Veronica Handls Geschichte der Hoffnung

„Zerbrechlich, stark und schön“

Veronica Handl: Ich freue mich, wenn die Sonne scheint und über jede lustige Begegnung. Traurig machen mich nur Ungerechtigkeiten.

13.11.2014
Veronica HandlPorträtbild
Veronika gibt anderen Flüchtlingen Hoffnung (Bild: Christian Stemper)

Ich bin 1955 geboren. Mein Vater ist 1938 von Wien nach Argentinien geflüchtet. Ich selbst wurde 1973 von der Militärdiktatur aus Argentinien ausgewiesen. Das heißt, dass ich in der Geburtsstadt meines Vaters lebe. Und mein Vater lebte in meinem Geburtsland. Meine Familie ist verstreut. Meine Brüder leben in anderen Ländern. Mein Sohn lebt in Brasilien. Nach Argentinien bin ich nie wieder gefahren. Dort würden jene Erinnerungen von Folter und Misshandlung wach, mit denen ich ohnedies täglich leben muss. Das passiert mir auch hier sehr oft.

Matrazenlager

Ich bin aber ein sehr lustiger Mensch. Ich freue mich, wenn die Sonne scheint und über jede lustige Begegnung. Traurig machen mich nur Ungerechtigkeiten. Ich führe ein sehr bescheidenes Leben. Ich bin zufrieden, wenn ich meine Rechnungen bezahlen kann. Ich bejahe das Leben. Die Hoffnung gibt mir Kraft. Sie scheint zerbrechlich zu sein. Aber das ist sie nicht. Sie ist stark und schön. Wenn ich selbst Hoffnung habe, kann ich sie anderen weitergeben. Seit 15 Jahren habe ich das Glück, in der Flüchtlingsarbeit tätig zu sein. Bei der Diakonie fing ich im Flüchtlingshaus Rossauerlände an. Am Anfang kamen vielen Menschen, wir hatten gar keine Zeit vorher die Betten aufzustellen. Wir haben Matratzenlager gemacht. Es kamen Hunderte.

Entführt

Als ich gefoltert wurde habe ich den Schmerz ausgehalten. … ein oder zwei Sekunden… aber manchmal waren die Schmerzen so stark, dass man schreit. Es nicht mehr aushält. Aber noch schlimmer war es für mich, wenn ich in meiner Zelle andere Menschen schreien hören musste. Ich wusste, andere werden jetzt misshandelt. Aber dann habe ich von meiner Zelle zu den anderen unter der Tür durch den anderen Mut zugesprochen. … einmal war ein ganz junges Mädchen. Man hat sie entführt. .. in unseren Gesprächen bemerkte ich, wie die junge Frau wieder Hoffnung erlangen konnte... Ich habe sie gefragt, welche Ziele sie hat, was sie sich vom Leben erwartet… da hab ich gemerkt, sie hat wieder begonnen, an ihre Ziele zu glauben. Aber eines Tages kamen die Militärs und haben 30 Leute mitgenommen. Sie wurden umgebracht. Und sie war eine davon.

Überleben

Für mich ist noch immer am schlimmsten, dass so viele andere Menschen in Argentinien gestorben sind. Ich habe überlebt – so viele andere nicht. Mit dieser „Überlebens-Schuld“ lebe ich. Diese Gedanken trage ich immer mit mir. Ich bin über eine Intervention von Amnesty international nach Österreich gekommen.
Asylwerber dürfen in Österreich nicht arbeiten. Und sie bekommen im Monat nur 42 Euro und Essen. Was ich tun kann ist, diesen Menschen eine Struktur in ihrem Alltag zu geben. Das ist mir wichtig. Wir haben mit Kindern Ausflüge gemacht, haben sie zum Fußballspielen mitgenommen.

Den grauen Hof begrünen

Ich versuche die Menschen auch heute über ihre eigenen Ziele zu motivieren. Irgendwann fingen die Leute an, ihre Zimmer auszumalen. Und die Möbel bunt anzumalen. Die Kinder haben dann auch versteckt die Farben genommen und gemalt. Wir haben begonnen den grauen Hof zu begrünen. Die Farbe hat die Traurigkeit vertrieben.

Festhalten

Menschen, die in einer schlimmen Situation sind, brauchen Motivation, um nicht in die Traurigkeit zu fallen. Ich kann sie festhalten, damit sie nicht umfallen. Es geht um tiefe Dialoge. Wer ein Hoffnungsträger ist, kann das mit anderen Leuten teilen. Ich habe die Gabe, an der Haltung der Menschen zu sehen, wenn es ihnen nicht gut geht. Und dann kann ich auf die Person zugehen. Und dann gebe ich so viel ich kann. Das ist meine Lebensaufgabe. Nicht nur im Bereich der Flüchtlinge. Überhaupt.

Über die Kampagne: #Hoffnungsträger werden

Die Diakonie ist Hoffnungsträger für Veronica. Veronica ist Hoffnungsträgerin für uns.
Jeder und jede kann HoffnungsträgerIn sein. Unterstütze die Arbeit der Diakonie mit einer Spende oder deinem ehrenamtlichen Einsatz.
Weitere Infos zur Kampagne unter: http://hoffnungstraeger.diakonie.at