Interview mit Dr. Monika Matal

Wir helfen Kranken ohne E-Card

Seit über zehn Jahren engagiert sich die Ärztin Dr. Monika Matal ehrenamtlich in der Einrichtung AmberMed für Menschen ohne Versicherungsschutz. Der Bedarf ist groß. Die Begeisterung ebenso.

12.07.2017
Dr. Monika Matal macht eine Ultraschall-Untersuchung (Foto: Regina Hügli)
„Ängste, schlechte Wohnverhältnisse und soziale Ausgrenzung verzögern den Heilungsverlauf“, Dr. Monika Matal. (Foto: Regina Hügli)

Sie engagieren sich seit über zehn Jahren ehrenamtlich bei AmberMed. Was sind Ihre Beweggründe?

Dr. Monika Matal: Ich habe damals zufällig von einer Kollegin von AmberMed erfahren. Ich fand das interessant und hab mir AmberMed angeschaut. Dann habe ich an meinen ordinationsfreien Tagen begonnen, bei AmberMed zu praktizieren. Es hat mir einfach gefallen! Das Team ist total nett, die Idee dahinter ist großartig und der Bedarf wächst. Deshalb bleib ich dabei!

Wieso braucht es AmberMed?

Offensichtlich gibt es sehr viele Menschen, die über keine Krankenversicherung verfügen und zum österreichischen Gesundheitssystem keinen Zugang haben. Hauptsächlich kommen Personen mit Migrationshintergrund zu uns, aber auch Österreicher*innen. Die Gründe der fehlenden Versicherung sind vielfältig: Manche haben keinen Asylstatus. Andere kommen aus atypischen Beschäftigungsverhältnissen oder aus zerbrochenen Partnerschaften, weshalb die Versicherung weggefallen ist. Auch ehemalige Unternehmer, die in Konkurs gegangen sind, kommen zu uns.

Mit welchen spezifischen Problemen sind Sie in Ihrer Arbeit konfrontiert?

Zu den medizinischen Problemen kommen noch Existenzängste. Ängste wegen des Asylstatus, Aufenthaltstitels, Arbeitsplatzes und Frage der Wohnmöglichkeit. Das sind Probleme, die reguläre Patienten nichthaben, weil die üblicherweise versichert sind und über eine Wohnmöglichkeit sowie ein soziales Netz verfügen. Die Menschen, die zu AmberMed kommen, haben das alles nicht.

Wirkt sich das auch auf den Krankheitsverlauf aus?

Natürlich. Wenn es keine Möglichkeit des Rückzugs und der Ruhe gibt, dauert alles länger. Die Wohnverhältnisse sind oft sehr schlecht. Feuchtigkeit und viel zu viele Menschen auf engem Wohnraum, keine gesunde Ernährung. Das verzögert den Heilungsverlauf.

Dr. Monika Matal macht eine Ultraschall-Untersuchung (Foto: Regina Hügli)
„Ängste, schlechte Wohnverhältnisse und soziale Ausgrenzung verzögern den Heilungsverlauf“, Dr. Monika Matal.

Das Behandlungskonzept von AmberMed ist auf Nachhaltigkeit ausgelegt. Was bedeutet das?

Die rein medizinische Versorgung ist zu wenig. Deshalb bieten wir auch sozialarbeiterische Unterstützung, wobei die Inklusion ins Sozialsystem das wichtigste Ziel ist. Unser Team vermittelt an geeignete Beratungsstellen, hilft bei Amtswegen und dem Erlangen von Papieren bzw. einer Krankenversicherung. Immer wieder kommen Frauen, die mich von AmberMed kennen, später in meine reguläre Praxis. Es ist toll zu sehen, wie viel diese Frauen geschafft haben: Sie sind krankenversichert, haben Deutsch gelernt und eine Arbeit gefunden – also die Integration gemeistert. Nachhaltig arbeiten bedeutet auch Gesundheitsvorsorge. Zum Beispiel unsere umfassende Informationsarbeit, Raucherentwöhnungsprogramme oder Stillberatung.

Hat sich die Arbeit verändert?

Sie ist mehr geworden. Einerseits, weil uns immer mehr Menschen kennen und andererseits, weil 2015 viele Menschen gekommen sind. Unsere Ordinationszeiten werden immer weiter ausgedehnt oder auch ausgelagert. Denn manche ÄrztInnen helfen auch ehrenamtlich in den eigenen Ordinationen. Das heißt, wir können Patient*innen dorthin verweisen.

