„Sozialhilfe neu“: finanzielle Not schließt Kinder schon sehr früh von Vielem aus

Chancen der Kinder auf ein geglücktes Leben

Wer nicht jetzt in die Absicherung und in Entwicklungsmöglichkeiten von Kindern investiert, wird später hohe Folgekosten zu verbuchen haben. Es geht einfach um das Mindeste zum Leben für Familien mit Kindern.

09.01.2019
zwei Mädchen bei der Schuljause
Finanzielle Not schließt Kinder schon sehr früh von Vielem aus (Foto: Nadja Meister)

Sabine S. war noch jung, als sie zum ersten Mal schwanger war. Mit 17 Jahren gebar sie Zwillinge, zwei Buben. Jetzt ist Sabine 24 und alleinerziehende Mutter. Sie lebt mit ihren vier Kindern, den siebenjährigen  Zwillingen sowie der sechsjährigen und den vierjährigen Töchtern in einer 50 m2 Wohnung. Der Vater wurde arbeitslos und konnte der Belastung nicht mehr Stand halten und verließ die Familie als die Zwillinge ein Jahr alt waren. Auf Grund der frühen Schwangerschaft konnte sie ihre Lehre als Einzelhandelskauffrau nicht abschließen. Gerne würde sie eine Ausbildung nachholen.

Ohne soziales Netz, körperlich und psychisch an der Grenze

Jetzt geht sie immer wieder kurz arbeiten. Die Kraft reicht aber nicht aus und sie stößt körperlich und psychisch an ihre Grenzen, so dass sie die Arbeit wieder verliert. Sabine hat kein soziales Netz, das sie unterstützen könnte.

Die Geldsorgen und ihre Existenzängste rauben ihr die Kraft.

Sie ist nur sehr schwer in der Lage, den Kinder das zu bieten, was sie sich wünschen würde: Sicherheit, Geborgenheit, ein Umfeld, in dem sie sich gut entwickeln können. Auch die notwendige Ergotherapie für die Zwillinge kann sie sich nicht leisten.

Sabine bezieht Mindestsicherung und hat große Angst davor, was mit den geplanten Kürzungen in der Mindestsicherung auf sie zukommt.

Ihre Fixkosten bleiben ja gleich und es ist jetzt schon finanziell zu eng. Die Kinder schlafen in zwei kleinen Schlafzimmern in die jeweils nur ein Stockbett und ein Kasten passen. Die Mutter schläft im Wohnzimmer. Es gibt keinen Platz für einen Schreibtisch und keinen Platz zum Lernen, geschweige denn zum Spielen.

Eine aktuelle Studie der Statistik Austria gibt ein realistisches Bild über die Lebensbedingungen von Kindern in Mindestsicherung. Starke negative Effekte werden bei der Wohnsituation sichtbar. Viele können ihre Wohnung im Winter nicht heizen, müssen unter desolaten Wohnbedingungen leben (doppelt so oft von feuchter Wohnung betroffen, fünfmal öfter Überbelag, dreimal öfter dunkle Räume). Massiv sind die Auswirkungen auf Gesundheit, Chancen und Teilhabe bei Kindern. Die Gefahr des sozialen Ausschlusses bei Kindern zeigt sich in den geringeren Möglichkeiten Freunde einzuladen (10mal weniger als andere Kinder), Feste zu feiern und an kostenpflichtigen Schulaktivitäten teilzunehmen (20mal weniger).

Die finanzielle Not schließt die Kinder schon sehr früh von Vielem aus.

Andrea Boxhofer von der Diakonie Spattstrasse in Linz kennt die Folgen. „Die Chancen der Kinder auf ein geglücktes Leben von Anfang an sind dann stark eingeschränkt“, sagt sie. Die Kinder können keine Freunde aus Schule oder Kindergarten zu sich einladen. Dafür fehlen der Platz und das Geld. Die finanzielle Not schließt die Kinder schon sehr früh von Vielem aus. Die Ungleichheit zwischen den Kindern wird schon allein in der Nachbarschaft deutlich sichtbar. Aus Scham zieht sich die junge Mutter mit ihren Kindern mehr und mehr zurück.

Wer jetzt die Chancen von Kindern verbaut, übersieht die langfristige Wirkung. Das kommt teuer für alle. Fehlende oder ungenügende Investitionen in Kinder sind Schulden an der Zukunft.
Andrea Boxhofer, Diakonie Zentrum Spattstraße

Wer nicht jetzt in die Absicherung und in Entwicklungsmöglichkeiten von Kindern investiert, wird später hohe Folgekosten zu verbuchen haben. Es geht einfach um das Mindeste zum Leben für Familien mit Kindern.

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Hier finden Sie die gesammelten Forderungen der Diakonie zur #Sozialhilfe neu