Predigt Karfreitag 2020 - Radiogottesdienst

„Anderen hat er geholfen und kann sich selber nicht helfen.“ Mt 27,42a

„Ich weiß nicht, wie ich das schaffen soll“, sagt Jean. „Ich muss doch jetzt stark sein. Auch für die Kinder. Ich war ja immer die Starke.“ - Ein Karfreitags-Moment.

09.04.2020
„Ich weiß nicht, wie ich das schaffen soll“, sagt Jean. „Ich muss doch jetzt stark sein. Auch für die Kinder. Ich war ja immer die Starke.“  (Foto: © Jirakit – stock.adobe.com)
„Ich weiß nicht, wie ich das schaffen soll“, sagt Jean. „Ich muss doch jetzt stark sein. Auch für die Kinder. Ich war ja immer die Starke.“ (Foto: © Jirakit – stock.adobe.com)

Samstag Mittag. Das Handy läutet. Ich werde ins Krankenhaus gerufen. Jean hat darum gebeten, mit einer Pfarrerin zu sprechen. Sie ist Engländerin, Anfang 70, verheiratet, Mutter dreier erwachsener Kindern. Sie ist mit ihrem Mann auf Urlaub. Eine Donaukreuzfahrt machen sie. Am frühen Morgen, das Schiff liegt in Wien vor Anker, hatte Jeans Mann eine Hirnblutung.

Anderen hat er geholfen und kann sich selber nicht helfen.

Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht sorgen. „Der du den Tempel abbrichst und baust ihn auf in drei Tagen, hilf dir selber, wenn du Gottes Sohn bist, und steig herab vom Kreuz!“, lästern die Leute.

„Anderen hat er geholfen und kann sich selber nicht helfen.“

Dieser Satz hat für mich entscheidende Bedeutung, weil es in ihm um unser Gottesbild geht – und damit auch um unser Menschenbild:

In dieser Situation, sich nicht selbst helfen zu können, wird die Menschwerdung komplett. Gott wäre nicht ganz Mensch geworden ohne den Karfreitagsmoment. Ohne diese Erfahrung, der Hilflosigkeit angesichts der Endlichkeit. Der Begrenztheit menschlicher Machbarkeit.

Was der Mensch gewordene Gott erlebt, sagt uns, was zum Menschsein gehört: Die Erfahrung von Endlichkeit und, ja, auch von Hilflosigkeit.

Wir erleben das in der Corona-Krise ganz deutlich. Die Corona-Krise ist ein Karfreitagsmoment für unsere gesamte Gesellschaft: Wir sind konfrontiert mit einem neuartigen Virus. Die Verantwortlichen suchen nach Lösungen für eine Situation, wie wir sie bis jetzt noch nicht gekannt haben.

Jeden Abend im Fernsehen der bange Blick auf die Zahlen: Bewahrheiten sich die Prognosen? Wirken die Maßnahmen? Flacht die Kurve der Neuinfektionen ab?

In der Diakonie beschäftigen uns Folgen, die die Corona-Krise und vor allem die Isolation für unsere Klienten und Klientinnen haben:

Besuchsverbote in Pflegeheimen zum Beispiel. Die Bewohner und Bewohnerinnen, aber auch ihre Angehörigen leiden darunter. Besonders schwierig ist es für Menschen mit Demenz. Soziale Kontakte, Beziehungen, Berührungen sind für sie ein Lebenselixier. Manche brauchen dringend Bewegung und können nicht verstehen, warum sie in ihrem Zimmer bleiben sollen. Bei manchen Bewohnern und Bewohnerinnen müssen wir feststellen, dass sich ihre Demenz verschlechtert, sie verwirrter, agitierter sind, schwerer zur Ruhe kommen.

Oder Mädchen, die nicht bei ihren Eltern sein können und in einer Wohngruppe der Diakonie leben – bei ihnen brechen alte Wunden wieder auf: „Kann es sein, dass wir jetzt hungern müssen?“, hat eines der Mädchen gefragt. Sie hat in ihrer Vergangenheit Hunger erlebt. Jetzt sieht sie, wie Menschen Hamsterkäufe tätigen. „Was, wenn für uns nix mehr überbleibt?“ Ein anderes Mädchen durfte früher in der Familie nicht raus aus der elterlichen Wohnung. Jetzt sagt sie: „Ich hab mir gedacht, dass ich nie wieder eingesperrt sein würde.“

Unsere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen tun alles Menschenmögliche, um das abzufangen – mit ungeheurem persönlichen Einsatz und viel Kreativität. Ihnen allen sei an dieser Stelle herzlich gedankt!

Aber ich glaube, wir erleben recht deutlich: Wir tun, was wir können. Wir können die Situation vielleicht etwas erträglicher machen, aber wir können „es nicht gut machen“. Auch das ein Karfreitagsmoment.

Und die große Frage ist: Schaffen wir das?

