Leben in einer Mädchen-WG der Diakonie

"Corona ist eine große Herausforderung"

Was Corona für die sozialpädagogische Mädchenwohngruppe TAMAYA bedeutet.

31.03.2020
Irene Faderl
Irene Faderl ist Sozialpädagogin in der Wohngruppe TAMAYA des Diakonie Zentrum Spattstraße in Linz.

Was bedeutet die Corona-Krise für Ihre Arbeit?

Wir betreuen neun Mädchen und junge Frauen in unserer WG TAMAYA. Normalerweise ist der Vormittag eine betreuungsfreie Zeit und diese Zeit wird für organisatorische Dinge und Termine genutzt – die Bewohnerinnen machen eine Ausbildung, gehen zur Schule oder in Kurse. Jetzt sind die Mädchen 24 Stunden in der WG – Freunde oder Familie besuchen am Nachmittag geht ja auch nicht mehr. Das ist natürlich eine große Herausforderung für uns. Wir müssen viel mehr und intensiver für die Bewohnerinnen da sein, gleichzeitig müssen wir aber darauf achten, dass nur wenige von uns Betreuerinnen da sind.

 

Wie funktioniert das?

Wir sind meist alleine oder maximal zu zweit. Denn falls jemand von uns krank wird, müssen wir sicherstellen können, dass jemand anderer von uns einspringen kann. Das ist anstrengend, keine Frage. Hinzu kommt ja, dass wir nun auch mit den Bewohnerinnen für die Schule lernen müssen. Stellen Sie sich vor, sie sind eine Mutter oder ein Vater und haben neun Kinder, die alle im selben Alter sind - so kann sich, glaube ich, jeder vorstellen, welche Herausforderung wir meistern müssen. Das gibt ein gutes Bild. Aber die Mädchen verstehen auch, dass wir jetzt alle zusammenhalten müssen. Sie helfen sich gegenseitig, etwa bei den Schulaufgaben, kochen gemeinsam und geben besonders aufeinander acht.

 

Manche der WG-Bewohnerinnen haben eine traumatische Vergangenheit. Was bedeutet die Corona-Krise für diese Mädchen?

Die Krise ist eine zusätzliche Belastung für sie. Eines der Mädchen hat mich gefragt: "Irene, kann es sein, dass wir jetzt hungern müssen?" Das Mädchen hat in ihrer Vergangenheit Hunger erlebt. Jetzt sieht sie, wie Menschen Hamsterkäufe tätigen. "Was, wenn für uns nix mehr überbleibt?" Ein anderes Mädchen durfte früher in der Familie nicht aus der elterlichen Wohnung. Jetzt sagt sie: "Ich hab mir gedacht, dass ich dieses Gefühl des Eingesperrtseins nie wieder haben würde." Erinnerungen und Ängste kommen wieder auf. Vom Kopf her haben sie alle schnell verstanden, was jetzt anders ist und warum. Aber emotional ist es für viele nicht leicht.

 

Wie geben Sie den Mädchen jetzt Sicherheit?

Zuhören, da sein – aber auch eine klare Tagesstruktur sind jetzt sehr wichtig. Das sagen die Mädchen auch selbst. Gemeinsame Mahlzeiten, gemeinsames Kochen, Gruppenabende, in denen man über alles spricht, was uns jetzt beschäftigt. Da kommen auch viele Ideen von den Mädchen – sie haben jetzt zum Beispiel ein Projekt gestartet: Sie wollen ein Corona-Tagebuch anlegen. Sie wollen niederschreiben, was sie erleben und was sie machen. Corona ist eine große Herausforderung, aber die Mädchen sind jetzt auch besonders kreativ, einfühlsam und motiviert.

Irene Faderl ist Sozialpädagogin in der Wohngruppe TAMAYA des Diakonie Zentrum Spattstraße in Linz.

Corona Hilfsfonds

Die #Diakonie hat einen Corona Hilfsfonds eingerichtet und bittet um Spenden: https://diakonie.at/coronavirus-hilfsfonds

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