Von Gott und der Welt

Wo die Blumen sind

Mitten im Sommer

02.08.2014
Ein Marienkäfer in einer Nahaufnahme (Foto: Pixabay)
„Geh aus mein Herz und suche Freud in dieser schönen Sommerszeit“ (Lied zum Sommer)

Mitten im Sommer wird zumindest in den evangelischen Kirchen gern das Lied „Geh aus mein Herz und suche Freud in dieser schönen Sommerszeit“ gesungen. Ein Lied aus Zeiten des Krieges. Und trotzdem ein liebliches Lied, man möchte meinen naives Lied über der schönen Gärten Zier, Narzissus und Tulipan, über Bächlein, Lustgeschrei und die unverdrossne Bienenschar.

Das Lied wurde fünf Jahre nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges geschrieben; die Erde war wüst und leer, ein Drittel der Bevölkerung Mitteleuropas durch Gewalt oder Pest dahingerafft. Weite Teile auch Österreichs weitgehend unbewohnt.

Der Liederdichter Paul Gerhardt soll das Lied „Geh aus mein Herz und suche Freud in dieser schönen Sommerszeit“ seiner Frau zum Trost geschrieben haben, nachdem beide das vierte ihrer fünf Kinder verloren hatten. Ein Lied voll Gottvertrauen gegen allen Widerschein der Realität. Wohl auch ein wenig Opium fürs Volk, könnte man denken.

Doch Opium setzt nicht in Bewegung, Opium versetzt in Lethargie.

„Geh aus mein Herz!“ möchte aber in Bewegung setzen. Brich aus aus der Depression, brich aus aus deinem Leiden und mache dich auf die Suche nach Gottes guter Schöpfung, gegen alle Zwänge, Verwüstungen und Verletzungen. Aufbruch ist angesagt, nicht Verzweiflung, Deckel drauf und Schluss. Ich hoffe, das Lied wird viel und laut gesungen gerade in diesem Sommer, in dem der Krieg und seine Schrecken nach Europa zurückgekehrt sind.

„Von Gott und der Welt", die Kolumne von Michael Chalupka, erscheint jeden Samstag in der Kronenzeitung.