ändern sich, so wie auch die Gesellschaft sich verändert.

Und: Nöte und mit ihnen die betroffenen Menschen werden immer wieder übersehen. In unserer Gesellschaft. Auch in den Kirchen, in den Gemeinden. Dieses Problem ist so alt wie das Christentum.

Unser heutiger Predigttext erzählt davon: Die griechischen Witwen wurden übersehen bei der täglichen Versorgung in der Gemeinde in Jerusalem. Witwe zu sein, eine soziale, wirtschaftliche und rechtliche Krisensituation. Schutz der Witwen ist nach dem Alten Testament religiöse Pflicht.

Die Gemeinde in Jerusalem wächst, die Bewältigung der sozialen Probleme wird zur Herausforderung. Eine Gruppe wird übersehen. Die griechischen Witwen. Die griechisch-sprachigen Juden in der Gemeinde nehmen das wahr, legen Protest ein.

Wie konnte das passieren? War es Überforderung? Unaufmerksamkeit? Gleichgültigkeit? Diskriminierung der griechischen Witwen als Ausländerinnen?

Interessant finde ich, dass uns unser Predigttext darüber keine Auskunft gibt. Der Grund für das Problem wird nicht lange besprochen, die Gemeindeleitung sucht direkt nach einer Lösung. Eine neue Funktion wird geschaffen: Sieben Männer, die einen guten Ruf haben und voll Geist und Weisheit sind, sollen sich künftig um die Versorgung kümmern. Damit niemand in der Gemeinde übersehen wird.

Diese sieben gelten als die ersten Diakone. Dass ihr Dienst wichtig ist, zeigt, dass alle sieben mit Namen genannt werden, allen voran Stephanus, „ein Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes“. Die Aufgabe, die Stephanus und die sechs anderen bekommen, ist nicht einfach eine organisatorische. Sie ist Ausdruck des Glaubens. Auch wenn die Aufgaben auf verschiedene Schultern verteilt werden: Das Wort Gottes verkündigen und Dienst am Nächsten gehören zusammen, beides ist wesentlich für das Leben der Gemeinde.

Christliches Gemeindeleben heißt, dass niemand übersehen wird.

Diakonischer Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenleben heißt, dass niemand übersehen wird.

Liebe Gemeinde, die sieben sorgen also dafür, dass niemand übersehen wird bei der Versorgung der Gemeindemitglieder. Doch mit der Einführung dieses diakonischen Dienstes ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Zumindest einer der sieben, Stephanus, scheint es nicht beim stillen Dienst belassen zu haben. Er hat sich wohl auch lautstark zu Wort gemeldet und dabei den Konflikt nicht gescheut. Apg 7 berichtet, dass Stephanus in Streit geraten ist mit Repräsentanten verschiedener Synagogen und sich vor dem Hohen Rat verteidigen musste.

Stephanus verteidigt sich mit einer langen Rede. Einer sehr langen Rede. Sie beginnt bei Abraham, folgt dem Faden der Geschichte des Volkes Israel mit seinem Gott weiter nach Ägypten, wieder raus aus der Sklaverei, ins gelobte Land, bis zu den Propheten. Die Rede läuft auf Herrschaftskritik und Gerechtigkeit hinaus. Sie erregt Ärgernis. Dermaßen groß ist das Ärgernis, das Stephanus erregt, dass er gesteinigt und zum ersten Märtyrer wird.

Märtyrertum – das, liebe Gemeinde, scheint uns heute wahrlich weit weg. Und doch hat uns der zweite Teil der Geschichte des Stephanus auch heute etwas Wichtiges zu sagen. Etwas darüber, was diakonisches Handeln bedeutet. Nämlich: Diakonie ist Hilfe unter Protest. Diakonisches Handeln ist immer auch Protest, weil es Not lindert und zugleich nach Veränderung der Bedingungen ruft, die die Not verursachen.

Diakonie belässt es nicht beim stillen Helfen. Diakonisches Handeln heißt auch, die Stimme erheben. Diakonie erhebt ihre Stimme und spricht öffentlich von der Freiheit und von der Gerechtigkeit, die Gott für die Menschen will – für alle Menschen und für jede:n einzelnen.

Diakonie zeigt lautstark Nöte auf und das, was die Nöte verursacht – und was geändert werden muss, damit alle Menschen ein „Leben in Fülle“ haben. Damit alle Menschen das Leben haben, das Christus uns zugesagt hat –  und jedem:jeder einzelnen von uns. Auch Hossein.

Hossein macht im Diakonissen-Krankenhaus in Schladming eine Lehre zum Betriebstechniker. Er ist afghanischer Staatsbürger, doch geboren und aufgewachsen ist er im Iran. Im Alter von 16 Jahren ist Hossein nach Österreich geflohen. Das Asylverfahren zieht sich in die Länge. Hossein hat bereits zwei Lehrjahre erfolgreich absolviert und bereitet sich auf die Taufe vor, als seine Beschwerde gegen die negative Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts abgelehnt wird. Hossein droht die Abschiebung. Zwei Jahre ist das jetzt her.

Eine Welle der Solidarität bricht los. In Schladming und darüber hinaus. Die evangelische und die katholische Kirche stellen sich schützend vor Hossein, suchen das Gespräch mit den Behörden, während ein zweiter Asylantrag eingebracht wird. Die Diakonie unterstützt mit Rechtsberatung und Öffentlichkeitsarbeit. Doch Hossein wird bei einem Termin beim Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl, den er ordnungsgemäß wahrnimmt, festgenommen. Und das, obwohl sich kurz zuvor alle Parteien darauf geeinigt hatten, dass Asylwerber ihre Lehre abschließen dürfen.

Unzählige Briefe an politisch Verantwortliche werden geschrieben. Die Medien berichten. Halb Schladming und Umgebung, allen voran Hosseins österreichische Paten, die Belegschaft des Diakonissen-Krankenhauses, Bürgermeister und Bürgermeisterinnen der umliegenden Gemeinden, die Pfarrgemeindemitglieder und auch der evangelische Bischof versammeln sich zu einer Mahnwache. Zum Gebet. Und zum Protest.

Der Protest trägt Fürchte: Zehn Tage nach Inschubhaftnahme ist Hossein wieder bei seinen Paten-Eltern. Einige Monate Ungewissheit liegen noch vor ihm, bis er seine Lehre fortsetzen kann und schließlich Schutz bekommt.

Nur drei Tage nach seiner Entlassung aus der Schubhaft fahren Hossein und seine Patenmutter Regina Höfer nach Wien. Sie nehmen Teil an einer Mahnwachse für alle Lehrlinge, denen die Abschiebung droht.

Namen werden verlesen.

Namen von Menschen, deren Leben bedroht ist.

Sie sind keine Fälle. Keine anonyme Masse. Sie sind Freund:innen, Nachbar:innen, Schützlinge, Gemeindemitglieder. Menschen mit einem Gesicht, einem Namen, einer Geschichte. Menschen, die Hilfe brauchen und Protest. Menschen, die wir nicht übersehen dürfen. Niemand soll im Dunklen bleiben. Das heilsame Licht von Weihnachten scheint auf sie. Es scheint auf alle Menschen.