Fachkommentar zum Thema Demenz

Wir werden erst am Du zum Ich

Es braucht eine radikale Änderung des Blickes auf den Alltag von Betroffenen. Ein Fachkommentar von Daniela Palk.

10.05.2016
Alte Hände, die auf einer Klaviertaste liegen (Foto: © Sir Oliver/Fotolia)
Menschen mit Demenz dürfen nicht auf den Verlust ihrer kognitiven Fähigkeiten reduziert werden. Sie sind mehr als ihre Demenz. Sie handeln, also sind sie. (Foto: © Sir Oliver/Fotolia)

Viel wird über Demenz geschrieben, vor allem aus medizinischer und statistischer Sicht. Die wissenschaftliche und statistische Aufbereitung des Themas ist ohne Zweifel wichtig, denn noch immer braucht es viel an Information und Bewusstseinsarbeit. Vor allem aber bedarf es einer radikalen Änderung des Blickes auf den Alltag von Betroffenen mit neuen Blickwinkeln und neuen Sichtweisen, die sich an Kompetenzen und nicht an Defiziten ausrichten.

Entscheidend für den Alltag, für die tägliche Begleitung, für das Zusammenleben mit Menschen mit Demenz ist, von welchem Menschenbild wir uns dabei leiten lassen: von einem Bild, das Menschen als denkendes und wissendes Wesen in den Mittelpunkt stellt – im Sinne von René Descartes: „Ich denke, also bin ich“; oder von einem Bild, das den Blick auf das Person-Sein lenkt; auf einen Status, der dem Einzelnen im Kontext von Beziehung und sozialem Sein von anderen verliehen wird – im Sinne Martin Bubers, für den der Mensch seine Identität erst in der Begegnung mit einem menschlichen Gegenüber erhält.

Demenz. Ich bin mehr.

In einer Gesellschaft, in der Wissen und Information einen hohen Stellenwert haben und sowohl auf individueller als auch auf gesamtgesellschaftlicher  Ebene  bedeutsam  und  mächtig  sind, wird kognitive intellektuelle Leistungsfähigkeit als hohes Gut angesehen. Viel zu leicht und viel zu oft passiert es, dass Menschen, menschliches Wirken und Sein auf diesen Wert reduziert werden: gerade beim Verlust von kognitiven Fähigkeiten, wie er mit der Demenz einhergeht.

Menschen mit Demenz dürfen nicht auf den Verlust ihrer kognitiven Fähigkeiten reduziert werden. Sie sind mehr als ihre Demenz. Sie handeln, also sind sie.
Daniela Palk

Umso bedeutender ist es, die Dimensionen des Personseins – etwas wert sein, etwas tun und bewirken können, Kontakt zu anderen Menschen haben und dazugehören, Sicherheit, Urvertrauen und Hoffnung verspüren – zu betonen und zu leitenden Werten zu machen.

Menschen mit Demenz dürfen nicht auf den Verlust ihrer kognitiven Fähigkeiten reduziert werden. Sie sind mehr als ihre Demenz. Sie handeln, also sind sie.

An uns als Individuen und an uns als Gesellschaft liegt es, Menschen mit Demenz im Sinne Martin Bubers in den Beziehungen zum Du zumachen – und uns zum Ich. Wir sind es, die Menschen mit Demenz ihren Status in den täglichen Begegnungen geben. Dies gilt sowohl in den institutionalisierten Formen von Unterstützung, Begleitung und Pflege als auch im privaten Kontext. ProfessionistInnen benötigen dabei genauso Unterstützung wie Angehörige.

Die Gefühlswelt bleibt lange intakt, und Menschen mit Demenz spüren, wie wir ihnen begegnen – wie wir mit ihnen in Beziehung treten, ob wir sie auf den Abbau ihrer geistigen Fähigkeiten und ihre Defizite reduzieren oder ob wir uns ehrlich und gewissenhaft darum bemühen, ihnen als Personen zu begegnen, und sie in ihrem Personsein stützen und stärken.  

Porträt von Daniela Palk

Dr.in Daniela Palk ist Soziologin und im Diakoniewerk Gallneukirchen für die Leitung des Kompetenzmanagements Seniorenarbeit zuständig. Sie hat sich intensiv mit skandinavischen Altenhilfesystemen befasst und ist mit Fragen der Qualitätssicherung, fachlichen Konzepten und der Gestaltung der Dienstleistungen betraut. Langjährige Berufserfahrung hat sie auch in der Sozialplanung der Landesverwaltung Oberösterreich gewonnen.

Demenz geht uns alle an!

Mehr als 130.000 Personen in Österreich sind an Demenz erkrankt. Laut Prognosen dürfte sich diese Zahl bis 2050 noch verdreifachen. Unser Themenschwerpunkt mit hilfreichen Informationen, Interviews und Reportagen.