Wie viele Ärzt*innen sind derzeit bei AmberMed tätig?

Im Moment sind 52 ÄrztInnen ehrenamtlich tätig. Dazu kommen zahlreiche ehrenamtliche Dolmetscher* innen und Assistent*innen, die für das Funktionieren von AmberMed unverzichtbar sind.

Werden derzeit Ärzt*innen oder andere helfende Hände gesucht?

Ja! Immer, immer, immer! Alle Fachrichtungen und praktische Ärzt*innen. Dabei ist es möglich, dass sie hier bei AmberMed oder in der eigenen Praxis ordinieren. Aber auch für Dolmetscher*innen und Assistent*innen gibt es laufend Möglichkeiten bei uns einzusteigen.

Welche Qualifikationen sollten Interessierte für diese Arbeit mitbringen?

Vor allem Idealismus und Begeisterung. Sonst arbeitet man in seinem Spezialgebiet. Wenn jemand Spezialist*in für Diabetes ist, dann weisen wir Patient*innen mit diesem Krankheitsbild zu.

Wie viel Zeit sollten Ehrenamtliche haben?

Ein halber Tag im Monat hilft schon. Aber natürlich gilt: Je mehr umso besser. Wir haben eine gewisse Fluktuation: Manche pensionierte Ärzt*innen hören nach ein paar Jahren wieder auf, weil es ihnen zu viel wird. Oder es ändert sich die private Situation und die Zeit wird weniger. Die Kontinuität über Jahre ist nicht immer gegeben. Deshalb sind wir laufend auf der Suche.

Wir suchen laufend Ehrenamtliche.
Dr. Monika Matal

Sie selbst sind schon seit über zehn Jahren bei AmberMed!

Ja. Die ersten Jahre habe ich nur die Gynäkologie-Ordination gemacht. Später habe ich auch die ärztliche Leitung übernommen. Natürlich geht die Tätigkeit bei AmberMed auf Kosten meiner Freizeit. Aber ich mach‘ es gern. Es ist so eine positive Arbeit und man kriegt viel zurück. Zum Beispiel hat mir einmal eine Patientin als Zeichen der Dankbarkeit eine Orange geschenkt. Da war sehr viel Wärme dabei und es geht ja um die Geste, die zählt. Nach der Geburt bringen viele Frauen ein Foto vom Baby – wir haben jetzt eine Fotowand gestartet.

Sie sagen es sei eine schöne Arbeit – trotz der vielen Härtefälle und furchtbaren Fluchtgeschichten?

Ja, auch wenn man viele schreckliche Geschichten hört. Wie Vergewaltigungen oder Frauen, die auf der Flucht ihre Kinder verloren haben, unendliche Brutalität. Das musst du verdauen können. Aber im Team reden wir darüber und es gibt auch die Möglichkeit einer Supervision. Man hört oft schlimme Sachen und umso mehr schätzt man die Gnade der Geburt in Österreich.

Sie haben in Ihrer Ordination auch Spendenaktionen gemacht. Zum Beispiel Modeschmuck verkauft. Wie ist das angekommen?

Meine Patientinnen haben großes Interesse an meiner Tätigkeit bei AmberMed gezeigt. Einige haben etwas gekauft, andere einfach so gespendet. Eine meiner Patientinnen ist Lehrerin, sie hat dann eine Aktion in ihrer Schule für AmberMed gestartet. Das war toll.

Wie ist derzeit die finanzielle Situation von AmberMed?

Die öffentlichen Gelder reichen nicht aus. Wir sind auf private Spendengelder angewiesen, um die Dinge zu finanzieren, die wir brauchen. Medikamente, medizinische Instrumente und natürlich das Gehalt der hauptamtlich Angestellten. Ich bin schon so lange hier und kann von Herzen sagen: AmberMed ist eine tolle Sache und ist es wert, sie zu unterstützen!

So können Sie AmberMed unterstützen!

AmberMed unterstützt Menschen ohne Versicherungsschutz mit medizinischer Versorgung. Das Team von AmberMed ist auf die Unterstützung von ehrenamtlichen HelferInnen und SpenderInenn angewiesen.

So können Sie helfen