Schaffen wir es, nicht nur wie gebannt auf Zahlen und Kurven, die den Erfolg der Maßnahmen zeigen, zu schauen – sondern auch hinzuschauen auf die Karfreitagsmomente?

Dieses Hinschauen ist fällt vielen schwer. Denn Hilflosigkeit und Hilfsbedürftigkeit sind angstbesetzt und gesellschaftlich verpönt.

Ich denke daran, dass viele Menschen sagen: Bloß nicht im Alter pflegebedürftig werden. Ich will nicht von anderen abhängig sein, niemanden zur Last fallen. Da sterbe ich lieber.

Auch in der Corona-Krise:

Ich denke an die Alleinerzieherin, die selbständig ist, und jetzt kein Einkommen hat. Die sagt, sie habe zugewartet bis sie einfach wirklich keinen anderen Ausweg mehr wusste und dann doch zur Lebensmittel-Notausgabestelle gegangen ist.

Bei den Corona Nachbarschaftshilfe-Hotlines der Diakonie haben wir anfangs die Erfahrung gemacht, dass sich mehr Menschen gemeldet haben, die helfen wollen – als Menschen, die Hilfe brauchen.

Viele schämen sich, wenn sie Hilfe brauchen. Schämen sich, es nicht selbst zu schaffen.

Sich selbst helfen ist die Norm. Hilfe brauchen ist ein Zeichen von Schwäche. Das ist heute so, und das war vor 2000 Jahren so, als die Leute Jesus verspottet haben:

„Anderen hat er geholfen und kann sich selber nicht helfen.“

Hier liegt eine Bedeutung, die der Karfreitag nicht nur für uns Evangelische, sondern für die Gesellschaft hat – und deswegen, erlauben Sie mir diese Nebenbemerkung, kann der Karfreitag kein persönlicher Feiertag, sondern muss ein gesellschaftlicher Feiertag sein. Denn der Karfreitag ruft ins Bewusstsein:

Es gibt diese Momente, an denen wir uns nicht selbst helfen können. Hilfe brauchen ist ein menschlicher Normalzustand.

Die Hilflosigkeit Jesu ist tief: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“, ruft er. - Niemand kommt und nimmt ihn vom Kreuz.

Und doch ist da jemand, erzählt das Evangelium: „Und es waren viele Frauen da, die von ferne zusahen; die waren Jesus aus Galiläa nachgefolgt und hatten ihm gedient.“

Die Frauen stehen da. Sie schauen nicht weg. Sie schauen hin. Wenn auch aus der Ferne. Sie mussten Abstand halten, denn direkt unter dem Kreuz zu stehen, wäre gefährlich: Die Kreuzigung war eine Form der Hinrichtung für rebellische Untertanen im römischen Reich, und ihre Anhänger und Anhängerinnen waren ebenso der Verfolgung ausgesetzt.

Diese Szene geht mir in Zeiten von Corona besonders zu Herzen: Dasein aus der Distanz.

Ich könnte mir vorstellen, dass sich die Frauen auch hilflos gefühlt haben, als sie dort standen und ihrem Freund und Lehrer aus der Ferne beim Sterben zusehen mussten. Ich könnte mir vorstellen, dass sie am liebsten hingelaufen wären und ihn da drunter geholt hätten.

Ähnlich geht es vielen jetzt:

Den Angehörigen, die nicht zu ihrem Mann, ihrer Mutter, ihrem Großvater ins Pflegeheim können.

Den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen der Diakonie, die sich auf telefonische Beratung beschränken müssen und wissen, wie sehr ihre Klienten und Klientinnen mit Behinderung unter der Isolation leiden oder armutsbetroffene Familien mit kleinen Kindern, die zu fünft in einer Wohnung mit 50 Quadratmetern leben müssen.

Die Frauen, die von Ferne zuschauen, ermutigen uns in solchen Situationen: Auch wenn wir das Gefühl haben, nichts tun zu können – es ist wichtig und es ist genug, nicht wegzuschauen. Da zu sein. Wenn auch auf Distanz. Das Unerträgliche mit ertragen, das Unaushaltbare mit aushalten.

Und auch für diejenigen, die wie Jean, von der ich am Anfang der Predigt erzählt habe, verzweifelt rufen: „Ich weiß nicht, wie das schaffen soll. Ich muss doch jetzt stark sein.“ – auch für sie hält die biblische Botschaft eine Ermutigung bereit:

Jean muss in dieser Situation gar nichts, schon gar nicht stark sein. - Die einzige Aufgabe, die sie hat, ist: anderen Menschen erlauben, für sie stark zu sein, da zu sein und ihren Karfreitagsmoment mit ihr auszuhalten. Und sich selbst erlauben, sich und ihre Hilflosigkeit anderen zuzumuten.

„Anderen hat er geholfen und kann sich selber nicht helfen.“

Gott wäre nicht ganz Mensch geworden ohne diesen Karfreitagsmoment. Von nun an muss sich niemand mehr schämen, sich nicht selbst helfen zu können.

Amen.